Ein Papierkügelchen oder
Über das Vorurteil
(Leseprobe aus:
Utopie und Entzauberung, 2002, Hanser)
Es muß im April oder
Mai 1956 in Triest gewesen sein. Wir waren etwa in der fünften Gymnasialklasse, und in
der Griechischstunde hatte einer meiner Kameraden namens Cecovini ein Papierkügelchen
abgeschossen, das unvermutet auf dem kahlen Schädel des am Pult über das Klassenbuch
gebeugten Lehrers gelandet war. Der blickte auf, sah vor sich in der ersten Reihe den
Schüler De Cola sitzen und machte ihn sofort und ohne zu zögern als den Schützen aus.
"Du, mein lieber De Cola, der du dich damit amüsierst, Papierkügelchen zu
schießen..." Der Beschuldigte beteuerte heftig seine Unschuld, doch vergebens, denn
der Lehrer fuhr, gutmütig zwar, aber unbeirrt, fort, auf ihn einzureden: "Tja, mein
lieber De Cola, du hast nun mal die Angewohnheit, Papierkügelchen zu schießen, ich
weiß... dir macht es Spaß, den Pandaros zu spielen, den trojanischen Bogenschützen,
wie?"
Nach ein paar Minuten erhob sich der wahre Schuldige, Ehrenmann, der er war, und sagte:
"Herr Professor, das war ich." Worauf der Lehrer einen zerstreuten Blick auf ihn
warf und erwiderte: "Ach, du warst das, na gut...
aber auch du, De Cola, mit deiner Neigung, Papierkügelchen zu schießen..." Von
diesem Tag an wandte sich unser Griechischlehrer, ein großer Kenner und Vermittler seines
Fachs, jedesmal, wenn er das Klassenzimmer be-trat, sofort an De Cola: "Du, der immer
Papierkügelchen schießt... ich weiß, ich weiß, neulich ist es Cecovini gewesen, aber auch du, mit
dieser schlechten Angewohnheit..."
Diese Unterrichtsstunde, die den Mechanismus eines Vorurteils aufdeckte und zeigte, wie
tief es sich in uns einnistet, ohne sich von den Dementis der Realität beirren zu lassen,
habe ich nie mehr vergessen. Die Tatsache, daß De Cola dieses eine Mal keine
Papierkügelchen geschossen hatte, war für den Lehrer etwas ebenso Zufälliges und
Unwesentliches wie die, daß es dieses eine Mal Cecovini gewesen war. Notwendig und
fundamental war in seinen Augen vielmehr die Tatsache, daß nach seiner Meinung in De
Colas Wesen eine schuldhafte Neigung lag, Papierkügelchen zu schießen, auch wenn er sie
nicht schoß. Genauso hat der Antisemit, der davon überzeugt ist, daß die Juden bei
ihren Ritualen Christenkinder töten, noch nie einen Juden diesen Mord begehen sehen, und
vielleicht gibt er sogar zu, daß ein solches Verbrechen nie bewiesen oder auch nie
begangen wurde, aber das hat keinen Einfluß auf seine Überzeugung, denn für ihn kommt
es nicht darauf an, ob die Juden diese Missetaten begehen oder nicht, sondern nur, daß
sie ihrer Veranlagung nach dazu neigen, sie zu begehen.
Eine solche Überzeugung kann, gerade weil sie sich auf nichts gründet, nicht ausgeräumt
werden, und verbleibt daher unausrottbar und souverän im Innersten der Seele, in jenen
Hohlräumen des Unbewußten und jenem Herzensbrei, wo die Logik und der Satz vom
Widerspruch leider wenig Macht zu besitzen scheinen. Als zum Beispiel ein
Gesundheitsminister sagte, daß bei Aids die Prophylaxe keine absolute Garantie gegen die
Ansteckung biete, hat man sich nicht gefragt, ob seine Behauptung begründet
sei oder nicht, ob die Prophylaxe eine hundertprozentige Sicherheit biete oder eine
siebzig-, vielleicht auch achtzigprozentige Wahrscheinlichkeit, die Krankheit nicht zu
bekommen. Da es sich um einen christdemokratischen Minister handelte, wurde von
vornherein, unabhängig von irgendeiner Überprüfung, davon ausgegangen, daß seine
Behauptung parteiisch sein, daß sie auf repressiver Bigotterie basieren müsse.
