Fast schon kriminell von Ursula März, 2011, Hanser

Ursula März

Im Alleingang
(Leseprobe aus: Fast schon kriminell, Geschichten, 2011, Hanser).

Single-Partys, Kontaktanzeigen, Blind Dates – was hat Robert

Hestler im Bestreben, die passende Frau zu finden, nicht

schon alles unternommen. Mutig, frei von Schüchternheit,

ist er obendrein.

So hat Robert Hestler sich zum Meisterstück des Männerlebens

erzogen, wildfremde Frauen einfach anzusprechen.

Nicht geschäftsmäßig, nicht wie ein Mann, der die Signale

weiblicher Bezahlbarkeit auffängt, aber doch ziemlich direkt.

Sitzt Robert Hestler beispielsweise im Café und entdeckt am

Nebentisch eine gepflegte, sympathische Dame, steht er einfach

auf, fragt, ob er sich kurz dazusetzen darf, und beginnt,

wenn er darf, ein zielgerichtetes Gespräch. Er sagt, wie er

heißt und wie alt er ist. Er skizziert seine wirtschaftlich günstigen

Verhältnisse, die Lage seines Junggesellentums sowie

den Wunsch, dieses zu verändern. Robert Hestler, der im Lauf

der Jahre die Lust verloren hat, sich in weitschweifigen Flirts,

in Konversationen über Politik und Wetter zu verschleißen,

um hinterher festzustellen, dass eine verheiratete oder fest

gebundene Frau bei Kaffee und Pikkolo auf seine Kosten

lediglich ihr Selbstbewusstsein pflegen ließ, legt sofort die

Karten auf den Tisch. Nun erwartet er, dass die Unbekannte

das genauso macht. Reagiert sie nicht, fragt er einfach drauflos.

Verheiratet? Kinder? Ortsansässig oder zu Besuch in der

Stadt? Diese Tour führt bisweilen zu Verwirrung. Eine Frau,

der Hestler so pragmatisch kommt, hält sein Singlegerede

womöglich für einen Vorwand, für einen Trick, tastet nach

ihrem Geldbeutel oder zieht reflexhaft ihre Handtasche näher

an den Körper. »Was wollen Sie eigentlich?«, hat Robert

Hestler, der nichts Verwerfliches an seinem Vorgehen findet,

sondern sich im Gegenteil als ausgesprochen ehrlich, ehrlicher

als das Gros seiner Geschlechtsgenossen empfindet,

schon manches Mal gehört. »Na wat wohl«, sagt Robert Hestler

dann, »ick schecke die Grunddaten ab.«

Hestler ist überzeugt, dass sich im Heuhaufen des weiblichen

Geschlechts eine Stecknadel befindet, die er durch

akribisches Durchforsten in die Finger kriegen kann. Und

schon allein dieser Vision, dieser fast wissenschaftlichen Idee

zuliebe strengt er sich als Mann so an. Denkbar ist natürlich,

dass Frauen vor der etwas generalstabsmäßigen Art seiner

Anstrengungen zurückweichen und, anstatt auf die Verführung

einzugehen, den Verdacht hegen, einem kaschierten Eignungstest

unterzogen zu werden – zu welchem Zweck

auch immer. Wie Hestler sich benimmt, könnte er auch ein

Versicherungsvertreter sein, dessen Arbeit das indiskrete Ausfragen

fremder Menschen einschließt. Manche Chance hat er

sich so wohl schon vermasselt.

