Blindlings von Claudio Magris, 2007, HanserClaudio Magris

Blindlings
(Leseprobe aus: Blindlings, Roman, 2007, Hanser - Übertragung Ragni Maria Gschwend).

Mein lieber Cogoi, ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher, obwohl
ich es selber geschrieben habe, daß niemand das Leben eines
Menschen besser erzählen könne als er selbst. Natürlich hat dieser
Satz ein Fragezeichen; ja, wenn ich mich recht erinnere – inzwischen
sind so viele Jahre vergangen, ein Jahrhundert, die Welt hier herum
war jung, ein taufrischer grüner Morgen, aber sie war schon ein
Gefängnis –, habe ich als erstes genau dieses Fragezeichen gesetzt,
das alles hinter sich herzieht. Als mich Doktor Ross aufforderte, jene
Seiten für das Jahrbuch zu schreiben, hätte ich große Lust gehabt –
und das wäre ehrlich gewesen –, ihm einen Stapel Blätter mit nichts
als einem Fragezeichen drauf zu schicken, aber ich wollte nicht
unhöflich sein, ausgerechnet ihm gegenüber, der im Unterschied zu
den anderen so freundlich und wohlwollend ist; außerdem wäre es
nicht angebracht gewesen, jemanden zu verärgern, der dich aus
einem geschützten Winkel, wie die Redaktion des Almanachs der
Strafkolonie, herausholen und in die Hölle von Port Arthur
expedieren kann, wo du es mit der neunschwänzigen Katze auf den
Buckel kriegst, sobald du dich, erschöpft von den Steinblöcken und
dem eiskalten Wasser, auch nur für einen Augenblick auf den Boden
setzt.
Also habe ich vor dieses Fragezeichen lediglich den ersten Satz
geschrieben und nicht mein ganzes Leben, meines, seines oder
wessen auch immer. Das Leben – pflegte unser Grammatiklehrer
Pistorius zu sagen, wobei er die lateinischen Ausdrücke mit runden,
gemessenen Gesten begleitete, in jenem Raum mit der roten Tapete,
die sich am Abend verdüsterte und erlosch: Glut der Kindheit, die im
Dunklen verglomm –, das Leben ist keine Proposition oder Assertion,
sondern eine Interjektion, eine Interpunktion, eine Konjunktion, im
Höchstfall ein Adverb. Jedenfalls nie eine der sogenannten
Hauptwortarten – »Sind Sie sicher, daß er das so gesagt hat?« – Ach,
Herr Doktor, mag sein, daß gar nicht er diese letzte Behauptung
aufgestellt hat, sondern die Lehrerin Perich, nachmalig Perini, in
Fiume, aber das war später, sehr viel später.
Übrigens kann diese anfängliche Frage nicht ernst genommen
werden, enthält sie doch bereits ihre Antwort, genauso wie die
Fragen, die den Gläubigen mit erhobener Stimme in einer Predigt
gestellt werden. »Wer kann das Leben eines Menschen besser
erzählen als er selbst?« Natürlich niemand, scheint man die
Gläubigen als Antwort murmeln zu hören. Wenn ich mir etwas
angewöhnt habe, dann sind es die rhetorischen Fragen, seit ich im
Gefängnis von Newgate die Predigten für Reverend Blunt schrieb,
der mir für jede einen halben Shilling zahlte, inzwischen mit der
Wache Karten spielte und darauf wartete, daß ich dazukäme, um
mitzuspielen, und so holte er sich oft seinen halben Shilling wieder –
das war nichts Verwunderliches, schließlich saß ich auch deswegen
ein, weil ich alles beim Glücksspiel verloren hatte.
