Die Moschee in der Gasse von Naghib Machfus, 1998, Unionsverlag.chNaghib Machfus

Die Uniform
(aus: Die Moschee in der Gasse, Erzählungen. © Unionsverlag, Zürich 1988. Aus dem Arabischen von Wiebke Walther)

Gachscha, der Zigarettenverkäufer, war an der Spitze derer, die zum Bahnhof von Sakasik eilten, als die Ankunftszeit des Zuges näherrückte. An dem florierenden Handel auf diesem Bahnhof teilzuhaben, hielt er für sein gutes Recht, ging gewöhnlich mit unvergleichlichem Eifer den Bahnsteig entlang und jagte nach Kunden mit seinen kleinen wissenden Augen.

Vielleicht hätte Gachscha sein Gewerbe heftig verflucht, wenn man ihn danach gefragt hätte, denn er war wie die meisten Menschen unzufrieden mit seinem Leben und haderte mit seinem Schicksal. Wenn er die Wahl gehabt hätte, wäre er vielleicht lieber Fahrer eines reichen Mannes geworden, um sich wie ein Efendi kleiden zu können und mit zu essen, was der Bey afi, um ihn sommers und winters in ausgesuchte Gegenden zu begleiten und so im Kampf ums Dasein das zu bevorzugen, was eher schon Zerstreuung und Vergnügen war.

Abgesehen davon hätte er seine besonderen Gründe und sogar schon einen leichten Anspruch darauf gehabt, eine solche Arbeit vorzuziehen und sie sich herbeizuwünschen, seit dem Tage nämlich, da er dazugekommen war, wie EI-Ghurr, der Fahrer eines bedeutenden Mannes, sich der Nabawija, dem Dienstmädchen des Verwaltungsrektors, in den Weg gestellt und ihr kühn und voll Selbstvertrauen den Hof gemacht hatte. Ja, er hatte sogar einmal gehört, wie er, sich freudig die Hände reibend, gesagt hatte: »Ich werde bald kommen und den Ring mitbringen.« Er hatte gesehen, wie das Mädchen darauf kokett gelächelt und den Zipfel ihres Umschlagtuches über ihrem Kopf gelüftet hatte, so, als wolle sie es glattstreichen. In Wirklichkeit aber wollte sie ihm ihr rabenschwarzes, geöltes Haar zeigen. Er hatte das gesehen, und da stand sein Herz in Flammen, er fühlte, wie die Eifersucht ihn schmerzlich packte: Ihre schwarzen Augen machten ihn schwach und krank. Er war ihr öfter ganz dicht gefolgt und hatte sie förmlich belagert, wenn sie ging und kam. Dann, als er einmal an einer Wegbiegung mit ihr allein gewesen war, hatte er vor ihren Ohren wiederholt, was EI-Ghurr zu ihr gesagt hatte: »Ich werde bald kommen und den Ring mitbringen.« Aber sie hatte den Kopf abgewandt, die Stirn in Falten gelegt und verächtlich erwidert: »Besorg dir erst mal Holzschuhe, das wäre besser!« Da hatte er auf seine Füße gestarrt, die rauh waren wie das Innere von Kamelhufen, auf seinen schmutzigen Gilbab, seine staubbedeckte weiße Baumwollmütze und hatte gesagt: »Das ist der Grund für mein Elend und den Untergang meines Gestirns.« Und er hatte EI-Ghurr beneidet und sich seine Arbeit gewünscht. Aber diese Wunschträume machten ihn seinem Gewerbe nicht untreu, er mühte sich beharrlich weiter ab und begnügte sich damit, von seinen heimlichen Wünschen tatsächlich nur zu träumen.

An jenem Nachmittag ging er zum Bahnhof von Sakasik, trug seinen Kasten mit sich und wartete auf das, was da kam. Er blickte zum Horizont und sah den Zug, der aus der Ferne herannahte wie eine große Rauchwolke, immer näher kam, in Einzelheiten sichtbar wurde und dann mit lautem Quietschen schließlich auf dem Bahnsteig hielt. Gachscha eilte auf die dicht besetzten Wagen zu und sah zu seinem Schrecken an den Türen bewaffnete Miliz. Er blickte in fremde Gesichter, die bestürzt und niedergeschlagen aus den Fenstern sahen. Die Leute auf dem Bahnsteig stellten Fragen, und man sagte ihnen, daß das italienische Gefangene wären, die in großer Zahl ihren Feinden in die Hände gefallen seien, und daß man sie jetzt in Gefangenenlager brächte.