Dabei dürfte es für einen wie Robert Hestler nicht so schwer

sein, in der Liebe unterzukommen. Er geht auf die sechzig

zu, die Zeichen des Alters machen sich indes nur dezent bemerkbar

und sind im Übrigen gut verteilt. Robert Hestler ist

drahtig, an Armen und Beinen sogar ausgesprochen muskulös,

die Wirkung der straffen Statur macht die der Halbglatze

wett. Er ist auf den ersten Blick ein durchschnittlicher Typus,

auf den zweiten ist zu sehen, dass in Robert Hestler

ein Charakter von gehörigem Eigensinn steckt. Ein Mann mit

Kontur. Er trägt am liebsten kurze Hosen, weil er sich darin

wohlfühlt, er fährt am liebsten Cabrios der Marke Mercedes,

weil er deren Größe und klassischen Standard schätzt, aber

er macht sich keine Sorgen, wie das Bild eines Mannes, der

auch im Spätherbst in kurzen Hosen und mit einer Lederkappe

auf dem Kopf in einem offenen Mercedes herumfährt und

seinen Schäferhund auf dem Beifahrersitz hocken lässt, womöglich

von Betrachtern interpretiert wird. Die Frau, die er

sucht, müsste wohl mit ein bisschen Humor ausgestattet, sie

müsste einfach großzügig genug sein, über gewisse Marotten

hinwegzusehen, die langes Alleinwirtschaften nun mal mit

sich bringt.

Denn Hestler gehört zu jenen Einzelmenschen, die sich die

Gespenster der Leere, der Vergeblichkeit und Einsamkeit, die

sie hinter der Wohnungstür anfallen, mit penibler, gleichsam

protokollarischer Regelung ihres Alltagsuniversums vom

Leib halten. Sie bewegen sich, wenn schon nicht an der Hand

einer lieben Person, so doch begleitet vom Plan ihrer eigenen

Handlungen. Da es sonst niemand tut, schaut Robert Hestler

sich eben selbst dabei zu, wie er vom Fitness-Club nach

Hause kommt, seinen Kram auspackt, die feuchte Badehose

aus dem Handtuch auswickelt, sie im Wohnzimmer über eine

Stuhllehne legt und den Stuhl zu den Blattpflanzen rückt, die

so von der verbreiteten Luftfeuchtigkeit profitieren. Diese

Gewohnheit verschränkt Hestler mit einer zweiten: dem Abhören

des Anrufbeantworters, der sich ebenfalls im Wohnzimmer

befindet. Dann geht er in die Küche, schaltet den

Herd an, setzt einen Topf mit Spaghettiwasser auf und nutzt

die Zeit, bis dieses kocht, um im Badezimmer die nassen Badelatschen

hochkant auf den Wannenrand zu stellen, damit

die Nässe nach unten abtropft. Nein, äußeren Stress hat

Hestler kein bisschen, Zeit mehr als genug. Er handelt so, weil

sich aus dieser funktionalen Dichte seiner Erledigungen das

Gefühl sinnvollen Zusammenhangs ergibt. Das Gefühl der

Einbettung des Lebens in Betrieb und Fülle. Wenn morgens

der Kaffee in der Kaffeemaschine durchläuft, steht Hestler

nicht gähnend und untätig wartend in der Küche herum. Er

verwendet diese Minuten für Kniebeugen, zieht sie von der

Zeitstrecke ab, die er seinem täglichen Gymnastikpensum

widmet, und erfreut sich an der Effizienz. Beim Frühstück

studiert er das Fernsehprogramm, das ihn am Abend erwartet.

Um die Uhrzeiten macht er Kringel, unter die Titel der

Filme und Sendungen, die ihn interessieren, zieht er gerade

Linien, außerdem benutzt er zwei Stifte mit verschiedenen

Farben, rot für die A-Kategorie, grün für die B-Kategorie. A

heißt: auf keinen Fall verpassen, B heißt: wäre nett, muss

aber nicht sein.

