Der habsburgische Mythos in
der österreichischen Literatur
(Leseprobe aus:
Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur,
Dissertation, 1963/1966/2000, Zsolnay
- Übertragung Madeleine von Pásztory).
Das
österreichisch-ungarische Reich ging 1918 unter. Doch für seine Intellektuellen und
Dichter, die mit ihm plötzlich auch ihre Gesellschaft und damit das Fundament ihres
Lebens und ihrer Kultur zerstört sahen, für die österreichischen Schriftsteller, die
nun mit einem neuen politischen Klima konfrontiert waren, dessen Anforderungen sie ihrer
Herkunft nach nicht gewachsen sein konnten, für sie stellte sich - und stellt sich
mitunter noch heute - das alte habsburgische Österreich als eine glückliche und
harmonische Zeit, als geordnetes und märchenhaftes Mitteleuropa dar, in dem die Zeit
nicht so schnell zu vergehen schien und man es anscheinend nicht so eilig hatte, Dinge und
Empfindungen des Gestern zu vergessen. In ihrer Erinnerung wurde dieses Österreich zu
einem "goldenen Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen
österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste
Garant dieser Beständigkeit... Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam,
was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und
Gewicht"1. Im verwandelnden Spiegel der Erinnerung war Österreich-Ungarn "ein
alter Staat, von einem greisen Kaiser beherrscht, von alten Ministern regiert, ein Staat,
der ohne Ambition einzig hoffte, sich durch Abwehr aller radikalen Veränderungen im
europäischen Raume unversehrt zu erhalten"2. An dieses Zeitalter denkt man freilich
nicht als ein "Jahrhundert der Leidenschaft"3: Die Männer "gingen langsam,
sie sprachen gemessen und strichen im Gespräch sich die wohlgepflegten, oft schon
angegrauten Bärte"4.
Die Trauer um eine feste und sichere, in alten und beständigen Werten verankerte Welt
verband sich in der Erinnerung oft mit dem Heimweh nach der Kindheit, nach den Düften und
Farben, die jene Atmosphäre unauslöschlich dem Gedächtnis eingeprägt hatten:
"noch heute kann ich jenen muffigen, modrigen Geruch nicht vergessen, der diesem Haus
wie allen österreichischen Amtsbüros anhaftete, und den man bei uns den ärarischen
Geruch nannte"5. In der moralischen Verwirrung des neuen Europa dachte man mit naiver
Hingabe oder ironischer Zärtlichkeit daran, daß man damals, in den k.k. Zeiten, noch an
bürgerlichen Anstand und Achtbarkeit glaubte: "Heutzutage sind die Begriffe von
Standesehre und Familienehre und persönlicher Ehre... Überreste unglaubwürdiger und
kindischer Legenden, wie es uns manchmal scheint. Damals aber hätte einen
österreichischen Bezirkshauptmann von der Art Herrn von Trottas die Kunde vom
plötzlichen Tod seines einzigen Kindes weniger erschüttert als die von einer auch nur
scheinbaren Unehrenhaftigkeit dieses einzigen Kindes."6
So erinnern sich Joseph Roth und
Stefan Zweig ihrer Welt von gestern, die Stürme
hinweggefegt hatten, die größer waren als sie; einer Welt, deren ohnmächtige
Langsamkeit und scheinheilige Mittelmäßigkeit Zweig selbst zugab, die aber in der
Erinnerung zum idealen Vaterland wurde, das, regungslos und gealtert, doch Tugenden
bewahrt hatte, die inzwischen unglaublich erschienen: würdevoller Anstand und
Korrektheit, pedantischer Respekt und gemütliche Ruhe, flüchtige und wehmütige
Lebensfreude. Dieser Prozeß einer phantastischen und poetischen Verwandlung der
untergegangenen Donaumonarchie kennzeichnet einen Großteil der nach der Apokalypse des
Jahres 1918 entstandenen Literatur.
