Die Haut von Curzio Malaparte, 2006, Zsolnay

Curzio Malaparte

Die Pest
(Leseprobe aus: Die Haut, Roman, 2006, Zsolnay - Übertragung Hellmut Ludwig, Nachwort Thomas Steinfeld)

Es waren die Tage der »Pest« in Neapel. Jeden Nachmittag um fünf Uhr, nach einer halben Stunde Punchingball und einer heißen Dusche in der Sporthalle der P.B.S., Peninsular Base Section, gingen Colonel Jack Hamilton und ich zu Fuß zur Piazza San Ferdinando hinab; mit den Ellbogen mußten wir uns einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die sich vom frühen Morgen bis zur abendlichen Sperrstunde lärmend auf der Via Toledo drängte.

Wir waren sauber gekleidet, gebadet, wohlgenährt, Jack und ich, inmitten dieser elenden, schmutzigen, verhungerten, in Lumpen gekleideten, fürchterlichen Volksmassen Neapels, die von den aus allen Rassen der Erde bestehenden Soldatenscharen der Befreierheere hin und her gestoßen und in allen Sprachen, in allen Dialekten der Welt beschimpft wurden. Die Ehre, als erste befreit zu werden, hatte das Schicksal, unter allen Völkern Europas, dem neapolitanischen Volke zuteil werden lassen: Und um eine so wohlverdiente Belohnung festlich zu begehen, hatten meine armen Neapolitaner nach drei Jahren Hunger, Seuchen, wütender Bombardements dem Vaterland zuliebe die heiß ersehnte und beneidete, ehrenvolle Aufgabe bereitwillig übernommen, die Rolle eines besiegten Volkes zu spielen, zu singen, in die Hände zu klatschen, vor Freude zwischen den Ruinen ihrer Häuser zu tanzen, fremde bis zum Vortage noch feindliche Fahnen zu schwenken und aus den Fenstern Blumen über die Sieger zu streuen.

Aber trotz der allgemeinen aufrichtigen Begeisterung gab es nicht einen einzigen Neapolitaner in ganz Neapel, der sich als Besiegter gefühlt hätte. Ich vermöchte nicht zu erklären, wie dieses seltsame Gefühl in der Volksseele entstanden war. Es stand außer Zweifel, daß Italien, und somit auch Neapel, den Krieg verloren hatte. Es ist sicher weit schwieriger, einen Krieg zu verlieren als ihn zu gewinnen. Einen Krieg gewinnen - das können alle, aber nicht alle sind fähig, ihn zu verlieren. Doch genügt es nicht, den Krieg zu verlieren, um das Recht zu haben, sich als besiegtes Volk zu fühlen. In ihrer von alters her überkommenen Weisheit, die aus der schmerzensvollen Erfahrung vieler Jahrhunderte gespeist wurde, und in ihrer aufrichtigen Bescheidenheit maßten sich meine armen Neapolitaner nicht das Recht an, sich als besiegtes Volk zu fühlen. Es war das ohne Zweifel ein schwerer Mangel an Takt. Aber konnten die Alliierten mit dem Anspruch auftreten, die Völker zu befreien und sie gleichzeitig zwingen, sich als Besiegte zu fühlen? Entweder frei oder besiegt. Es wäre ungerecht, dem neapolitanischen Volk einen Vorwurf daraus zu machen, wenn es sich weder frei noch besiegt fühlte.

Während ich neben Colonel Hamilton einherging, kam ich mir in meiner englischen Uniform erstaunlich lächerlich vor. Die Uniformen des italienischen Befreiungskorps waren alte englische khakifarbene Monturen, die vom britischen Oberkommando an Marschall Badoglio geliefert und intensivgrün, eidechsenfarben, umgefärbt worden waren, wohl um die Blutflecken und Durchschüsse zu überdecken. Es waren tatsächlich Uniformen, die man den vor El Alamein und Tobruk gefallenen britischen Soldaten abgenommen hatte. An meiner Jacke waren die Löcher von drei Maschinengewehr-Durchschüssen zu sehen. Mein Netzhemd, meine Bluse, meine Unterhose waren blutbefleckt. Selbst meine Schuhe stammten von der Leiche eines englischen Soldaten. Als ich sie das erstemal anzog, verspürte ich unter der Fußsohle ein Stechen. Ich dachte anfangs, daß sich im Schuh ein Stückchen Knochen des Toten festgesetzt habe. Es war ein Nagel. Es wäre wohl besser gewesen, wenn es sich wirklich um ein Stückchen Knochen des Gefallenen gehandelt hätte; es wäre viel leichter für mich gewesen, ihn zu entfernen. Ich brauchte eine halbe Stunde, um eine Zange aufzutreiben und den Nagel herauszuziehen. Man kann es nicht anders behaupten: Er hatte für uns wirklich gut geendet, dieser unsinnige Krieg. Er konnte sicherlich nicht besser enden. Unser Selbstgefühl als besiegte Soldaten war gerettet: Nunmehr kämpften wir an der Seite der Alliierten, um mit ihnen zusammen ihren Krieg zu gewinnen, nachdem wir den unseren verloren hatten; es war deshalb nur natürlich, daß wir in die Uniformen der von uns getöteten alliierten Soldaten gekleidet waren.