Auch die Frauensuche betreibt Robert Hestler systematisch

und durchdacht. Auf seine Zeitungsannoncen hin, deren

geradliniger Text »Suche nette normale Frau, im Bett aufgeschlossen

« das weibliche Geschlecht vehement anspricht,

erhält er jede Woche mindestens zehn Antwortbriefe. Hestler

sortiert diese Post nach ausgetüftelten Kriterien. Er wägt

Plus- und Minuspunkte ab. Tolle Figur mit jugendlichem Zustand

der weiblichen Formen wäre selbstverständlich ein herausragendes

Plus. Große Entfernung zwischen den Städten

dagegen ein eindeutiges Minus. Folglich müsste die Frau,

für die sich die Fahrerei eines Wochenendverhältnisses rentiert,

schon optimal gebaut sein. Natürlich hat er ein Bild,

wie das ideale Wesen beschaffen wäre. Natürlich weiß er,

dass die Realität Abstriche vom Ideal erfordert, dass er Kompromisse

eingehen muss. Aber welche und wie gegeneinander

abgewogen? Berufstätig müsste die Frau nicht sein, für

Geld ist von seiner Seite aus gesorgt. Dennoch würde der

Beruf, auch wenn er stillgelegt wäre, eine Rolle für die Gesamteinschätzung

spielen, da er doch viel über Bildung, Persönlichkeit

und charakterliche Tendenz aussagt. Gegen eine Friseuse

hätte Robert Hestler ganz einfach Ressentiments, gegen

eine Lehrerin aber auch, denn dass eine solche am freien

erotischen Ausleben Vergnügen fände und auch mal Tangas

trüge, kann er sich nicht recht vorstellen. Dürfte die Frau

Kinder mitbringen? Hestler hat keine. Mit Kleinkindgeschrei

möchte er sich nicht abgeben, mit finanziell fordernden Jugendlichen

ebenso wenig. Folglich wäre eventueller Anhang

am ehesten im dazwischenliegenden Grundschulalter akzeptabel.

Einmal im Monat besucht Robert Hestler öffentliche Single-

Partys. Über tausend Leute kommen zu diesen Veranstaltungen

und begeben sich auf Partnersuche. Manche denken

dabei nur an die kommende Nacht, andere ans ganze Leben.

Hestler ist da nicht festgelegt. Wichtig ist ihm vor allem, seinen

Plan nicht aus den Augen zu verlieren und jede Frau, die

hierherkommt und sich von Blicken prüfen lässt, auch geprüft

zu haben. Er schwimmt buchstäblich gegen den Strom.

Hestler weiß aus Erfahrung, dass die meisten Singles erst ein,

zwei Stunden nach Partybeginn erscheinen, um in der Masse

verschwinden zu können und sich die Peinlichkeit zu ersparen,

allein an einer leeren Bar herumzustehen. Er, Robert

Hestler, hingegen ist schon eine halbe Stunde vorher da. Er

postiert sich am Eingang, inspiziert in aller Ruhe jeden Neuankömmling

und geht, wenn eine Frau ihm gefällt, schnurstracks

auf sie zu. Wäre sie nicht auf Männersuche, wäre sie

ja wohl nicht da. Wozu also überflüssige Manöver mit Zublinzeln,

Zuwinken mit albern wackelnden Fingern, kokettem

Wegschauen und Wiederhinschaun? Hestler ist Realist,

dabei kein Rauhbein, er bedenkt durchaus Formfragen seines

Benehmens. Er will nicht überfallartig wirken, nur deutlich

machen, dass er auf Verzettelung seiner Zeit und seiner Energie

verzichten kann. Für sich möchte er primitives Anbag18

gern vermeiden und für die Frau, dass sie sich an die Wand

gedrückt fühlt. Nie würde er beispielsweise im Freibad eine

Frau ansprechen, die nichts weiter als ein Bikinihöschen anhat

und obenherum nackt auf der Wiese liegt. Dann wartet

Hestler eben, bis sie mit Sonnenbaden fertig und bekleidet

ist, und passt sie auf dem Weg zum Ausgang ab.

