Russisches Requiem von Anfrej Makine, Hoffmannund CampeAndrej Makine

aus: Russisches Requiem

Ich bin immer überzeugt gewesen, dass das Haus, das ihrer Liebe Zuflucht geboten hatte und in dem ich später geboren wurde, eher zur Nacht und ihren Sternbildern gehörte als zum Leben dieses gewaltigen Landes, dem sie entkommen waren, ohne es zu verlassen. Dieses Land umgab sie, kesselte sie ein, doch sie waren woanders. Und dass sie schließlich in den bewaldeten Tälern des Kaukasus entdeckt wurden, war dem symbolträchtigen Spiel des Zufalls geschuldet.

Auf symbolische Weise waren alle Bewohner des Landes mehr oder weniger mit dem sagenumwobenen Dasein desjenigen verbunden, der das Reich beherrschte. In ihrem Gebirgsversteck glaubten sie, von dem Kult befreit zu sein, den das Land und sogar der ganze Erdball mit einem Greis trieb, den die Angst verzehrte, seine potentiellen Mörder noch nicht alle ermordet zu haben. Tagsüber jubelte man ihm zu, nach Anbruch der Nacht verfluchte man ihn hastig hinter vorgehaltener Hand. Sie hatten Glück, denn sie mussten ihn mit keinem Wort erwähnen. Am Tag konnten sie an die Erde, das Feuer und den sprudelnden Fluss denken, nachts sich lieben und sich auf die Sterne verlassen.

Das ging so lange gut, bis das letzte Lebensjahr des Diktators anbrach und er sie zur Ordnung rief. Trotz seines krankhaften Wahns, war ihm Ironie nicht fremd, lächelte er häufig hinter seinem Schnurrbart. Sie wollten nicht zu ihm kommen? Dann kam er eben zu ihnen. Die Sprengungen am Berg hallten durch das enge Tal, in dem ihr Haus verborgen lag. Waren es Vorarbeiten zum Bau einer Talsperre, die seinen Namen tragen würde? Plante man einen Stausee zu seinem Ruhm oder eine Hochspannungsleitung, die nach seinem Willen Licht in die abgelegenen Dörfer bringen sollte? Oder handelte es sich um Bodenschätze, die zu seiner Ehre erschlossen wurden? Welchem Zweck diese Arbeiten auch dienen mochten, sie wussten nur, dass der Herrscher des Reichs seinen Schatten über sie geworfen hatte.

Bei jeder Explosion wurden Felsblöcke über den Höhenkamm geschleudert. Sie rollten den Abhang hinunter, manche wurden vom Dickicht des Unterholzes aufgehalten, andere zerteilten die glatte Oberfläche des Flusses. Einige blieben nur wenige Meter vor den Palisaden liegen, die das Haus schützten. Wenn sie ein neues Steingeschoss kommen sahen, sprangen der Mann und die Frau auf und breiteten unwillkürlich die Arme aus, als könnten sie die Steinlawine abwehren, die Baumstämme umknickte und große Schollen Humus aus der Erde riss ...

Als die Sprengungen verstummten, sahen sie einander an und waren froh, dass man sie nicht entdeckt hatte; sie dachten, an diesem Ort seien sie wirklich sicher, oder hofften (daran zu glauben wagten sie nicht), man würde ihr gesetzwidriges und verbrecherisches Leben endlich dulden. ... Die letzte Salve klang anders als die vorausgegangenen. Sie meinten, ein verspätetes Echo zu hören, das auf Umwegen zu ihnen gelangt war. Auch der Felsbrocken, der sich vom Bergkamm löste, war anders. Er war flach, rund, fast hätte man sagen können, lautlos. Denn er rolle nahezu geräuschlos den Hang hinunter, mähte einen Baum um, richtete sich auf und zeigte seine wahre Gestalt. Eine Scheibe, die zufällig aus dem Granit gesprengt worden war und die sich nun immer schneller bergab wälzte. Der Mann und die Frau blieben wie angewurzelt stehen, gebannt von der rasenden Drehung der Scheibe und zugleich von der unfassbaren Langsamkeit, mit der sich das Geschehen vor ihren Augen abspielte. Ein Stamm, der dem steinernen Rad den Weg versperrte, wurde nicht zersplittert, sondern gespalten wie ein Arm von einem Säbelhieb. Das Unterholz schien sich vor ihm aufzutun, statt seine Fahrt zu bremsen. Mit der heimtückischen Wendigkeit einer Raubkatze wich der Felsbrocken einem anderen Baum aus. Manchmal nahm ihnen die Abendsonne den Blick auf die hinabrollende Scheibe – und bevor sie sahen, was geschah, hörten sie das laute Splittern der Palisaden.