Es gibt ungezählte Beispiele, komischer und tragischer Art, und sie reichen von
jahrhundertealten Vorurteilen, die ganze Gruppen - Völker, soziale Schichten, Frauen -
mit Gewalt und Diskriminierung überzogen haben, bis zu den hartnäckigen Gewohnheiten,
die jeden von uns, Tag für Tag, in lächerlicher und kleinkarierter Weise gefangenhalten.
Als guter Aufklärer ziehe ich die irrationalen und abergläubischen Koketterien, die
Astrologie, die Parapsychologie und überhaupt alles, was "para" ist, gar nicht
erst in Betracht und finde es ungehörig, daß das Fernsehen mit der Wettervorhersage auch
das Horoskop anbietet. Einmal aber passierte es, daß ein freundlicher Astrophysiker, der
wie ich diesen ganzen obskurantistischen Quatsch ablehnte, unter keinen Umständen zugeben
wollte, daß wir gleicher Meinung waren; er behauptete vielmehr steif und fest, daß es
zwischen uns Meinungsunterschiede gebe, die er jedoch nicht benennen konnte, denn
offensichtlich war er von Haus aus überzeugt, daß ein Literat keinen rationalen Verstand
haben könne und zumindest ein wenig auf die Jahrmarktsbudenmagie hereinfallen müsse. Ich
führe anderer Leute Beispiele an, weil ich, "da solcher Widerspruch sich nicht
verträgt", wie Dante sagt, meine eigenen dunklen Vorurteile nicht offenlegen kann,
die sich, einmal ans Licht gebracht, auflösen und nicht mehr existieren würden, aber ich
gebe mich bestimmt nicht der Illusion hin, aufgeklärter zu sein als unser
Griechischlehrer oder dieser Astrophysiker.
Jenes weit zurückliegende Papierkügelchen, an dem man seinen Spaß haben kann wie an so
vielen vergnügten und ausgelassenen Stunden der Schulzeit, wird schwer verdaulich für
den, der weiß, daß die Vernunft, wie einmal gesagt wurde, ein kleines Flämmchen ist und
das Universum eine unermeßliche finstere Nacht, aber daß wir nur diese kleine Flamme
haben und daß sie gerade deshalb so wertvoll, unsere einzig mögliche Rettung ist.
Ein wahrer Aufklärer, frei von jedem naiven Triumphgefühl, muß, um diese Flamme besser
zu schützen, wissen, wie leicht sie von den Stürmen des Lebens ausgelöscht werden kann.
Mag sein, daß mitten im Sumpf dieses Licht nur flimmert, daß es die Unterscheidungen
nicht deutlich werden läßt im Treibsand des Vorurteils und des Ressentiments, in der
Nacht, in der alle Katzen grau sind und in der alles gleichzeitig mit seinem Gegenteil zu
existieren scheint - in einem Durcheinander von verschwommenen Begriffen und Impulsen, die
mit Ideen verwechselt werden. Wie die Helden aus den Erzählungen
E.T.A. Hoffmanns macht
jeder von uns - bei sich und den anderen - die Erfahrung, wie unsicher die Lichter der
Vernunft sind und wie groß, komplex und mächtig das Reich ist, das sich gegen diese
Erhellung wehrt, das individuelle und kollektive Unbewußte mit seinen finsteren,
zwanghaften Stereotypen. Aber wie die Helden bei Hoffmann weiß jeder von uns auch, daß
allein jene Lichter es erlauben, sich dieser Finsternis zu stellen und daß nur der, der
versucht, sie zu erhellen und Handbreit für Handbreit zu durchmessen, ohne ihr zu
verfallen, auch dem Mysterium, dem, was uns - noch - unbekannt ist, gerecht wird. In einer
Erzählung von Chesterton entlarvt Pater Brown einen falschen Priester, als er ihn gegen
die Vernunft schwätzen hört und daraufhin begreift, daß er nicht Theologie studiert
haben kann.