Als es mir endlich gelang, den Nagel zu entfernen und den Schuh anzuziehen, war die Kompanie, deren Führung ich übernehmen sollte, schon seit einer Weile im Hof der Kaserne angetreten. Die Kaserne war ein altes Kloster in der Gegend der Torretta, jenseits der Mergellina, im Laufe der Jahrhunderte und durch die Bombardements arg baufällig geworden. Der Hof in Form eines Kreuzganges war auf drei Seiten von einem Portikus mit mageren Säulen aus grauem Tuff umgeben, auf der vierten Seite von einer hohen gelben Mauer, bedeckt von Moderflecken und großen Marmortafeln, auf denen unter großen schwarzen Kreuzen lange Kolonnen von Namen eingemeißelt waren. Das Kloster war während einer früheren Cholera-Epidemie Lazarett gewesen, und dies waren die Namen der an der Cholera Gestorbenen. An der Mauer stand in großen schwarzen Buchstaben geschrieben: Requiescant in pace.

Oberst Palese wollte mich persönlich meinen Soldaten vorstellen, in einer jener traulichen Zeremonien, an denen alte Militärs so sehr hängen. Er war ein großer, hagerer Mann mit schlohweißen Haaren. Er drückte mir schweigend die Hand und seufzte wehmütig lächelnd. Die Soldaten - sie waren fast alle sehr jung und hatten sich gegen die Alliierten in Afrika und Sizilien gut geschlagen, und aus diesem Grunde hatten die Alliierten sie dazu ausgewählt, die Keimzelle des italienischen Befreiungskorps zu stellen - standen im Hofe angetreten, dort vor uns, und blickten auf mich. Sie trugen gleichfalls Uniformen, die man den vor El Alamein und Tobruk gefallenen englischen Soldaten abgenommen hatte, ihre Schuhe waren Schuhe von Toten. Ihre Gesichter waren bleich und abgezehrt, die Augen weiß und ohne Bewegung, aus einer weichen, trüben Materie gebildet. Sie blickten starr auf mich, ohne, schien es mir, mit den Wimpern zu zucken.

Oberst Palese gab ein Zeichen mit dem Kopf, und der Feldwebel brüllte: »Kompanie, stillgestanden!« Der Blick der Soldaten ruhte schwer auf mir, mit der schmerzlichen Intensität des Blicks einer toten Katze. Ihre Gliedmaßen wurden regungslos, sie erstarrten im Stillgestanden. Die Hände, die die Gewehre preßten, waren weiß und blutleer: Die schlaffe Haut der Fingerspitzen hing herab wie das Leder eines zu weiten Handschuhs.

Oberst Palese ergriff das Wort und sprach: »Ich stelle euch euren neuen Hauptmann vor …«, und während er sprach, betrachtete ich diese italienischen Soldaten in ihren den englischen Gefallenen abgenommenen Uniformen, betrachtete die blutleeren Hände, die bleichen Lippen, die weißen Augen. Verschiedentlich, an der Brust, am Leib, an den Beinen wiesen ihre Uniformen schwarze Blutflecken auf. Plötzlich bemerkte ich mit Entsetzen, daß diese Soldaten tot waren. Sie dünsteten einen bleichen Geruch nach moderndem Stoff aus, nach faulendem Leder, nach in der Sonne dörrendem Fleisch. Ich sah Oberst Palese an, er war gleichfalls tot. Die Stimme, die von seinen Lippen kam, war feucht, kalt, klebrig, wie jene gräßlichen Gurgeltöne, die aus dem Munde eines Toten dringen, wenn man ihm mit der Hand auf den Magen drückt.

