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Die Liebe ist
ein Schwindel
(Leseprobe aus: Die
Liebe ist ein Schwindel, Erzählungen, 2004, Edition
Nautilus -
Übertragung Egon Günther)
»Die Liebe ist eine große legendäre Tat und
jede Legende, sei sie groß oder klein, ist unverhältnismäßig, und du kannst
ihr Dasein nur mit verzauberten Augen wahrnehmen.«
Sie fehlt mir. Und deshalb träume ich von ihr. Fast jede Nacht, seit mehr oder
weniger sechs Monaten, und das heißt, seitdem sie mir fehlt. Ich vermisse sie
sehr, und wenn ich nicht jede Nacht von ihr träume, dann deshalb, weil ich
mitunter auch von anderen Dingen träume, die mir fehlen. Die vermisse ich aber
nicht so sehr, und ich träume nur ab und zu von ihnen.
Ich stelle mir vor, dass sie lacht, denn ich träume von einem fröhlichen
Mädchen. Sie redet nie mit mir, doch das macht nichts: Mir genügt allein ihr
Anblick. Ich will nicht, dass sie mir irgendwas sagt, das ich missverstehen
kann, oder, schlimmer noch, dass sie mir Fragen stellt, die ich falsch
beantworte. Im Traum weiß man nie, was einem vielleicht entfährt; im Traum ist
es besser, solange es geht den Mund zu halten.
Meist ist sie im T-Shirt und in Jeans, und ich habe das Gefühl, dass es immer
gegen Abend ist, im Sommer. Das T-Shirt kenne ich nicht, sie muss es in letzter
Zeit gekauft haben, die Jeans dagegen schon, die würde ich selbst an einem
winzigen Fetzen erkennen. Sie hat sie, seit wir uns kennen. Sie haben nämlich
schon fast keine Farbe mehr.
Ich bin zufrieden, dass sie diese Hosen trägt, wenn sie mir im Traum erscheint,
denn sie sind das, was ihr am besten steht. Sie hat einen schönen Po, sogar
einen recht außergewöhnlichen. Ihr Po wird wirklich nur in diesen besonders
geschnittenen Jeans betont, deren Maße an der Hüfte gerade mal ein ganz klein
wenig weiter und an den Backen ziemlich enganliegend sind.
Vor ihr hat sie vor nun etlichen Jahren Doris Day in einem Film getragen, in dem
sie eine junge amerikanische, sehr beherzte Mutter spielte. Mir hat Doris Day
damals, als ich ein junger Kerl war, sehr gefallen, und sie hört nie auf, mir
zu gefallen; ich sehne mich nach ihren Filmen, ihren Jeans und jenen Hemden, die
sie mit einem um die Taille geschürzten Knoten trug. Es würde mir wirklich
nicht missfallen, wenn die Dinge so wie in einem ihrer Filme liefen: wenn ein
Mann, ein etwas unordentlicher, aber auch nicht zu verlotterter Mann, es
fertigbringt, sich für den Stil zu erwärmen, mit dem eine Frau ihre Hosen und
Hemden zur Geltung bringt.
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