In mir hält sich der Glaube an die Aufklärung hartnäckig, auch wenn die Wirklichkeit
nicht oft dazu beiträgt, ihn zu untermauern. Er ist zum Beispiel die Voraussetzung für
jeden Artikel, den man in einer Zeitung schreibt, denn das impliziert ein zumindest
relatives Vertrauen in einen gemeinsamen Kodex, in eine im wörtlichen Sinn geteilte
Logik. Doch die Erfahrung lehrt oft das Gegenteil, zeigt, daß die Logik meines
Griechischlehrers beziehungsweise der Mechanismus des Vorurteils siegt, daß alles, was
wir schreiben, oft auf der Grundlage einer vorgefaßten, vorgefertigten Meinung und
Erwartung interpretiert wird und daß man zu Volksfeinden, Leninisten oder Nostalgikern
der guten alten Zeit abgestempelt wird, ohne irgendeinen realen Bezug zu dem, was man
gesagt hat, was man denkt und was man ist. Die elementarste Philologie, nämlich die
Kunst, das zu lesen, was ein Text aussagt - egal, wie schlicht oder anspruchsvoll er ist
-, versagt angesichts des Vorurteils. Die Verblendung verschont offensichtlich niemanden
und betrifft nicht nur die anderen: für jeden von uns kommt der Moment der
Farbenblindheit.
Der Aufklärer ist daran gewöhnt, besiegt zu werden, aber er ist auch darin geübt, nicht
lockerzulassen, nicht daran zu glauben, daß der eigene oder fremde Daltonismus die einzig
richtige Farbwahrnehmung sei, und beständig nach einer noch genaueren Wahrnehmung zu
suchen und keinerlei fatales Schicksal zu akzeptieren, nicht einmal die unsägliche
Unerforschlichkeit des Lebens. Die Ironie lehrt ihn, die eventuellen eigenen kleinen Siege
nicht zu ernst zu nehmen, aber ebensowenig die eigenen häufigen Niederlagen und die
Triumphe des Nichts. In seiner wunderbaren Ausgabe des Toskanischen Äsops, die einen
lebendigen und genialen Schatz einer fast unbekannten Volksliteratur des 14. Jahrhunderts
neu zugänglich macht, hat Vittore Branca mit philologischer Strenge und
schriftstellerischer Freude den anonymen Fabeldichter wieder ans Licht gebracht. In durch
eine lange Tradition sanktionierten Szenen mit beispielhaften Tieren stellt er die im
Namen Gottes und des Gewinns ausgeübten Laster und Tugenden dar, das Epos von Kaufleuten
als "Macher und Vernichter von Königen und Päpsten" und von Klosterbrüdern,
die manchmal Heilige und manchmal Spitzbuben sind.
Ich weiß nicht, wie diese Fabeln seinerzeit gehört, aufgenommen und verstanden wurden.
Aber vielleicht müßte heutzutage ein desillusionierter und daher unbeugsamer Aufklärer,
der das Leben und dessen Freuden liebt und daher folgerichtig auch die Moral, die fordert,
jedem die Möglichkeit zu garantieren, zu leben und sein Leben zu genießen, einem Äsop -
gleich ob phrygischer oder toskanischer Provenienz - ähneln, der aus dem Schatten der
Geschichte und der Reiche seine Fabeln melancholisch, aber auch sanguinisch und, wo es
nötig ist, deftig-derb erzählt: Fabeln von Wölfen und Lämmern, Füchsen und Kranichen,
Fröschen und Sperbern, jungen Burschen und Kurtisanen, sterbenden Löwen und übermütig
gewordenen Eseln, die diesen einen Tritt versetzen. Und wer Ohren hat zu hören, der
höre.
Rezension I Buchbestellung I home I III02 LYRIKwelt © Hanser