In solchen Situationen kommt es indes vor, dass Robert

Hestler das eigentliche Ziel der Frauensuche ein wenig aus

den Augen verliert. Dass vom Streben, die Passende zu finden,

nur noch die Mechanik der Suche übrigbleibt und Hestler das

zufriedene Gefühl, etwas erreicht zu haben, auch dann erlebt,

wenn eine Frau in der Schlange vor der Kinokasse noch

nicht einmal ihren Namen sagen wollte oder sich in der Fußgängerzone

von seinem bellenden Schäferhund abschrecken

ließ. Immerhin, kann Robert Hestler sich dann sagen, hat er

sein Möglichstes gegeben.

Im Grunde packt er das Frauenproblem wie ein Arbeitsproblem

an. Ein wenig paradox ist dies schon deshalb, da Hestler

sich in der glücklichen Lage befindet, nicht mehr arbeiten

zu müssen. Er lebt von seinem Kapital, verbringt seine Tage

mit Sport, mit Schwimmen, Tennis, Squash, Fernsehen und

mit Verabredungen innerhalb eines Kreises von Bekannten,

die, wie er selbst, gebettet auf einem hübschen Vermögen

und umfächelt von dessen Zinsen, ein geruhsames, gedämpftes

Leben führen. Wenn Robert Hestler heute dazu Lust verspürte,

könnte er morgen in die Karibik fliegen, aber er tut

es nicht. Er hat das Geldausgeben nicht gelernt, er achtet im

Café auf den Preisunterschied zwischen einer Cola und einer

Cola light und bestellt das billigere Getränk. Er hat auch keine

Haushälterin, die die Säuberung des Hundefressnapfs für

ihn erledigte, seine Pflanzen und seine nasse Badehose versorgte.

Er leistet sich seinen Mercedes, die Mitgliedschaft in

zwei teuren Sportclubs, sonst aber nichts, was ihn vom Leben

eines Mannes in durchschnittlichen Verhältnissen unterschiede.

Er kam auch nicht auf die Idee, eine Partner-Agentur

zu beauftragen, ihm für ein paar tausend Euro eine normale,

nette, im Bett aufgeschlossene Frau zu suchen. Hestler bevorzugt,

beruflich und privat, den Alleingang.

Als junger Mann studierte er vorübergehend Germanistik,

allerdings ohne besondere Begeisterung oder Überzeugung.

Im Grunde wählte er das Fach nur, um seinem Vater, der ihn

zur Zahnmedizin drängte, möglichst früh die Hoffnung zu

nehmen, er werde je das väterliche Berufserbe antreten und

die Praxis übernehmen, die sich im Erdgeschoss des Hauses

befand, in dem Hestler aufwuchs. Er ekelte sich schon als

Kind bei der Vorstellung, später einmal in aufgerissene Patientenmünder

und üble Atemausströmungen hineinhantieren

zu sollen. Bis in sein Zimmer im zweiten Stockwerk fühlte

er sich von den Geräuschen der Praxis verfolgt. Nach ein

paar Semestern Germanistik wechselte er zum Studium der

Betriebswirtschaftslehre. Sein Interesse für dieses Fach war

so mager wie für jedes andere, aber für die Betriebswirtschaft

sprach zumindest die realistische Aussicht auf eine Position

in der Arbeitswelt.

In Wahrheit mangelt es Robert Hestler seit je an ausgeprägten

Neigungen, an starken Interessen und Liebhabereien. Ein

Wesenszug, den die Willensstärke seines Charakters eigentlich

nicht erwarten lässt. Aber es ist so: Nichts erregte je Hestlers

vollen Enthusiasmus. Die Energie, die er darauf verwendete,

sich den Erwartungen seiner Familie zu widersetzen, hat offenbar

auch jenes Potential aufgebracht, aus dem Passionen

entstehen. Zwar verfolgt er Samstag für Samstag sämtliche

Fußballspiele der Bundesliga, aber weder ist er mit Herz und

Seele Anhänger einer bestimmten Mannschaft, noch kam er

je auf die Idee, ein Spiel real mitzuerleben, in einem Stadion

mitzufiebern, sich im Gebrüll der Menge zu verlieren. Was

Hestler am Fußball reizt, sind weniger die Spiele selbst als die

Buchhaltung ihrer Ergebnisse in den wöchentlichen Saisontabellen.

