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Wassergrün
(Leseprobe aus: Wassergrün,
Eine Kindheit in Istrien, 2004, Zsolnay - Nachwort von Claudio
Magris, Übertragung Ragni Maria Geschwend)
So finde ich also im Gedächtnis die
helle Diele der Großmutter wieder, von der aus in gleichmäßigem Abstand die Türen
zu den anderen Räumen gingen. Hinten links lag die Küche, ganz in Weiß und
ungemein aufgeräumt. Der sogenannte sparhert war an den Rändern emailliert,
und die Kochplatte bestand aus einer Reihe konzentrischer Ringe, die man zu
meiner Verwunderung abnehmen konnte, um größere oder kleinere Öffnungen zu
schaffen. Auf dem Arm der Großmutter betrachtete ich oft mit fasziniertem
Staunen das rotlodernde Feuer in diesen Löchern. Auch die Tischplatte aus
hellem Marmor übte auf mich einen besonderen Reiz aus. Sie war von einem
tiefen, schwarzen und unregelmäßigen Riß durchzogen, der in einem Gegensatz
zu den leichten bläulichen Äderungen der Oberfläche stand. Mir machte es Spaß,
mit den Augen diesen verschwommenen Arabesken zu folgen, diesen immer neuen
Mustern, wie flüchtige Wolkenbilder an einem Frühlingshimmel. Die Küche hatte
auch einen großen Balkon, der auf einen düsteren, staubigen Hof mit
gestampftem Lehmboden ging.
Mit diesem Hof ist eine der Episoden aus meiner frühen Kindheit verbunden, an
die ich mich gut erinnern kann. Nach unserem Umzug in die Via Angheben hatte die
Großmutter ein Zimmer an einen jungen, schlanken und freundlich blickenden
Offizier vermietet. Eines Tages, als die Großmutter mich auf dem Arm hatte,
schenkte mir der Offizier eine Schachtel mit kleinen Schokoladetäfelchen, auf
die ich ganz versessen war. Ich sagte nichts, gab aber der Großmutter zu
verstehen, daß ich auf den Boden abgesetzt werden wollte. Mit der kostbaren
Schachtel in der Hand ging ich auf den Küchenbalkon und warf sie in den Hof
hinunter. Die Mama und die Großmutter machten mir heftige Vorwürfe wegen
dieses unverständlichen, undankbaren und absolut ungezogenen Verhaltens.
Keiner, auch nicht der junge Offizier, verstand, daß diese Geste nichts anderes
war als ein unbeholfenes Manöver weiblicher Koketterie. Indem ich mich
ablehnend zeigte, wollte ich zu verstehen geben, daß ich nicht leicht zu
erobern sei, und erklärte mich bereit zum Liebesgeplänkel.
Danach rannte ich lange Zeit bei jedem Besuch auf diesen Balkon und versuchte
drunten meine Schokoladenschachtel zu entdecken, vergeblich geopfert und für
immer verloren, zusammen mit dem schönen Offizier, den ich nie wiedersah.
Die größten und geheimnisvollsten Verlockungen im Haus der Großmutter kamen
jedoch aus dem Speisezimmer, das auch als Salon diente und dessen Zutritt mir,
selbst als ich schon älter war, verwehrt blieb. Die Großmutter hielt es
verschlossen und öffnete es nur zu besonderen Anlässen, bei wichtigen Besuchen
oder irgendwelchen festlichen Essen. Durchs Schlüsselloch suchte ich neugierig,
seine Geheimnisse zu ergründen. Es lag immer im Halbdunkel, fast als ob auch
das Licht Würde und Andacht des Raums stören könnten. Die Einrichtung war überladen,
doch in meinen Augen gab es nichts Schöneres als die Schale mit farbigen Glasfrüchten
in der Mitte der großen Tafel. Das spärliche Licht, das durch die Fenster
hereindrang, schien sich ganz in dieser vielfältigen verschwommenen Transparenz
zu sammeln, im bald leuchtenden, bald matten Widerschein der dunkelroten,
violetten, amarantfarbenen und blauen Formen. Die Äpfel, die Pflaumen, die
Birnen und die über den Rand hängenden Weintrauben gaukelten mir eine ferne, märchenhafte
Üppigkeit vor. Dieses Zimmer wird für mich immer ein mythisches und
unerforschtes Land bleiben, das Atlantis meiner Kindheit.
[ ... ]
In der Nähe der Piazza Dante, im Zentrum von Fiume, wohnte die Großmutter
Quarantotto zusammen mit dem Großvater und der Familie der Tante Nina, die
damals erst zwei Kinder hatte, Enzo und Elsa. Das jüngste, Italo, kam dann in
Triest, im Flüchtlingslager Silos zur Welt.