Die Scheibe brachte ihr Haus nicht zum Einsturz. Sie drang ein wie in Lehm, schlitzte den Fußboden auf und blieb, immer noch senkrecht, in der Mitte des Hauses stecken.

Der Mann, der ungefähr hundert Meter entfernt vom Haus zugeschaut hatte, rannte ein Stück den Berg hinauf, hob drohend die Fäuste, fluchte. Dann kehrte er mit mechanischen Schritten ins Haus zurück, das noch stumm zu zittern schien unter dem Schlag. Die Mutter, die in der Nähe der Tür gestanden hatte, rührte sich nicht von der Stelle, sondern ließ sich auf die Knie fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Die ursprüngliche Stille war wieder eingekehrt – die Stille, in der sich die scharfe Linie der Gipfel vor dem noch hellleuchtenden Himmel abzeichnete. Man hörte nur die stampfenden Schritte des Mannes. Und vielleicht die Inbrunst, mit der die Frau im Stillen ein unergründbares Gebet murmelte.

Als sie ins Zimmer traten, sahen sie, dass die Granitscheibe tief in den zerpflügten Dielen feststeckte. Unter der niedrigen Decke wirkte sie noch wuchtiger. Sie hatte die Wiege gestreift, die (aus Angst vor Schlangen) in der Mitte des Zimmers hing, und ein wenig schaukelte. Doch die Stricke hatten gehalten. Und das Kind war nicht aufgewacht. ... Noch ungläubig, drückte die Mutter es an sich, verschaffte sich Gewissheit und lauschte seinem Atem. Als sie aufblickte, sah der Vater in ihren Augen die Spur eines Entsetzens, das nicht mehr von der Sorge um das Kind herrührte. Er erkannte den Nachhall ihres schrecklichen Gebets, ihres Gelübdes, demjenigen ein unmenschliches Opfer zu bringen, der den Tod zurückweisen würde. Der Vater kannte den Namen dieses finsteren und wachsamen Gottes nicht, er glaubte an das Schicksal oder schlicht an den Zufall.

Der Zufall wollte es, dass die Sprengungen aufhörten. Der Mann und die Frau, die sich über jeden ruhigen Tag freuten wie über ein Geschenk Gottes oder des Schicksals, wussten nicht, dass man keine Stauseen mehr brauchte, weil derjenige, für den man sie gebaut hatte, soeben gestorben war.


Die Nachricht von Stalins Tod wurde ihnen mit drei Monaten Verspätung von der weißhaarigen Frau überbracht. Sie hatte einen jungen, geschmeidigen Gang, einen offenen, urteilslosen Blick und war mehr als eine Freundin der Familie oder Verwandte: die Einzige, die ihren geheimen Zufluchtsort kannte. Wenn sie bei Einbruch der Nacht kam, begrüßte sie alle und streichelte jedes Mal einige Augenblicke mit der Hand über den Granitblock, an den sich das Paar gewöhnt hatte und der für das Kind ebenso selbstverständlich zu dem Haus gehörte wie die Sonne in den Fenstern oder der Geruch frisch gewaschener Wäsche, die hinter der Mauer an der Leine hing. »Stein« war eines der ersten Worte, das der Junge lernte...

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