Aber wenigstens dort in der Zelle, wenn ich vor den schmutzigen
Wänden solche nichtigen Fragen niederschrieb, war ich es, der sie
formulierte, auch wenn sie dann vom Reverend von der Kanzel
herabgedonnert wurden, während man sie anderswo, überall, früher
und später, Jahr um Jahr und bis in alle Ewigkeit mir in die Ohren
geschrien hat: »Also dieses große Durcheinander in Island hast du
ganz allein angerichtet, einfach so, aus Liebe zu diesen armen
rachitischen und grindigen Menschen, ohne daß dir jemand dabei
geholfen hätte, die Ordnung der Meere Seiner Majestät umzustürzen,
nicht wahr, also du hast ausgespuckt, ohne dir klarzumachen, daß du
mit den anderen in Reih und Glied stehst, um die Rede des neuen
Zuchthauskommandanten anzuhören«, und runter mit der
neunschwänzigen Katze, »so erkennst du also dieses
Kommunistengesicht nicht, hast es nie gesehen, und diese Flugblätter
sind durch irgendein Wunder in deine Tasche gelangt«, und zu Boden
mit Fußtritten und Schlägen, »also dann bist du kein Spion, kein
Verräter, keiner, der den Genossen spielt, um das freie sozialistische
Jugoslawien der Arbeiter zu sabotieren, womöglich bist du ein
italienisches Fa schistenschwein, das sich Istrien und Fiume
zurückholen möch te«, und runter mit dem Kopf in die Abortgrube
oder laufen, so schnell du kannst, zwischen den Reihen der Sträflinge
hindurch, die mit aller Kraft auf dich einschlagen und dabei brüllen
müssen: »Tito Partija, Tito Partija!« – doch woher kommt dieses
Geschrei, was für ein Lärm, ich höre nichts mehr, wem gehört dieses
taube, benommene, außer Kraft gesetzte Ohr, es muß ein Stockhieb
gewesen sein, und wenn einer ihn ausgeteilt hat, muß einer ihn
abgekriegt haben, ich oder ein anderer.
Jetzt ist es vorbei, das Getöse wird leiser. Auch das war eine
rhetorische Frage; es ist mein Ohr, da Sie, Doktor Ulcigrai, sich zum
anderen, dem linken neigen, um mich zu fragen: »Also dein richtiger
Name wäre Jorgen, und das hier hättest du geschrieben« und mir
dabei diese alte Kladde zeigen, die ich in der Buchhandlung am
Salamanca Place gefunden habe. Wenigstens schlagen Sie nicht, im
Gegenteil, Sie sind freundlich, nehmen es nicht einmal übel, wenn
ich Sie Cogoi nenne, und insistieren auch nicht auf Ihren Fragen.
Wenn ich schweige, lassen Sie’s gut sein, indessen haben Sie mich
das gefragt, aber es ist überflüssig, denn Sie kennen ja schon die
Wahrheit, vielmehr Sie glauben, sie zu kennen, was auf das gleiche
herauskommt, jedenfalls kennen Sie bereits meine Antwort, wenn ich
Ihnen antworte – andernfalls wird sie mir von Ihnen suggeriert, in
den Mund gelegt.
Eine entschlossene, klare Antwort, im wesentlichen; manchmal, das
gebe ich zu, in den Einzelheiten ein wenig verworren. Aber was soll
man machen bei diesem ständigen Hin und Her, bei all den vielen
Dingen, die sich über lagern, Jahre und Länder und Meere und
Gefängnisse und Gesichter und Ereignisse und Gedanken und immer
wieder Gefängnisse und zerstückelte Abendhimmel, aus denen das
Blut strömt, und Wunden und Fluchten und Nieder lagen … Und das
Leben, so viele Leben, man kann sie gar nicht zusammenhalten. Dazu
kommt, daß jemand, der von den pausenlosen Verhören erschöpft ist,
noch größere Schwierigkeiten hat, die Dinge auf die Reihe zu
bringen, oft erkennt er seine Stimme und sein Herz nicht mehr.
Warum spulen Sie das Tonband hin und wieder vor und zurück und
lassen mich Ihre Fragen wiederholen? Vielleicht, damit ich sie mir
besser einpräge, ich verstehe, denn es stimmt, daß ich manchmal den
Faden verliere, aber so komme ich noch völlig durcheinander, wenn
ich Sie mit meiner Stimme reden höre. Jedenfalls, je mehr man
ausgefragt wird, desto weniger weiß man zu antworten – man
verstricke sich in Widersprüche, heißt es dann, und sie setzen dich
noch mehr unter Druck, im Guten wie im Bösen, je nach ihrem
Beruf.
