Soledades von Antonio Machado, 2006, Ammann

Antonio Machado

XCVII / Porträt
(Leseprobe aus:
Soledades. Campos de Castilla/Kastilische Landschaften, Gedichte 1907-1917, spanisch/deutsch , 2006, Amman - Hrsg. und übertragen Fritz Vogelsang)

Meine Kindheit sind Bilder vom Patio in Sevilla,
von einem lichten Garten voll reifender Zitronen;
die Jugend: zwanzig Jahre in der Landschaft Castilla;
meine Geschichte: Daten, die kein Erinnern lohnen.

Kein Verführer Mañara bin ich jemals gewesen,
kein Bradomín – ihr kennt mein unelegantes Kleid –,
doch es traf mich der Pfeil, den Cupido mir erlesen,
und ich liebte, was Frauen eigen sein kann an Gastlichkeit.

Es gibt in meinen Adern Tropfen von Jakobinerblut,
doch meine Verse quellen aus ruhig-klarem Grund,
und ich bin – in dem guten Sinne des Wortes – gut,
mehr als ein Mensch der Norm mit fixer Doktrin im Mund.

Ich verehre die Schönheit, und nach neuer Ästhetik
schnitt ich die alten Rosen im Garten von Ronsard,
doch ich mag nicht die Schminken der heutigen Kosmetik
und bin kein Vogel aus der schicken Prunkzwitscherschar.

Ich verschmäh die Romanzen hohl geschwellter Tenöre
und den Grillenchor, der zirpend besingt den Mondenschein.
Klar unterscheid ich Stimmen und Echos, die ich höre,
innehaltend, und lausch nur einer Stimme allein.

Bin ich Klassiker oder Romantiker? Mir unbekannt.
Mein Vers soll mir entsinken wie dem Feldherrn der Degen,
berühmt ob der die Klinge schwingenden Manneshand,
nicht geschätzt der kunstreichen Arbeit des Schmiedes wegen.

Ich rede mit dem Menschen, der mich immer begleitet
– wer mit sich selbst spricht, hofft, einst sei’s Gott, der ihn hörte;
mein Monolog gilt diesem guten Freund, der mich leitet
und der mich das Geheimnis der Menschenliebe lehrte.

Und ich bleib euch nichts schuldig am Ende; was ich schrieb,
schuldet ihr mir; ich zahle mit Arbeit, die ich tue,
den Rock, der mich bedeckt, die Wohnstatt, die mir blieb,
das Brot, das mich ernährt, das Bett, auf dem ich ruhe.

Und kommt er dann, der Tag der allerletzten Reise,
ist das Schiff ohne Rückkehr klar zum letzten Ade,
findet ihr mich an Bord, in unbeschwerter Weise,
leichten Gepäcks, fast nackt, wie die Söhne der See.

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