Gachscha stand erstaunt da und blickte hin und her in die staubbedeckten Gesichter. Kummer erfüllte ihn, denn er war sich sicher, daß diese Männer mit den fahlen, elenden Gesichtern kaum etwas besäßen, womit sie ihre Gier nach seinen Zigaretten befriedigen könnten. Er sah, daß sie seinen Kasten vor Hunger und Verlangen mit Blicken verschlangen, und warf ihnen einen zornigen, verächtlichen Blick zu.

Er wollte ihnen schon den Rücken zuwenden und dorthin zurückkehren, woher er gekommen war. Aber da hörte er, wie eine Stimme ihm mit europäisch gefärbtem Arabisch zurief: »Zigaretten!«

Er sah den Mann erstaunt und zweifelnd an, dann rieb er die Fingerspitzen, um zu fragen, womit er bezahlen wolle. Der Soldat verstand und gab ihm ein Zeichen mit dem Kopf. Er trat vorsichtig näher heran und blieb in einer solchen Entfernung stehen, daß der Soldat ihn mit der Hand nicht erreichen konnte. Der Soldat zog ruhig seine Uniformjacke aus und sagte, wobei er ihm damit winkte: »Das ist mein Geld.« Gachscha, von diesem Angebot überrascht, betrachtete die aschgraue Jacke mit den gelben Knöpfen halb vor Staunen und halb vor Verlangen. Ihm klopfte das Herz, aber er war kein Einfaltspinsel, und er verbarg die aufkeimende Furcht, daß er der Gier des Italieners zum Opfer fallen könnte. In scheinbarer Ruhe nahm er eine Schachtel Zigaretten und streckte die Hand aus, um die Jacke entgegenzunehmen.

Der Soldat runzelte die Stirn und schimpfte: »Ein einziges Päckchen für eine Jacke? ... Gib mir zehn!«

Gachscha erschrak und trat zurück. Sein Verlangen ließ nach. Beinah wäre er seines Wegs gegangen.

Da rief ihm der Soldat zu: »Gib mir eine angemessene Zahl, neun oder acht!« Der junge Bursche schüttelte hartnäckig den Kopf, da sagte der Soldat: »Dann sieben ...«

Aber er schüttelte den Kopf wie beim erstenmal. Er tat so, als ob er sich entschlossen hätte zu gehen, da gab sich der Soldat mit sechs zufrieden, dann ging er auf fünf herunter. Gachscha winkte mit der Hand ab zum Zeichen, daß es hoffnungslos sei. Er trat zurück zu einer Bank und setzte sich. Der Soldat rief ihm wie besessen zu: »Komm her! Ich bin mit vier zufrieden.«

Aber er schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Und um ihm zu zeigen, daß er sich nicht um ihn kümmere, zündete er sich eine Zigarette an und rauchte genießerisch und still vor sich hin.

Das versetzte den Soldaten in Wut. Er sah so aus, als hätte er in seinem Leben nur noch das Ziel, in den Besitz von Zigaretten zu kommen. Er ging mit seiner Forderung auf drei Päckchen herunter, dann auf zwei.

Gachscha blieb sitzen und beherrschte seine Erregung und sein schmerzliches Verlangen. Als der Soldat auf zwei herunterging, machte er ungewollt eine Bewegung, die der Soldat bemerkte. Er streckte ihm die Hand mit der Jacke entgegen und sagte: »Gib her!.«

Da blieb ihm nichts anderes übrig, als aufzustehen und so nahe an den Zug heranzutreten, daß er die Jacke entgegennehmen konnte. Er gab dem Soldaten die beiden Packungen.

Glücklich und zufrieden prüfte er das Jackett, auf seinen Lippen erschien ein siegesfrohes Lächeln. Er stellte den Kasten auf der Bank ab, zog das Jackett an und knöpfte es zu. Es war ihm zu weit, aber er scherte sich nicht darum, sondern staunte vor Verwunderung und Freude und nahm seinen Kasten wieder an sich.