»Lassen Sie rühren«, sagte Oberst Palese zu dem Feldwebel, als er seine kurze Ansprache beendet hatte. »Kompanie, rührt euch!«, brüllte der Unteroffizier. Die Soldaten ließen sich, den linken Fuß wegsetzend, in eine lässige und müde Haltung gleiten und betrachteten mich mit weichem, abwesendem Blick. »Und jetzt«, sagte Oberst Palese, »wird euer neuer Hauptmann kurz zu euch sprechen.« Ich öffnete die Lippen, und ein entsetzliches Gurgeln drang mir aus dem Mund, es waren spröde, schwerfällige, schlaffe Worte. Ich sprach: »Wir sind die Freiwilligen der Freiheit, die Soldaten des neuen Italien. Wir müssen die Deutschen bekämpfen, sie aus unserem Hause jagen, sie über unsere Grenzen zurückwerfen. Die Blicke aller Italiener sind auf euch gerichtet: Wir müssen die in den Schmutz gesunkene Fahne wieder emporheben, müssen allen ein Beispiel in dieser Schmach sein, uns der Stunde, die heute schlägt, und der Aufgabe, die das Vaterland uns anvertraut, würdig erweisen.« Als ich geendet hatte, sprach Oberst Palese zu den Soldaten: »Jetzt wird einer von euch wiederholen, was euer Hauptmann gesagt hat. Ich will sicher sein, daß ihr es verstanden habt. Du«, sagte er, auf einen Soldaten deutend, »wiederhole, was euer Hauptmann gesagt hat.«

Der Soldat schaute mich an, er war bleich und hatte die blutleeren, dünnen Lippen eines Toten. Er sprach langsam, mit einem gräßlichen Gurgeln in der Stimme: »Wir müssen uns der Schmach und Schande Italiens würdig erweisen.«

Oberst Palese trat zu mir heran, sagte mit leiser Stimme: »Die haben begriffen«, und entfernte sich schweigend. Unter seiner linken Achsel breitete sich ein schwarzer Blutfleck langsam über das Tuch der Uniform aus. Ich betrachtete diesen sich allmählich vergrößernden Blutfleck, folgte mit den Augen diesem alten italienischen Oberst in seiner Uniform eines gefallenen Engländers, ich schaute ihm nach, wie er sich langsam unter dem Knirschen seiner einem toten englischen Soldaten abgenommenen Stiefel entfernte, und der Name Italiens hinterließ mir einen üblen Geschmack im Munde wie ein Stück verdorbenen Fleisches.



»This bastard people«, zischte Colonel Hamilton zwischen den Zähnen, während er sich einen Weg durch die Menge bahnte.

»Weshalb sprichst du so, Jack?«

Gegenüber dem Augusteum angelangt, bogen wir gewohnheitsmäßig, jeden Tag, in die Via Santa Brigida ein, wo sich die Menge nicht so drängte, und blieben einen Augenblick stehen, um wieder zu Atem zu kommen.

»This bastard people«, sagte Jack, indem er seine in dem fürchterlichen Gedränge verzerrte Uniform in Ordnung brachte.

»Don't say that, sprich nicht so, Jack.«

»Why not? This bastard, dirty people.«

»Oh, Jack! Ich bin auch ein Bastard, ich bin auch ein schmutziger Italiener. Aber ich bin stolz darauf, ein schmutziger Italiener zu sein. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir nicht in Amerika geboren sind. Ich bin sicher, daß wir ein bastard, dirty people auch sein würden, wenn wir in Amerika geboren wären. Don't you think so, Jack?«

»Don't worry, Malaparte«, sagte Jack, »sei mir nicht böse. Life is wonderful.«

»Ja, das Leben ist etwas Herrliches, Jack, ich weiß, es. Aber sprich nicht so, don't say that.«

»Sorry«, sagte Jack und schlug mir auf die Schulter, »ich wollte dich nicht kränken. Man sagt halt so. I like Italian people. I like this bastard, dirty, wonderful people.«

»Ich weiß, Jack, daß du diesem armen, unglücklichen, wunderbaren Volk wohlwillst. Kein Volk auf Erden hat so viel gelitten wie das neapolitanische Volk. Es erduldet Hunger und Knechtschaft seit zwanzig Jahrhunderten und klagt nicht. Es flucht niemandem, haßt niemanden: nicht einmal sein Elend. Christus war Neapolitaner.«

»Red kein dummes Zeug«, sagte Jack.

»Das ist kein dummes Zeug. Christus war Neapolitaner.«

»Was hast du heute, Malaparte?« fragte Jack und sah mich mit seinen gutmütigen Augen an.

»Nichts. Was soll ich haben?«

»Du bist finsterer Stimmung«, sagte Jack.

»Weshalb sollte ich schlechter Stimmung sein?«

»I know you, Malaparte. Du bist schlecht gelaunt heute.«

»Ich bin traurig wegen Cassino, Jack.«

»Zum Teufel mit Cassino, the hell with Cassino.«

»Ich bin traurig, wirklich traurig über das, was bei Cassino vorgeht.«

»The hell with you«, sagte Jack.