Ob Jürgen Klinsmann als Trainer zum FC Bayern

kommt, ob Hansa Rostock kurz vor der Pleite steht, ob Borussia

Dortmund in der Lage ist, beim Spiel gegen Hertha BSC

den Heimvorteil zu nutzen, berührt Robert Hestler wenig. Er

betrachtet das Schauspiel der Bundesliga als abstrakte Angelegenheit

und bleibt auf seiner Couch auch dann kühl, wenn

ein Stürmer ein sogenanntes Traumtor schießt. Geschossene

Tore interessieren ihn vorrangig als Ereignisse, durch die sich

Verschiebungen in der Hierarchie der Tabellen ergeben.

Was Robert Hestler wirklich liegt, ist das Verwalten. Und

eben daraus ergab sich schließlich sein Beruf. Nach ein paar

verbummelten Jahren, die dem Studium folgten, wurde er

Angestellter und bald darauf Teilhaber einer Firma, die im

Auftrag von Hausbesitzern deren Immobilien verwaltete, zugleich

Wohnungen und Häuser ankaufte, renovierte und weiterverkaufte.

Hestlers eigenbrötlerische Pfiffigkeit kam auf

diesem Gebiet zur Entfaltung und zu großem geschäftlichem

Erfolg. Bevor andere wussten, welche Stadtgebiete in Berlin

sich nach der Wiedervereinigung auf der Konjunkturkurve

nach oben oder nach unten bewegten, ahnte er dies

voraus. Als die Immobilien am Kurfürstendamm in der neuen

Konkurrenz mit der Friedrichstraße und der frühlingshaft

erblühenden Stadtmitte Anfang der neunziger Jahre vorübergehend

billig wurden, schlug Hestler zu und kaufte sich westlich

der Gedächtniskirche ein. Ein paar Jahre später brachte

er seinen Besitz mit erheblichen Gewinnen wieder auf den

Markt. Er wurde wohlhabend, machte sich schließlich selbständig,

trennte sich nach fünfzehn Jahren beruflicher und

privater Liaison von der Chefin der Immobilienfirma und ist

seitdem ein in jeder Hinsicht unabhängiger Mann.

Soviel Zeit und Kraft er in die Suche nach einer neuen Partnerin

auch investiert, eines behagt ihm am Junggesellendasein

zutiefst und wird ihm allmorgendlich, schon beim ersten

Augenaufschlag als Vorteil bewusst: nicht mit einer Frau im

Bett frühstücken zu müssen. Nichts ist Hestler am weiblichen

Gemüt so unangenehm, ja zuwider, nichts seiner Erfahrung

nach allerdings auch so typisch für das Frauengeschlecht, typischer

noch als sinnloses Zusammenkaufen von Schuhen,

wie der Wunsch, sich mit einem Bettfrühstück verwöhnen

und verhätscheln zu lassen. Als kämen Frauen mit einem

Gen auf die Welt, das sie zwingt, in der Umfunktionierung

von Betten zu Küchentischen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte

zu sehen. Auch die Firmenchefin hatte ihn mit diesem Tick,

den Hestler für so infantil wie kitschig hält, Wochenende für

Wochenende behelligt. Es war sogar, von Hestlers Seite aus,

ein Trennungsgrund. Robert Hestler verabscheut die gesamte

Szenerie, das akrobatische Herumschaukeln von Wurst, Brötchen,

Butter und Fünf-Minuten-Eiern, das Herumbalancieren

überschwappender Kaffeetassen über Kissen und Deckbett.

Am meisten aber verabscheut er die Spuren, die der im Bett

vollzogene Verzehr von Lebensmitteln hinterlässt: die Brotkrümel.

Noch Tage später sind sie da, in der Bettwäsche verteilt

wie am Fell ihrer Wirtstiere klebende Parasitenwinzlinge,

durch Wischen, Fegen, Schütteln nie restlos zu beseitigen.