Von Zweig bis Werfel, von Roth bis Csokor, von
Musil bis Doderer beschwören viele
Schriftsteller, ausdrücklich oder indirekt, die Atmosphäre und die Merkmale des
kulturellen Lebensstils der Donaumonarchie. Dabei handelt es sich um keine äußerliche
thematische Verwandtschaft auf der Grundlage äußerer Kriterien, wie gemeinsamer Motive
und Inhalte ihrer Werke, sondern vielmehr um einen ganz bestimmten kulturellen Humus, der
in ausdrucksvolle Formen und einen spezifischen Ton der dichterischen Inspiration
übertragen wird. Menschheitsbild und Denken dieser Schriftsteller, ihre mannigfaltige
Reaktion auf die konkreten Lebensprobleme und die Nuancierung ihrer Empfindungswelt werden
von der Last einer Tradition bedingt, von der sie kaum loskommen; vor allem aber von der
prekären, instabilen und unbefriedigenden geschichtlichen Wirklichkeit und von einer
daraus folgenden Flucht und der unmöglich gewordenen Rückkehr zur Realität und zur
Gefühlswelt einer von der Geschichte zerstörten Welt.
Diese Schriftsteller, die im Kaiserreich Österreich, Königreich Ungarn und Böhmen und
so weiter - so lauten Franz Josephs Titel - aufwuchsen, wenden sich in den Jahren ihrer
Reifezeit dem Gestern zu, das sie als Ausgangspunkt für ihre menschliche und
künstlerische Persönlichkeit empfinden. Heimweh oder Ironie, vollendete Beschreibung
oder flüchtige Skizzierung des geistigen Hintergrundes kennzeichnen die Erinnerung an
"Kakanien"7, wie es bei Musil heißt; und trotz aller Unterschiede des
Temperaments oder der vielleicht gegensätzlichen Blickwinkel, aus denen diese Welt
betrachtet und wiedererlebt wird, präsentiert sie eine charakteristische Physiognomie,
die man schwer völlig erfassen kann, da es sich mehr um eine musikalische Stimmung
handelt als um eine organische Darstellung. Dies wird offensichtlich, wenn man den stark
persönlichen, lyrischen, mythologischen Ton dieser Schriftsteller, von Werfel bis Roth,
berücksichtigt, in dem sie sich mit der untergegangenen österreichisch-ungarischen
Gesellschaft auseinandersetzen. Ihre dichterische Erfahrung geht von dieser quälenden
Bindung an die Vergangenheit und von diesem Mythos aus, der ihrer Erinnerung und ihrer
Phantasie oder besser, ihrer Kultur innewohnt.
Der Ausdruck Mythos, an sich schon ein Hinweis auf die Veränderung und Entstellung der
Wirklichkeit, die auf den Wunsch zurückzuführen sind, aus dieser Wirklichkeit eine
angeblich wesentliche Wahrheit, einen hypothetischen, metahistorischen, deren
eigentlichste Bedeutung beinhaltenden Kern herauszuschälen, gewinnt in diesem Falle ganz
besondere Bedeutung. Der habsburgische Mythos ist also nicht ein einfacher Prozeß der
Verwandlung des Realen, wie er jede dichterische Tätigkeit charakterisiert, sondern er
bedeutet, daß eine historisch-gesellschaftliche Wirklichkeit vollständig durch eine
fiktive, illusorische Realität ersetzt wird, daß eine konkrete Gesellschaft zu einer
malerischen, sicheren und geordneten Märchenwelt verklärt wird. Es versteht sich, daß
diese Mythisierung keine abstrakte Phantasie ist, daß sie also zuweilen durchaus einige
reale Aspekte der habsburgischen Kultur zu erfassen vermag, und zwar mit ganz besonderem
Scharfsinn. Und es versteht sich ebenfalls von selbst, daß sich nicht alle Schriftsteller
auf eine oberflächliche "Laudatio" der guten alten Zeit beschränken: im
Gegenteil entfernt die Ironie eines Musil erbarmungslos die erhabene und achtbare Patina,
die wie eine barmherzige Staubschicht das Ende der Ära Franz Josephs bedeckt. Aber auch
die schärfste Analyse Musils und Doderers nüchterner Humor bleiben in gewissem Sinne
innerhalb einer bestimmten Art und Weise,
die Dinge zu sehen. Auch als boshafte Kritiker bleiben sie Gefangene dieser märchenhaften
und sehnsüchtigen Verklärung der Welt der Donaumonarchie, dieser suggestiven
Entfremdung, die mehr als ein Jahrhundert lang ein wirkungsvolles Machtinstrument und die
wichtigste geistige Stütze des Habsburgerreiches war.
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