Ich weiß zwar nicht genau, was die Widersprüche sein sollen, aber
man verstrickt sich darin, soviel steht fest. Und man verschwindet
wie Schnipsel, aufgesogen vom Was serstrudel im Abfluß. Hier, auf
der südlichen Halbkugel, kreist das Badewannenwasser gegen den
Uhrzeigersinn um das Abflußloch, bei uns im Norden dagegen
andersherum, im Uhrzeigersinn. Das ist ein physikalisches Gesetz,
habe ich gelesen, man nennt es Coriolis-Kräfte – bewundernswerte
Symmetrien der Natur, wie eine Quadrille, bei der ein Paar vortritt,
während das andere zurückweicht, sich beide, wenn sie an der Reihe
sind, verneigen, und der Tanz nicht aus dem Takt kommt. Einer wird
geboren, ein anderer stirbt, auf einem Hügel wird eine
Schlachtenreihe Infanteristen von Kanonenkugeln niedergemäht, kurz
darauf stehen andere Uniformen und Fahnen oben auf der Kuppe,
und eine Salve rafft sie ihrerseits dahin. »Also, die Rechnungen
gehen auf …« Ja, Geben und Nehmen, Sieg und Niederlage, das
Straflager auf der Insel Goli Otok, und später badet man an denselben
wunderbaren Adriastränden, der Kommunismus, der uns aus dem KZ
befreit hat und in einen Gulag steckte, wo wir durchgehalten haben
im Namen des Genossen Stalin, der inzwischen andere von unseren
Genossen in seine Gulags geschickt hat.
»Die Rechnungen gehen auf, und selbst wenn das Blut die
Hauptbücher befleckt, löscht es doch nicht die Ziffern aus, auch nicht
die Null am Ende, den Ausgleich zwischen Soll und Haben.« Wenn
einer das sagen kann, dann bin ich es, der so viele Jahre im Gefängnis
verbracht hat, in ebender Stadt, die ich selbst gegründet hatte, mit all
ihren Häusern, ihrer Kirche und auch ihrem Gefängnis, vor so vielen
Jahren, als in diesem riesigen Mündungstrichter des Derwent, bei
dem man nicht begreift, wo der Fluß aufhört und das Meer beginnt,
als in dieser großen Leere, in der es nichts gibt bis hin zum Nichts der
Antarktis und des Südpols, nichts zu finden war außer schwarzen
Schwänen und Walfischen, die nie gespürt hatten, wie sich eine
Harpune in ihren Rücken bohrt und das Blut so hoch aufspritzen läßt
wie die aus den Nasenlöchern geprusteten Wasserfontänen. Den
ersten Walfisch habe ich harpuniert, ich, Jorgen Jorgensen, König
von Island und Galeerensträfling, Erbauer von Städten und
Gefängnissen, meines Gefängnisses, Romulus, der als Sklave in Rom
endet. Aber alle diese kleinen Windmühlen, die den Staub der Toten
und der Lebenden verstreuen, haben nicht viel Bedeutung.
Entscheidend ist, Doktor Ulcigrai, daß ich Ihre überflüssigen Fragen
in den wesentlichen Punkten präzise beantworten kann, denn ich
weiß, wer ich bin, wer ich war, wer wir sind.
Was meinen Sie mit diesem: »Das weiß ich besser«? Ja, ich verstehe,
das ist Ihre Überzeugung. Die ganze Wahrheit steht auf der
Karteikarte in diesem Zettelkasten – es war nicht schwierig, sie
unauffällig herauszuziehen, direkt vor Ihrer Nase. Ein Kinderspiel für
einen, der sein Leben damit verbracht hat, ausspioniert, verfolgt,
karteimäßig erfaßt, registriert zu werden, bei der Polizei, im Lager,
im Spital, von der OVRA, der Guardia Civil, der Gestapo, der Udba,
der Strafanstalt, der Klinik für psychische Krankheiten, und jedesmal
muß man die Karten verschwinden lassen. Notfalls sie aufessen, auf
alle Fälle zerkauen, ehe sie dich entdecken. Jetzt ist die Karteikarte
wieder da, herausgenommen und an ihren Platz zurückgesteckt, ohne
daß jemand etwas bemerkt hat. Ihr seht euch diese Karten sowieso
nicht mehr an, seit ihr so modern geworden seid und bloß noch eine
Taste zu drücken braucht, um alles zu wissen. Wie auch immer, die
Karteikarte steckt in Ihrem Kasten und in meinem Kopf, auch wenn
Sie sich einbilden, zu wissen, was in meinem Kopf vorgeht. Klinik
für psychische Krankheiten in Barcola, einem Vorort von Triest,
Inhaltsangabe der Krankenkarte von Cippico – auch Cipico, C¡ipiko
– Salvatore, eingeliefert am 27.3.1992, nach einer vorausgegangenen
Noteinweisung im Monat davor. Mag sein. Es ist soviel Zeit
verflossen … Repatriiert aus Australien, vorübergehend wohnhaft bei
Antonio Miletti-Miletich in Triest, Via Molino a Vapore 2.