Ein einziger Krümel genügt, um eine Nacht zur Hölle zu machen,

und es geht Robert Hestler nicht in den Kopf, dass

die angebliche Romantik einer Bettmahlzeit den Ärger mit

ihrer Hinterlassenschaft rechtfertigen soll. Wer mit einer Frau

im Bett frühstückt, kann sofort danach die Bettwäsche komplett

abziehen und in die Waschmaschine stecken. Bei jeder

Frau, die Hestler ins Visier nimmt, lenkt er seine Phantasie

sofort auf ihre Frühstücksgewohnheiten, oder er fragt einfach

danach. Frauen, die in der Öffentlichkeit den Lippenstift

nachziehen, gehören, glaubt Hestler zu wissen, mit großer

Wahrscheinlichkeit zur großen Gruppe jener Frauen, deren

Liebster morgens mit einem Tablett voll Köstlichkeiten am

Bett stehen soll. Im Idealfall befindet sich auf dem Tablett

noch ein Väslein mit einer Rose darin. Oder ein Fläschchen

Champagner. Alles nichts für Hestler. Lieber bleibt er bis an

sein Lebensende allein.

»Nu kriejense ma keen Schreck, junge Frau. Mein Name

is Hestler. Ick wollte nur ma nach der Dame kieken, die sich

hinter der Adresse hier versteckt.« So stellte sich an einem

Sonntagnachmittag Robert Hestler an der Wohnungstür von

Katharina Schacht vor. Sie war gerade beim Bügeln, schaute

nebenbei Fernsehen und war erstaunt, dass es klingelte, denn

sie erwartete niemand, schon gar nicht an einem Sonntagnachmittag,

wenn Familien unter sich sind. Als sie die Tür

öffnete, sah sie einen unbekannten mittelgroßen Mann

in kurzen Hosen und einen Schäferhund. Wäre der Hund,

den Hestler nur selten anleint, nicht einfach schnüffelnd

in die Wohnung hineingelaufen, wäre Hestler aus dem Impuls

heraus, der Bewohnerin die Furcht vor dem Hund zu

nehmen, nicht automatisch hinterhergegangen. Und hätte

er sich, da er nun schon mal in den Räumen war, nicht so

ausgesprochen interessiert nach dem Mobiliar umgesehen,

wäre es vermutlich nie zu einer gerichtlichen Anklage wegen

Hausfriedensbruch und Nötigung gekommen. Robert Hestler

pfiff nach seinem Hund und wollte eigentlich sofort wieder

gehen.

Eine Frau, die Sammeltassen hinter Glas aufstellt, war

für ihn nichts. Das bilanzierte er mit einem Blick. Von nah

sah Katharina Schacht auch älter aus. Er hatte sie am Frei-

tagmorgen entdeckt. Ihr Golf stand neben seinem Mercedes

an der roten Ampel. Er hatte sie vorfahren lassen, hatte sich

schnell das Kennzeichen aufgeschrieben und mit viel romanhaftem

Gerede bei den Behörden ihren Namen herausgebracht.

Sonntagnachmittag schien ihm ein guter Zeitpunkt

für einen Überraschungsbesuch. Als Katharina Schacht bewusst

wurde, dass ein Fremder mit einem Schäferhund in

ihre Wohnung eingedrungen war und ihren Besitz begutachtete,

ging sie couragiert zum Telefon und wählte 110, die Notrufnummer

der Polizei. Sie kam nach fünf Minuten. Hestler wurde angezeigt.

Vor Gericht kann er den missverständlichen Vorfall ganz

einfach erklären. Dem Richter fällt es dennoch schwer, ihm

zu glauben. Da Hestler de facto aber kaum etwas vorzuwerfen

ist, sein Verhalten zwar als skurril, vielleicht auch als geschmacklos

zu werten ist, aber die Bedingungen des Gesetzwidrigen

nur hauchdünn erfüllt, wird er freigesprochen.

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