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Kaputt
(Leseprobe aus: Kaputt,
Roman, 2005, Zsolnay -
Übertragung Hellmut Ludwig)
Das Innere der Sauna, des finnischen
Dampfbades, wird von dem großen Ofen und einem Wasserkessel eingenommen, aus
dem das Wasser auf die glühenden Steine, die über dem duftenden
Birkenholzfeuer aufgeschichtet sind, herabtropft und so die Dampfwolke erzeugt.
Auf den stufenförmig übereinander gebauten Bänken längs der Wände der Sauna
sitzen und liegen etwa zehn nackte Männer. Sie sind so weiß, so weich, so
schlaff, so wehrlos. So ganz außerordentlich nackt, daß sie überhaupt keine
Haut zu haben scheinen. Ihr Fleisch gleicht dem der Schaltiere; es ist blaß,
rosig und verströmt den säuerlichen Geruch der Schaltiere. Ihre Brust ist
breit und fett, der Busen üppig und überhängend. Das Gesicht dieser Männer,
ernst und hart, eben ein deutsches Gesicht, bildete einen seltsamen Gegensatz zu
diesen weißen und schlaffen nackten Gliedern, es wirkte beinahe wie eine Maske.
Die nackten Männer sitzen oder liegen auf den Bänken wie müde Leichname. Hin
und wieder erheben sie langsam und mit Anstrengung einen Arm, um den Schweiß
abzuwischen, der von ihren weißlichen Gliedern rinnt, die mit gelben
Sommersprossen wie eine Art leuchtender Krätze bedeckt sind.
Nackte deutsche Männer wirken eigenartig wehrlos. Sie sind ohne Geheimnis. Sie
erregen keine Furcht mehr. Das Geheimnis ihrer Stärke ist nicht in ihrer Haut,
in ihren Knochen, in ihrem Blut, sondern in ihrer Uniform. Sie sind derart
nackt, daß sie sich nur in Uniform bekleidet fühlen. Ihre eigentliche Haut ist
die Uniform. Wenn die Völker Europas wüßten, welch schlaffe, wehrlose und
tote Nacktheit sich unter dem Feldgrau der deutschen Uniform verbirgt, würde
das deutsche Heer auch dem schwächsten und schlechtestbewaffneten Volk keine
Angst mehr einflößen. Ein Kind würde es wagen, einem Bataillon
entgegenzutreten. Es genügt, sie nackt zu sehen, um den verborgenen Sinn ihres
Lebens als Volk, der Geschichte ihrer Nation zu verstehen. Sie waren nackt vor
uns wie schüchterne, sich schämende Leichname. General Dietl hob den Arm und
rief mit lauter Stimme »Heil Hitler!« »Heil Hitler!« antworteten die nackten
Männer, und einige hoben mühsam den mit einem Bündel Birkenreiser bewaffneten
Arm. Diese Birkenruten dienen zur Selbstgeißelung, es ist der bezeichnendste
Augenblick des Saunabadens, sein heiligster Ritus. Aber selbst die Geste dieser
rutenbewaffneten Arme wirkte weich und wehrlos.
Unter diesen nackten Männern befand sich einer, der auf der untersten Bank saß,
ein Mann, den ich irgendwie zu kennen glaubte. Der Schweiß tropfte von seinem
Gesicht mit den vorspringenden Backenknochen, und in diesem Gesicht leuchteten
die kurzsichtigen Augen, die keine Brille verhüllte, in einem weißlichen und
weichen Licht gleich dem der Augen eines Fisches. Er hielt den Kopf aufrecht, in
der Haltung herausfordernden Stolzes, hin und wieder machte er eine zurückwerfende
Bewegung, und bei dieser ruckartigen, scharfen Bewegung schossen ihm aus den
Augen, aus Nase und Ohren Bäche von Schweiß, es war, als sei dieser Kopf mit
Wasser angefüllt. Die Hände lagen auf den Knien gefaltet, in der Haltung eines
bestraften Schülers. Zwischen den Unterarmen quoll weich und beweglich ein geblähter,
rosiger Bauch mit einem seltsam scharf gemeißelten Nabel, der aus dieser
rosigen Fettmasse aufragte wie eine zarte Rosenknospe – der Nabel eines Kindes
auf dem Bauch eines Greises.