Hervorragend, ich hab euch reingelegt. Als erstes muß man immer
den Namen ändern und eine falsche Adresse angeben. Diese Leute
haben doch die Manie, dich sofort in eine bestimmte Schublade zu
stecken, schon jetzt mit einer Grabplatte zuzudeckeln: Vorname,
Familienname und Adresse ein für allemal vom Bestattungsinstitut
eingemeißelt, und du bringst die Namen, Daten, Zahlen wieder
durcheinander. Ein paar Angaben läßt du, wie sie sind, andere
verfälschst du ein wenig, so daß sie überhaupt nicht mehr wissen, wie
sie dran sind und wo sie dich suchen sollen. Mir paßt es sehr gut, daß
sie glauben, ich sei da droben, mit dem Kopf nach oben, in Barcola,
um mit den Augen jenseits des Triester Golfs Istrien zu suchen, den
Dom von Pirano und Punta Salvore, so daß hier unten, an den
Antipoden, keiner auf die Idee kommt, bei denen mit dem Kopf nach
unten nach mir zu forschen.
Geboren in Hobart Town, in Tasmanien, am 10.4.1910. Ja, wenn ihr
das sagt. Witwer – kolossaler Irrtum. Verheiratet. Die Ehe ist
unauflöslich, sie pfeift auf den Tod, auf den Ihren wie auf den
meinen. Fester Beruf, keinen – doch, einen, nämlich Sträfling. Und
Verhörter. In der Vergangenheit hat er verschiedene Tätigkeiten
ausgeübt. Erwiesenermaßen hat er in Australien als Drechsler
gearbeitet, später als Schriftsetzer in der Druckerei der
Kommunistischen Partei in Annandale (Sydney) und als Journalist
beim Risveglio und bei der Riscossa in derselben Stadt. Seit 1928
Mitglied der Antifaschistischen Liga von Sydney und des Circolo
Matteotti in Melbourne, militanter Aktivist, verwickelt in die
Straßenkämpfe auf der Russell Street in Melbourne 1929 und in
Townsville 1931. 1932 aus Australien ausgewiesen und nach Italien
zurückgekehrt, wo er bereits als Kind vom Ende des Ersten
Weltkriegs bis zum Aufkommen des Faschismus mit seinem Vater
gelebt hat. Mit welcher zufriedenen Miene Sie das lesen, Herr
Doktor, als ginge es dabei um Ihre Angelegenheiten, und Sie
bemerken nicht einmal, daß da etwas ausradiert und ausgebessert ist.
[ ... ]
Seit gestern regnet es, ein unaufhörlicher Regen, der das Laub der
Eukalyptusbäume und die hellen, glänzenden Farne schüttelt in der
vor Feuchtigkeit dunklen Luft, eine undurchdringliche Wassermauer,
hinter der alles liegt: die Gesichter, die Stimmen und die Jahre …
auch Istrien da droben liegt auf der anderen Seite, in einer anderen
Welt; seltsam, wie ich von hier aus das Gefühl habe, es so deutlich,
so nah zu sehen, wie wenn man es vom Ufer in Barcola aus
betrachtet, aber dann verschwindet es, löst sich auf … Es gab so viele
schwarze Schwäne damals, an dem Tag, an dem wir mit der Lady
Nelson die Mündung des Derwent River hinauffuhren, vor hundert,
vielleicht zweihundert Jahren, Schwärme von Trauerschwänen am
Himmel, und hin und wieder schoß ich einen herunter. Das Fleisch
schmeckte herb, nach Wild; ein paar Bissen davon warf ich den in
Ketten liegenden Sträflingen zu, die wir zum Ausschiffen geholt
hatten und die ihren Schiffszwieback kauten. Die Ufer des Derwent
River waren bedeckt mit nassen, glänzenden Grasbüscheln,
Wasserfälle und Stromschnellen stürzten sich mit ihrem
schneeweißen Wasser in einer von der Sonne durchglitzerten
Sprühwolke in den Fluß, faulige Baumstämme verfingen sich in der
Strömung, die braune Wasserschleifen bildete, ein paar Känguruhs
verschwanden im Gebüsch. Dort, wo sich heute Hobart Town
befindet, stand der Wald in seinem überbordenden Durcheinander,
das Licht drang hinein und verschwand darin wie die Vögel im
Gewirr der Zweige, Pilze und Flechten klammerten sich an
tausendjährige Riesenbäume.