Froh und stolz schritt er den Bahnsteig entlang, und vor seinen Augen erschien das Bild Nahawijas, wie sie in ihr Umschlagtuch gehüllt war. Er murmelte vor sich hin: »Wenn sie mich jetzt sehen könnte! Ja, von heute an wird sie keine Abneigung mehr gegen mich empfinden und sich nicht verächtlich von mir abwenden. Nun hat EI-Ghurr nichts mehr, womit er sich mir gegenüber aufspielen könnte.«

Aber er erinnerte sich daran, daß EI-Ghurr einen vollständigen Anzug trug, nicht bloß ein Jackett. Wie sollte er zu Hosen kommen? Er dachte kurz nach. Dann warf er einen Blick voll tiefer Bedeutung in die Gesichter der Gefangenen, die aus den Fenstern des Zuges schauten. Von neuem spielte das Verlangen mit seinem Herzen, und er wurde unruhig, wo er doch gerade erst trunken vor Glück gewesen war.

Er ging langsam am Zug entlang und rief dreist: »Zigaretten! Zigaretten! Das Päckchen für eine Hose, wenn jemand kein Geld hat. Das Päckchen für eine Hose.« Er rief dasselbe ein zweites und ein drittes Mal, da er fürchtete, nicht verstanden worden zu sein, zeigte er im Gehen auf die Jacke, die er trug, und winkte mit einem Päckchen Zigaretten.

Seine Gesten erreichten den beabsichtigten Zweck. Ein Soldat zögerte nicht lange und wollte gerade seine Jacke ausziehen, da eilte er zu ihm und bedeutete ihm innezuhalten. Dann zeigte er auf seine Hose, um anzudeuten, daß er die haben wollte. Der Soldat zuckte verächtlich mit den Schultern, zog die Hose aus, und der Austausch wurde perfekt. Gachscha griff begierig nach der Hose und geriet fast außer sich vor Freude. Er ging zurück zu dem Platz, wo er zuerst gesessen hatte, und streifte die Hose über.

Keine Minute, und er war ein kompletter italienischer Soldat. Fehlte ihm nun noch etwas? Es war wirklich schade, daß diese Gefangenen keinen Tarbusch auf dem Kopf trugen ... aber ihre Füße steckten in Schuhen. Er mußte unbedingt Schuhe haben, um sich mit EI-Ghurr vergleichen zu können, der ihm das Leben vergällte.

Er nahm seinen Kasten, eilte zum Zug und rief: »Zigaretten ... Das Päckchen für ein Paar Schuhe!« Um sich verständlich zu machen, behalf er sich mit Gesten, wie er es beim ersten Mal getan hatte. Aber bevor er eines neuen Kunden habhaft werden konnte, ertönte das Abfahrtssignal des Zuges. Das setzte auf einen Schlag das gesamte Wachpersonal in Bewegung. Zudem legte sich allmählich Dunkelheit über den Bahnhof, die Nacht senkte sich herab. Gachscha blieb stehen und verspürte Qualen in seinem Inneren, seine Augen blickten kummervoll und wütend.

Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, sah ihn einer der Milizionäre aus einem vorderen Wagen. In seinem Gesicht zeigte sich Ärger, und er rief ihm erst auf Englisch, dann auf Italienisch zu: »Steig schnell ein, steig ein, Gefangener!«

Gachscha verstand nicht, was er sagte. Er wollte seinem Überschwang Luft machen und begann, ihn nachzuäffen im Vertrauen darauf, daß er zu weit von ihm entfernt war, als daß seine Hand zupacken könnte.

Während der Zug langsam anfuhr, rief ihm der Wachsoldat ein zweites Mal zu: »Steig ein! Ich warne dich. Steig ein!«

Gachscha preßte verächtlich die Lippen zusammen, drehte ihm den Rücken zu und schickte sich an zu gehen. Der Milizionär ballte seine Linke drohend zur Faust, richtete sein Gewehr auf den unachtsamen jungen Burschen ... und schoß.

Das Dröhnen des Schusses legte sich betäubend auf die Ohren. Ein Schrei des Schmerzes und der Bestürzung folgte. Gachscha blieb stehen und erstarrte, der Kasten fiel ihm aus der Hand. Zigarettenpäckchen und Streichholzschachteln breiteten sich auf dem Boden aus. Er fiel auf das Gesicht und war tot.

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