»Es ist wirklich ein Jammer, daß es euch bei Cassino so schlecht ergeht.«

»Shut up, Malaparte.«

»Sorry. Ich wollte dich nicht kränken, Jack. I like Americans. I like the pure, the clean, the wonderful American people.«

»Ich weiß, Malaparte. Ich weiß, daß du die Amerikaner gern hast. But, take it easy, Malaparte. Life is wonderful.«

»Zum Teufel mit Cassino, Jack.«

»Oh yes. Zum Teufel mit Neapel, Malaparte, the hell with Naples.«

Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Es war nicht der Geruch, der gegen Sonnenuntergang aus den Gassen um den Toledo, von der Piazza delle Carrette, von Santa Teresella degli Spagnoli herabdringt. Es war nicht der Geruch der Fischbratereien, der Weinschenken, der aus einem Eck geteerter Hausmauer bestehenden Bedürfnisanstalten im Gewühl der stinkenden finsteren Gassen der volkreichen Viertel, oberhalb der Via Toledo nach San Martino hinauf. Es war nicht jener bleiche, dumpfe, klebrige Geruch aus tausend Ausdünstungen, »de mille délicates puanteurs«, wie Jack sagte, den die an den Tabernakeln der Gassenecken, zu Füßen der Jungfrau aufgehäuften, verwelkten Blumen zu bestimmten Tagesstunden über die ganze Stadt hin ausbreiten. Es war nicht der Geruch des Scirocco nach Schafkäse und verdorbenem Fisch. Es war auch nicht jener Geruch nach gesottenem Fleisch, der aus den Bordellen gegen Abend sich über Neapel legt, jener Geruch, »sombre comme une aisselle, pleine d'une ombre chaude vaguement obscène«, aus dem Jean Paul Sartre, während er eines Tages die Via Toledo hinabging, die »parenté immonde de l'amour et de la nourriture« herausspürte. Nein, es war nicht jener Geruch nach gesottenem Fleisch, der zur Stunde des Sonnenuntergangs über Neapel hängt, »quand la chair des femmes a l'air bouillie sous la crasse«. Es war ein Geruch von außerordentlicher Reinheit und Leichtigkeit: mager, schwebend, durchscheinend, ein Geruch nach staubendem Meer, nach salziger Nacht, ein Geruch nach einem alten Wald aus Bäumen von Pappe und Leim.

In Scharen zogen zerzauste, geschminkte Frauen, von Gruppen bleichhändiger Negersoldaten gefolgt, die Via Toledo auf und nieder, spalteten die Menschenmenge mit ihrem schrillen Geschrei: »Ehi, Joe! Ehi, Joe!« An den Ecken der Seitengassen standen in langen Reihen, eine jede hinter der Rückenlehne eines Stuhles, die »capere«, die dienstbereiten Frisiermädchen. Auf diesen Stühlen saßen, den Kopf mit geschlossenen Augen auf die Lehne zurückgebogen, oder vornüber auf die Brust geneigt, athletische Neger mit kleinem, rundem Kopf, mit ihren hellgelben Schuhen, leuchtend wie die Füße der vergoldeten Engelsstatuen in der Kirche Santa Chiara; die Capere, zeternd, einander mit schneidender, seltsam gutturaler Stimme zuschreiend, singend oder unter äußerstem Stimmaufwand mit den an Fenstern und Balkonen wie in einer Theaterloge lehnenden Gevatterinnen streitend, tauchten ihre Kämme in das wollige gekräuselte Negerhaar, zogen mit beiden Händen zupackend die Kämme zu sich hin, spuckten auf die Zinken, um sie leichter gleiten zu machen, gossen sich Ströme von Brillantine auf die Handteller, striegelten und glätteten den wilden Haarwuchs der Patienten wie die Masseusen.

Gruppen zerlumpter Gassenjungen, vor ihren mit Splittern von Perlmutt, von Seemuscheln und Spiegelscherben überzogenen Holzkästen kniend, trommelten mit den Kanten ihrer Bürsten auf die Kästendeckel, ununterbrochen schreiend: »Sciuscià! Schuschà! Shoe-shine! Shoe-shine!« und packten indessen im Fluge mit der fleischlosen, gierigen Hand nach einem Hosenbein der Negersoldaten, die, in den Hüften sich wiegend, vorüberschlenderten. Die Marokkaner kauerten gruppenweise längs der Hauswände, in ihre dunklen Mäntel gehüllt, in den blatternarbigen Gesichtern blinkten die gelben Augen aus den dunklen, runzligen Augenhöhlen; mit fiebernden Nüstern schnoberten sie den mageren Geruch aus der staubigen Luft.

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