Hier, in dieser Bucht, in Risdon Cove haben wir angelegt, haben wir
die Sträflinge ausgeladen; und so ist Hobart Town entstanden. Ich
erinnere mich noch genau an den Tag, es war der 9. September 1803.
Ich habe in meiner Autobiographie nachgesehen, und es freut mich,
daß dieses Datum exakt vermerkt wurde, ein Beweis für die
Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit des Autors. Hobart Town, die
erste Zivil-, Militär- und Strafkolonie in Van Diemen’s Land. Vor
allem Strafkolonie. Jede Stadt wird aus Blut geboren; nicht von
ungefähr ist es wenig später zu dem Massaker von Risdon Creek
gekommen, und vielleicht war unter diesen massakrierten Aborigines
auch der eine oder andere, der an jenem ersten Tag nackt auf die
Lady Nelson geklettert war, um bei uns seine Lanze gegen einen
gebratenen Schwan einzutauschen.
Ich sage das nur so, denn später hat sich niemand dafür interessiert,
was wirklich vorgefallen ist; selbst unser Reverend Knopwood hat
ein Auge zugedrückt. Bei solchen Dingen, ich meine bei Massakern,
drücken alle immer ein Auge zu. Auch Nelson hat eines zugedrückt,
als er stundenlang mein Kopenhagen weiter bombardieren ließ,
nachdem die in der Meeresenge blockierte dänische Flotte versenkt
worden war. Die zerstörte, brennende Stadt hatte die weiße Fahne
gehißt, und sogar Admiral Parker, der englische Kommandant, hatte
das Signal zur Einstellung des Feuers gegeben. Aber Nelson setzt das
Fernrohr an das verbundene Auge, betrachtet die Verheerung mit
dem falschen, geschlossenen Auge, sieht nur schwarz, keine weiße
Fahne, I’m damned if I see it, und die Kugeln fallen weiter auf
Menschen, die sich nicht mehr verteidigen; später folgen dann die
ganzen Zeremonien der Kapitulation: Admiräle und Würdenträger in
Galauniform, übergebene und großherzig zurückerstattete Schwerter;
die Binde ist praktisch, sie hilft, ein Auge zuzudrücken angesichts des
großen Schlachtens.