Ich hatte niemals einen so nackten, einen so rosigen Bauch gesehen: so zart, daß
man Lust bekam, ihn mit der Gabel anzustechen. Dicke Schweißtropfen perlten von
der Brust herab, glitten über die Haut dieses rosigen Speckbauches und
sammelten sich auf den Schamhaaren wie Tau auf einem Strauchwerk. Darunter
hingen, klein und quallig, zwei Bällchen in einem zerknitterten Papierbeutel;
und der Mann schien stolz auf diese seine beiden Bällchen zu sein wie Herkules
auf seine Manneskraft. Er schwitzte so sehr, daß es schien, als löse dieser
Mann sich vor unsern Augen im Wasser auf, ich fürchtete, daß binnen kurzem von
ihm nichts weiter übrigbleiben werde als eine leere und schlaffe Hauthülle,
denn selbst die Knochen schienen aufzuweichen, eine schwammige Masse zu werden
und zu zerschmelzen. Der Mann sah aus wie eine Portion Eiscreme, die man in den
Backofen stellt. Ein Amen – und es würde nichts mehr von ihm übrig sein als
eine Schweißlache auf dem Fußboden.
Als Dietl den Arm hob und »Heil Hitler!« rief, stand der Mann auf, und jetzt
erkannte ich ihn. Es war der Mann aus dem Aufzug, es war Himmler. Er stand uns
gegenüber, auf seinen Plattfüßen, deren große Zehen seltsam nach aufwärts
gebogen waren, die kurzen Arme hingen ihm seitlich herab. Ein Schweißbach rann
wie aus einer Wasserleitung von seinen Fingerspitzen; selbst von seinem Penis
strömte ein Wasserstrahl, so daß Himmler aussah wie die Figur des Mannekenpis
in Brüssel. Um die schlaffen Brüste sprossen zwei kleine Haarkronen, zwei
Mondhöfe lichtblonder Haare; von den Brustwarzen spritzte der Schweiß wie
Milch.
Er machte eine Bewegung, sich an der Wand zu stützen, um nicht auf dem feuchten
und glitschigen Bodenbelag auszugleiten, und bot uns so den Anblick seiner zwei
runden, stark ausgebildeten Hinterbacken, die wie eine Tätowierung den Abdruck
der Bankbretter zeigten. Schließlich gelang es ihm, das Gleichgewicht
wiederzufinden, er wandte sich um, hob den Arm und öffnete den Mund, doch der
Schweiß, der von seinem Gesicht herabströmte, lief ihm in den Mund und
hinderte ihn, »Heil Hitler« zu sagen. Bei dieser Bewegung, welche die
Anwesenden als das Signal zur Geißelung auffaßten, hoben die anderen nackten Männer
ihre Birkenruten und begannen zunächst sich gegenseitig zu peitschen, dann, wie
auf Verabredung, schlugen sie mit den Reisern auf Himmler ein, auf Schultern, Rücken
und Gesäß, sich zu immer größerer Heftigkeit steigernd.
Die Birkenruten hinterließen auf diesem schwammigen Fleisch ihre weißen
Spuren, die sodann rot wurden und verschwanden. Ein beweglicher Wald von
Birkenlaub erschien und verschwand an Himmlers Haut. Die nackten Männer hoben
und senkten die Geißeln mit wütender Heftigkeit: Der Atem entfuhr mit kurzem
Zischen ihren geschwellten Lippen. Himmler versuchte anfangs, sich abzuschirmen,
indem er das Gesicht mit den Armen verdeckte und lachte; aber es war ein
gezwungenes Lachen, das Wut und Angst verriet. Dann, als die Gerten ihm die
Flanken peitschten, wand und krümmte er sich nach allen Seiten, schützte sich
den Bauch mit den Ellbogen, stellte sich auf die Fußspitzen, zog den Hals
zwischen die Schultern und lachte unter den Peitschenschlägen sein hysterisches
Lachen, so als litte er mehr unter dem Kitzeln als unter den Streichen der
Birkenreiser. Schließlich erspähte Himmler die offene Saunatür hinter uns
und, die Arme vorstreckend, um sich Platz zu schaffen, bahnte er sich einen Weg,
erreichte die Tür und, verfolgt von den nackten Männern, die nicht abließen,
auf ihn einzupeitschen, entfloh er laufend zum Fluß hinüber und sprang ins
Wasser.
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