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Was machen die
Engländer?
(aus: Die Glühbirne der Etrusker, Essays und
Marginalien, 2003, Dumont
Verlag)
Eine früher populäre Form des
Witzes ist heute fast nicht mehr zu hören. Es ist der Drei-Nationen-Witz, der
üblicherweise beginnt: „Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher...“
Die Nationen können dabei so frei variieren wie die Umstände, unter denen sie
zusammentreffen (oft im Flugzeug oder vor Petrus im Himmel), aber in der Regel
sind es drei, deren typische Eigenschaften der Witz ins vergleichende Klischee
zu ziehen sucht. Es ist eine Witzform, die es unter viel Kroppzeug nur auf
wenige elegante Exemplare gebracht hat und deren Absterben niemand bedauern
wird. Auch das geistreiche mot über die typischen Unterschiede der Nationen
wird heute nicht mehr oft gehört. Früher versuchte sich auch ein Autor wie
Thomas Mann daran, der das Genre des Aphorismus sonst sicher umschiffte. Die
Semi-Sentenz, die er dann doch riskierte, galt der vergleichenden
Musikbetrachtung: der russischen Musik fehle es an Form, der französischen an
Tiefe. Das war mehr als matt; so etwas wurde sogar im eigenen Haus besser
gemacht, wie wir seinem Tagebuch entnehmen. Im Juni 1946 hält er dort einen
Ausspruch seiner Frau Katia fest: „K. bemerkte gut: deutsch: ‚Faust‘,
französisch: ‚Margarethe‘, italienisch: ‚Mefistofile‘.“ Der gleiche
Stoff bei Goethe, Gounod und Boito, und jedesmal eine andere Färbung und
Hauptfigur: beim Deutschen der rastlos Strebende, beim Franzosen die süße
Frau, und beim Italiener der gewitzte Teufel. Ist das der Geist der Nationen,
wie er sich in ihren Kunstwerken niederschlägt?
Wenn er das fand, hatte Thomas Mann sich eine Gelegenheit zur Pendant-Sottise
entgehen lassen, mit der er K. hätte kontern können. Der gleiche Stoff, einmal
auf deutsch, einmal auf französisch, das gab es auch bei seinem Lieblingsstück.
Kleists Lustspiel Amphitryon stützte sich ja auf den Amphitryon Molières, dem
Kleist in vielem folgt, in manchem aber auch nicht. Wenn es nationaltypische
Unterschiede gab, dann zeigten sie sich in diesen Abweichungen. Und wie war das
mit den Dienerpaaren, hier und dort? Bei Kleist wie Molière lebt Amphitryons
Diener Sosias in ständigem Zank mit seiner Frau Charis. Der Grund für den ständigen
Zank? Bei Molière gibt es nur einen. Charis ist bitter, weil Sosias seine
ehelichen Pflichten nicht erfüllt. Alles dreht sich um diesen Punkt 'und ist es
ein Wunder', hätte Thomas Mann fragen können, bei einer Nation, die Faust in
Margarethe umtauft? Beim Deutschen dagegen hat sich die Problemzone verschoben.
Auch hier entzündet sich der Streit an immer demselben Punkt. Aber er ist etwas
nach oben gerutscht; es ist der Magen. Kleists Sosias denkt nur an eines: an
Bratwurst mit Kohl; an ihr, der Wurst, hängt all sein Bangen und Streben, und
mit ihm, dem Wurstentzug, trifft Charis‘ Rache sein empfindlichstes Organ.
Sehr faustisch ist er allerdings nicht, dieser Sosias’sche Drang. Schon darum
hätte Thomas Mann am Ende wohl doch auf das Exempel verzichtet, so schön es
sich mit den lüsternen Franzosen auch gefügt hätte. "Die
Franzosen", das zielt übrigens schon als Wort unter die Magenlinie, wenn
es ein Deutscher gebraucht. Aber auch „die Engländer“ zielen dorthin, wenn
ein Franzose von ihnen spricht. In leichter Sorge darüber, sie könnte
schwanger geworden sein, schreibt Flaubert seiner Geliebten Louise Colet, er
lese gerade Onkel Toms Hütte, und apropos Amerika, „was machen die Engländer?“
Er denkt dabei weniger Abschätziges als die Deutschen, bei denen die Franzosen
seit fünfhundert Jahren den luetischen Nebensinn haben; bei den Engländern war
es nur eine Farbe, ihr roter Rock, der zur redensartlichen Übertragung einlud.
Man könnte noch andere Beispiele finden, aber sie würden nur davon
ablenken, daß es tatsächlich gewisse Eigentümlichkeiten gibt, die sich in
Nationalliteraturen niederschlagen. Es sind nicht große Themen, nicht blaße
Allgemeinheiten wie Tiefe und Form. Eher sind es immer wiederkehrende Motive,
die einsickern, ohne daß es den Autoren zur eigentlichen Kenntnis gelangt. Was
wäre typisch englisch, in diesem subkutanen Sinn? Nicht daß es Nierchen zum Frühstück
gibt, das liegt nur an der Oberfläche. Auch ein Franzose könnte einen Roman
schreiben, der in England spielt und in dem man sich morgens Würstchen brät.
Aber in England, und in einer bestimmten Schicht, muß man erzogen worden sein,
um bestimmte Hemmungen zu empfinden und bestimmte kleine Fragen immer wieder am
Rand des Gesichtsfelds tanzen zu sehen.
Eine dieser Fragen ist: wer bezahlt das Dinner? Freunde treffen sich zum Essen,
wer muß am Schluß die Rechnung übernehmen? Warum läßt sich der eine ärgerlicherweise
immer einladen? Dieses Problem, diese peinliche Frage, die schon in den Tagebüchern
Virginia Woolfs auftaucht, irrlichtert noch durch Martin Amis’ Autobiographie
Experience. Und ein zweites findet sich dort, wie in den Romanen Antony Powells
und Alan Hollinghursts, Julian Barnes oder Ian McEwans: das Thema der peinlichen
Gesprächspausen. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß es nicht üblich
ist, sich Privates mitzuteilen, daß unter Fremden sogar die Frage nach dem
Beruf als unvornehm gilt, daß die Distanzen gewahrt werden und wenig Themen übrig
bleiben, wenn alles Persönliche ausgeschlossen ist. Vielleicht schärft sich
durch diese Distanzen der Sinn für Peinlichkeiten aller Art. Es schärft sich
aber auch, wenn viel maskiert werden muß, der Sinn fürs Erkennen sekundärer
Signale, unwillkürlicher Gesten, verräterischer Regungen. Hat die Größe des
englischen Romans mit dieser Sinnesschärfung zu tun? Und wäre eben diese Größe
eine Nationaleigenschaft?
Betretenes Schweigen. Ein Engel geht durch den Raum. Vor Petrus stehen ein
Franzose, ein Engländer und ein Deutscher.
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