Durch Wüste und Himmel von René Märtin, 200, BoDRené Märtin

Dein Vater, dein Gott
(Leseprobe aus:
Durch Wüste und Himmel, Gedichte, 2008, BoD).

Ein Dutzend regnbågar,
gefangen im Klarälven
nach Luft schnappend in der schwülen Hitze
des Nachmittags, eingezwängt im Kanu:
Charons Nachen, mit Wasser gefüllt

Neugierig wart ihr alle
du, dein Bruder und die andern
und sie, die gottherrlichen
Oncorhynchus mykiss
ahnten das nahende Ende

Wenig später,
ein Zappeln und Biegen,
ein dumpfer Schlag,
ein schneller Stich:
zwölf Mal

Es zerriss euer Herz:
ihr hattet nicht mit ihm gerechnet
im fleckigen Schatten unter den Birken
mit dem Tod, dem Tod der
zwölf schwarz gepunkteten Räuber

Das Morden brach ein in
euer Jerusalem aus See, Birke, Sonne, Steg,
Luft, Wald, Moos und Himmel,
zwölf Tempel wurden zerstört,
die weißen Bäuche aufgeschlitzt

So kam euer Klagelied auf
am See, in der zweiten langen
Hälfte des Tages,
erstaunte Augenblicke im
Feuerrauch – eure Jeremiade

Doch für einen Moment verstummte
die andere, schreiende Verzweiflung in dir,
die langen Schatten wurden kürzer
und endlich war Sommer
und deine Trauer füllte den Raum

Es brach aus dir
heraus die Ohnmacht,
die Tränen, die doch ihm galten,
deinem Vater, dem Gott mit
dem rauchenden Traktor

Sein Verderben war schon immer da,
kam wie ein im Winkel gezeugter
Bastard – von keinem erkannt,
lauerte er heimlich im Osten, nicht im Norden,
als jemand den Vorhang zerriss –

Nichts ahnend schlug dein Vater Holz: Eiche, Buche, Fichte,
in den Wäldern über Sandstein, Lehm und Feldspat,
während der Hirsch sein Gehörn abwarf,
die ersten Schneeglöckchen früh ans Licht kamen
und in der Dämmerung Augen dem einsamen Arbeiter folgten

Im grimmen Ehrgeiz deines Vaters
wartete kühl der Bastard und fand Ausdruck
in der lauten rauchenden Maschine, die den
dunklen regennassen Hang hinauf
gezwungen werden musste:

Er starb jäh in seinem Zorn,
bedeckt von seinem eisernen Willen,
begraben von seinem Schlepper,
dem geliebten Apparat –
mit ihm ging alte Schuld, auch meine

Nein, ich verstehe nicht viel von dieser Geschichte, doch unter
den blauen Himmeln Värmlands, den rasenden Wolken, den fliehenden Gänsen,
erkenne ich das fragile Blond deiner Mutter,
ihren Schatten, ihr Gesicht in dir,
deinen Willen zur Anbetung – Gottsucherin.

Der Gott, den du suchst, wird
Abbild deines Vaters sein,
unbezwingbar, unersättlich, unerreichbar –

Ein Dutzend regnbågar,
gefangen im Klarälven:
Charons Nachen ist leer

Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © René Märtin