Sepp Mall
Wundränder
(Leseprobe aus: Wundränder,
Roman, 2004, Haymon)
Sein Vater habe sich in Luft aufgelöst, sagte der
Junge, von einem Tag auf den anderen.
Eines Morgens, als er, schlaftrunken noch, nach unten kam, war es eben
passiert. Die Schranktüren in der Küche standen weit aufgerissen, die
Schubladen lagen auf dem Fußboden verstreut, und mitten im Durcheinander
kniete seine Mutter. Er wird gleich wiederkommen, war das Erste, was sie
sagte.
Sie kniete da, verwirrt und fassungslos, als wäre sie eines der aus den Kästen
geworfenen Dinge. Er kommt gleich wieder, wiederholte sie mit tonloser Stimme,
und auch seine Schwester hörte den ganzen Vormittag nicht auf, davon zu
reden. Er kommt bald wieder, sagte sie, morgen, übermorgen ganz bestimmt.
Aber der Vater kam nicht mehr. An diesem Tag nicht und am nächsten auch
nicht. Sie räumten die Wohnung auf, setzten die Schubladen wieder ein und
warteten. Darauf, dass es an der Haustür klingelte oder sich der Schlüssel
im Türschloss drehte, Vaters Schlüssel. Der Junge kroch auf dem Fußboden
herum, reichte seiner Mutter die Lebensmittel, Besteckteile und Papiere, die
unter die Kästen gerutscht waren, und seine Schwester ging mit dem Besen von
einem Zimmer ins andere. Darüber vergingen die Wochen, und das Einzige, was
kam, war ein Brief, den ein Rechtsanwalt vorbeibrachte.
Seit jenem Morgen, sagte der Junge, habe er den Eindruck, dass seine Mutter
anders rieche. Es sei ein Duft, der einen an helle Frühlingstage erinnere, an
denen der Schnee draußen vor den Fenstern dahinschmilzt, und irgendetwas
schien er auch von den durchsichtig blauen Flakons zu haben, die nebeneinander
aufgereiht im Bad standen und in denen seine Mutter das Bleichmittel für ihre
Haare aufbewahrte. Es war ein Geruch, der etwas Leichtes hatte und Flüchtiges,
und irgendwann war er sich sicher, dass es der Duft ihrer Tränen war und
nichts anderes.
Das war jetzt so. Seit Vater weg war, lief Pauls Mutter durch die Zimmer,
durchs ganze Haus, treppauf, treppab, weinte und redete mit sich selbst. Wie
kannst du nur, murmelte sie vor sich hin, und wenn sie merkte, dass man ihr
zuhörte, rannte sie davon, ins Bad oder die Stufen hinauf in die Diele. Im
Schlafzimmer warf sie sich bäuchlings aufs Bett, und sie sahen ihr von der
Treppenschlucht aus zu, durch die offen gebliebene Tür.
Am Mittagstisch, während sie das Geschirr austeilte, schlichen sich Rinnsale
über ihre Wangen und nichts ließ ihren Fluss versiegen. Sie nahm die Pfannen
vom Herd und trug sie zum Tisch, sie schöpfte die Teller voll und ihre Tränen
zerflossen in der Suppe, auf dem Fleisch, der Polenta.
Paul blickte seine Schwester an und sie ihn, und das Tränenwasser, das sie aßen,
verätzte ihre Stimmbänder. Stumm schoben sie das Essen in sich hinein,
schielten aus den Augenwinkeln nach ihrer Mutter, löffelten ihre Teller aus
bis auf den letzten Rest und stritten sich nicht, wer beim Abwasch helfen
musste.
Während der Italienischstunde fragte ihn Herbert, was sein Vater angestellt
habe.
Nichts, sagte Paul, gar nichts.
Wegen nichts kommt man nicht ins Loch, sagte Herbert. Vielleicht hat er jemand
umgebracht, wer weiß, und er fuhr mit ausgestrecktem Finger quer über seinen
Hals.
Auf dem Pausenhof zog er Paul von den anderen weg, weil er meinte, dass die
Sache mit dem Vater nicht alle wissen müssten. Sie stellten sich hinten unter
die Lindenbäume, wo die Müllkübel standen, und Herbert riss sein
Marmeladebrot in der Mitte auseinander. Er bot Paul die eine Hälfte an und
sagte, dass er das mit dem Umbringen nicht so gemeint habe.
Aber er ist unschuldig, sagte Paul, ganz bestimmt.
Das behaupten alle von sich, sagte Herbert.
Seine Mutter hatte zu nahe am Wasser gebaut. Das sagte sie manchmal über sich
selbst, wenn der Tränenfluss wieder einmal nicht aufzuhalten war und sie
merkte, dass sie sie hilflos betrachteten. Dann lachte sie auf, ein kurzes
helles Meckern, und es schien, als könnte sie es selbst kaum fassen, dass
ihre Quelle nie versiegte.
Hohe Luftfeuchtigkeit, höhnte Pauls Schwester und versuchte so zu tun, als würde
ihr das alles nichts ausmachen. Aber dann knallte sie die Türen zu und
schrie, dass sie sie alle gern haben könnten.
Wenn Paul mit seiner Mutter allein war, zog sie ihn manchmal an sich und
umschlang ihn mit beiden Armen. Sie flüsterte, dass er sie nie verlassen dürfe,
nie, nie, und presste ihn gegen ihren Bauch, wo er ihr Herz schlagen hörte.
Er schüttelte den Kopf, wollte ihr antworten, aber die Kraft ihrer Arme drückte
ihm den Atem ab, und dann musste er auf sie einschlagen, damit sie ihn losließ,
bevor ihm schwarz wurde vor Augen.
Wir müssen jetzt alle zusammenhalten, sagte seine Mutter, die ganze Familie.
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Haymon