Gemetzel hier unten und dort oben, die nördliche und die südliche
Morgenröte künden die gleiche blutige Sonne an, und alle preisen
den heraufkommenden Tag, nur schade für die, für die sie nicht mehr
aufgehen wird. Die Sonne der Zukunft … Die Geschichte, lehrte uns
die Partei, genauer gesagt, die blutige Vorgeschichte, in der wir leben
und leben werden, solange die Welt nicht durch die Revolution am
Ende erlöst sein wird, hat ihre tragischen Notwendigkeiten, die
Barbarei mit barbarischen Mitteln zu bekämpfen. Und so versteht
man nicht mehr, wer der Barbar ist, Tito oder Stalin, wir oder sie,
Nelson oder Bonaparte. Letzterer ist zum Schluß auf Sankt Helena
gelandet – ich habe mehr als einmal dort einen Zwischenstopp
gemacht –, und ich, König von Island, bin hier gelandet, wo, weiß ich
nicht genau. »Nur ruhig bleiben, Hauptsache, daß einer es weiß, wer,
spielt keine Rolle, einer, der von der Reise und der verheerenden
Heimkehr erfahren hat.«
Wer hätte das damals, als wir hier die Sträflinge ausluden, gedacht,
daß viele Jahre später auch ich wie sie hier in Ketten ankommen
würde – sozusagen in Ketten, denn mir haben sie nicht einmal auf
dem Schiff, das all die armen Schlucker von London bis hier herunter
transportierte, welche angelegt; ich war auf der Woodmann zwar
Gefangener, aber sie ließen mich als Chirurg arbeiten und mit den
Offizieren essen. Doch nie hätte ich geglaubt, daß ich ei nes Tages
auf solche Weise, als Zuchthäusler, nach Hobart Town zurückkehren
würde, ich, der in der Bucht den ersten Walfisch harpuniert hatte, der
seit dem Schöpfungstag in dieser Gegend gejagt und erlegt worden
war. Diese Bucht war ein Lieblingsplatz der Walfische; sie kamen
hierher, um zu Spielen und ihre Fontänen zu sprühen in dem
Glauben, die Welt befinde sich immer noch in der seligen Zeit ihres
Anfangs, in der es keine Harpune zu fürchten gab, und dabei
geschieht es seit undenklicher Zeit, daß Harpunen durchbohren und
zerfetzen und Blut strömen lassen. Die Welt ist alt, alles ist alt; auch
diese immer weniger zahlreichen Ureinwohner sind hinfällig, eine
Rasse, die bereits zur Zeit der Sintflut hätte verschwinden müssen.
Die Natur war zerstreut, aber wir sind gekommen, um ihre
Zerstreutheit zu korrigieren.
Auch auf der Alexander, die von Hobart Town nach London
zurückkehrte, habe ich Walfische harpuniert. Wir haben fast zwanzig
Monate gebraucht, denn am Kap Hoorn stießen wir auf einen
fürchterlichen Wind, der uns vom Kurs abbrachte und uns zwang,
dreitausend Meilen mehr als vorgesehen zurückzulegen und Otaheiti,
Sankt Helena und die brasilianischen Küsten zu passieren, in einem
nicht enden wollenden Ozean. Jetzt verbirgt der Regen alles. Lanzen
aus Wasser, dicht wie ein Bretterzaun, und lange, herabhängende
Eukalyptusblätter verdunkeln den Durchgang mit der Sicht aufs
Meer, und doch liegt das Meer dort dahinter, grenzenlos, wie ein
unermeßlicher Abend, der sich auf die Dinge senkt. Dagegen
erschienen mir als Kind in Kopenhagen, wenn ich nach Nyhavn ging,
um die Schiffe anzusehen, der Wind im Takelwerk, der die Flaggen
zum Flattern brachte, der Salzgeruch und jenes helle, leuchtende Blau
wie ein luftiger, frischer Morgen, der dazu verlockte, von zu Hause
auszureißen.
Ich weiß, Herr Doktor, ich weiß, was der junge Hooker gesagt hat,
der rührend versucht, seinem illustren Erzeuger auf den Pfaden der
Wissenschaft nachzufolgen, vor allem auf dem der Botanik: daß ich
dummes Zeug daherrede und wahnsinnig angebe, zu viele Känguruhs
und zu viele Walfische erlegt und auch Kap Hoorn zu oft umsegelt
habe, und dann das Plagiat. Aber wen soll ich denn plagiiert haben?
Das Buch seines Vaters über Island? Abgesehen davon, daß
höchstens er, wenn überhaupt, sich meines unveröffentlichten und
glücklicherweise verschollenen Tagebuchs bedient hat, weiß keiner
besser als ich, der zu Unrecht darunter leiden mußte, wie unhaltbar
der Plagiatsvorwurf ist. Gibt es vielleicht etwas, was kein Plagiat ist?
Wie auch immer, wenn ich mich damals entschlossen habe, meine
Geschichte aufzuschreiben, dann deswegen, weil es mir nicht recht
erschien, wie ich gleich zu Anfang beteuere, indem ich mich demütig
Gottes Erbarmen und der Nachsicht meiner Leser anheimgebe, daß –
hier steht es – »daß die traurigen, aber lehrreichen Wechselfälle
meines Geschickes unbeweint und unerinnert in der Finsternis einer
langen, schweigenden Nacht versinken …«.

Rezension I Buchbestellung 0I08 LYRIKwelt © Hanser