Das Haus besaß einen imposanten Eingang, dunkel wie eine Höhle und außen von
zwei mächtigen Karyatiden flankiert, die, unmittelbar unter dem Architrav
stehend, das ganze Gebäude zu stützen schienen. Auch die Wohnung war dunkel
und wirkte fensterlos, denn die Großmutter war keine Freundin
von Luft und Licht und hielt die Läden immer halb geschlossen. Sie war die
treibende Kraft des Hauses. Die anderen, ganz besonders Großvater Antonio,
waren lediglich Satelliten, die um ihren anmaßenden Stern kreisten. Großvater
Antonio war ein sanftes altes Männchen, asthmatisch und ganz krumm, fast
ohne Hals, und er starb wenige Monate nach der Aussiedlung in Como. Er war in
Dalmatien, in Ragusa, geboren und hatte, früh verwaist, als Schiffskoch zu
arbeiten begonnen. Später eröffnete er in Fiume ein Restaurant, das Lloyd, das
mit der Zeit zum bekanntesten und gepflegtesten der Stadt wurde. Vor dem Zweiten
Weltkrieg ging das Lokal pleite, und der Großvater machte nun in der Nähe ein
melancholisches Café auf, das ich als düster, verräuchert und immer leer in
Erinnerung habe; das einzig Fröhliche darin war das grüne Tuch des großen
Billardtischs.
Der Großvater stand völlig unter dem Pantoffel seiner Frau, und daher gab es
mit ihm keine größeren Probleme im Zusammenleben, aber zwischen Mutter und
Tochter sowie dem Schwiegersohn Rudi war die Beziehung äußerst gespannt, und
es krachte häufig. Die Großmutter Maria, die ich seltsamerweise bei ihrem
Nachnamen (Quarantotto) nannte, wie ich es auch mit der Großmutter Filippina (Madieri)
hielt, war in San Colombano, in der Nähe von Muggia, geboren und stammte aus
einer Bauernfamilie. Vom Land hatte sie sich die Härte und die Unerbittlichkeit
bewahrt. Ihre Geschwister unterteilte sie
in zwei Kategorien: Mit Respekt sprach sie von Matteo, der in Monfalcone
Werftarbeiter, und von Giordano, der Taucher
geworden war, sowie von dessen Sohn Ernesto, einem großen Flieger, der bei
einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Dagegen verachtete, ja haßte sie beinahe
ihren Bruder Domenico, der Bauer geblieben war, sowie die Schwestern Rosina,
ungebildet und Tabakschnupferin, und Teresa, die jüngste, die als verworfen
galt, weil sie verführt und nach der erzwungenen Hochzeit sehr bald von ihrem
brutalen und versoffenen Ehemann sitzengelassen worden war. Die in Schande
empfangene kleine Tochter starb sehr früh und war der einzige Lichtblick im
Leben dieser Tante gewesen, die in dem armseligen Zimmer, in dem sie im Alter
allein lebte, auf der Glasplatte der Kredenz eine von der Zeit und den Küssen
verblaßte Fotografie ihres Kindes stehen hatte. Tante Teresa hatte eine Schwäche
für meine Schwester, die sie »Goldlöckchen« nannte, wahrscheinlich weil sie
in Lucina irgendeine Ähnlichkeit mit ihrer kleinen Tochter entdeckte.
Diese Unterteilung in Kategorien hatte die Großmutter auch auf die eigenen
Kinder und Enkel übertragen. Meine Mutter, die Erstgeborene und Sanfteste, war
ihr Liebling, und auch
Alberto, der Jüngste, wurde mit Zuneigung betrachtet. Die
beiden anderen aber, Vittorio und Nina, vor allem jedoch Nina, hatten bei ihr
wenig zu lachen. Von den Enkelkindern bevorzugte sie Enzo, der bei ihr in der
Wohnung auf die Welt gekommen war, und dann kam ich als Joles Tochter. Die zwei
anderen, jüngeren Enkel wurden als quantité négligeable betrachtet, ja mehr
oder weniger abgelehnt, da es Mädchen waren. Tatsächlich hatte die Großmutter
eine grausige Ansicht von ihrem eigenen Geschlecht und definierte die Frau als
»eine Kloake«.
Großmutter Quarantotto, halbe Analphabetin und hochintelligent, muß in ihrer
Jugend sehr schön gewesen sein. Ich besitze noch eine Fotografie, auf der sie
mit dem Großvater und den vier rasch hintereinander geborenen Kindern zu sehen
ist, und ich muß zugeben, daß sie eine Frau von seltener Anziehungskraft war.
Meine Mutter erzählte mir, sie, als die Älteste, sei im Ersten Weltkrieg zum
Onkel Domenico aufs Land geschickt worden, da die Familie in Fiume nichts zu
essen hatte. Dort
in Semedella blieb die Mama vom sechsten bis zum neunten Lebensjahr und hütete
die Kühe, die Cvika und die Stella, auf
der Weide. Als bei Kriegsende die Großmutter kam, um ihre Tochter, die sich
fast nicht mehr an sie erinnerte, wieder zu
holen, hatte diese den Eindruck, ihr erscheine die Madonna. Seit damals siezte
sie, als einzige unter den Geschwistern, ihre Mutter. Auch noch im Alter hatte
sich die Großmutter ein majestätisches Auftreten bewahrt sowie edle Züge und
prächtige weiße Haare, zart und wie Seide glänzend, obwohl sie sie sehr
selten wusch.
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