Sanssouci von Andreas Maier, 2009, Suhrkamp

Andreas Maier

Sanssouci
(Leseprobe aus: Sanssouci, Roman, 2009, Suhrkamp).

Die Beerdigungsgesellschaft

Für Anni Schmidt war der westdeutsche Regisseur ein

sehr angenehmer Nachbar gewesen. Sie erzählte Dinge,

die den Umsitzenden im Nibelungenhof, besonders den

Babelsbergern, doch ziemlich spießig erschienen. Man

musterte die Frau unverhohlen. Anni Schmidt trug ihr

schwarzes Trauerkostüm, das sie vor zehn Jahren in der

Gutenbergstraße in Potsdam anläßlich der Beerdigung

ihres Gatten gekauft hatte, und ein schwarzes Hütchen

mit Feder. Die Babelsberger trugen meistens nicht einmal

Schwarz, sondern Jeansjacken oder die abgetragenen

Sakkos, die sie auch sonst das ganze Jahr über trugen.

Man saß im hinteren Raum der Wirtschaft.

Die Frau erzählte, daß sie den westdeutschen Regisseur,

also Max Hornung, vollständig Maximilian Alexander

Hornung, öfter im Garten getroffen habe, am gemeinsamen

Gartenzaun, denn er habe sich intensiv um seinen

Garten gekümmert. Garten, sagte einer der Babelsberger

und starrte sie mit offenem Mund an. Sie: Ja, Garten.

Rosen hatte er, und was für schöne! Er hat ja sogar das

Unkraut gemocht und immer gesagt, liebe Frau Schmidt,

Sie mögen das Unkraut nennen, aber findet die Distel die

Distel nicht ebenso schön wie eine Rose eine Rose? Einmal

bin ich ihm auf dem Kapellenberg begegnet, also, da

waren Blumen, wissen Sie, die habe ich noch nie gesehen,

obgleich ich da seit sechzig Jahren hingehe. So jemand

liebt die Natur, wer so viel sieht!

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