Die Glühbirne der Etrusker vonMichael Maar, 2003, DuMont

Michael Maar

Was machen die Engländer?
(aus: Die Glühbirne der Etrusker, Essays und Marginalien, 2003, Dumont Verlag)

Eine früher populäre Form des Witzes ist heute fast nicht mehr zu hören. Es ist der Drei-Nationen-Witz, der üblicherweise beginnt: „Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher...“ Die Nationen können dabei so frei variieren wie die Umstände, unter denen sie zusammentreffen (oft im Flugzeug oder vor Petrus im Himmel), aber in der Regel sind es drei, deren typische Eigenschaften der Witz ins vergleichende Klischee zu ziehen sucht. Es ist eine Witzform, die es unter viel Kroppzeug nur auf wenige elegante Exemplare gebracht hat und deren Absterben niemand bedauern wird. Auch das geistreiche mot über die typischen Unterschiede der Nationen wird heute nicht mehr oft gehört. Früher versuchte sich auch ein Autor wie Thomas Mann daran, der das Genre des Aphorismus sonst sicher umschiffte. Die Semi-Sentenz, die er dann doch riskierte, galt der vergleichenden Musikbetrachtung: der russischen Musik fehle es an Form, der französischen an Tiefe. Das war mehr als matt; so etwas wurde sogar im eigenen Haus besser gemacht, wie wir seinem Tagebuch entnehmen. Im Juni 1946 hält er dort einen Ausspruch seiner Frau Katia fest: „K. bemerkte gut: deutsch: ‚Faust‘, französisch: ‚Margarethe‘, italienisch: ‚Mefistofile‘.“ Der gleiche Stoff bei Goethe, Gounod und Boito, und jedesmal eine andere Färbung und Hauptfigur: beim Deutschen der rastlos Strebende, beim Franzosen die süße Frau, und beim Italiener der gewitzte Teufel. Ist das der Geist der Nationen, wie er sich in ihren Kunstwerken niederschlägt?
Wenn er das fand, hatte Thomas Mann sich eine Gelegenheit zur Pendant-Sottise entgehen lassen, mit der er K. hätte kontern können. Der gleiche Stoff, einmal auf deutsch, einmal auf französisch, das gab es auch bei seinem Lieblingsstück. Kleists Lustspiel Amphitryon stützte sich ja auf den Amphitryon Molières, dem Kleist in vielem folgt, in manchem aber auch nicht. Wenn es nationaltypische Unterschiede gab, dann zeigten sie sich in diesen Abweichungen. Und wie war das mit den Dienerpaaren, hier und dort? Bei Kleist wie Molière lebt Amphitryons Diener Sosias in ständigem Zank mit seiner Frau Charis. Der Grund für den ständigen Zank? Bei Molière gibt es nur einen. Charis ist bitter, weil Sosias seine ehelichen Pflichten nicht erfüllt. Alles dreht sich um diesen Punkt 'und ist es ein Wunder', hätte Thomas Mann fragen können, bei einer Nation, die Faust in Margarethe umtauft? Beim Deutschen dagegen hat sich die Problemzone verschoben. Auch hier entzündet sich der Streit an immer demselben Punkt. Aber er ist etwas nach oben gerutscht; es ist der Magen. Kleists Sosias denkt nur an eines: an Bratwurst mit Kohl; an ihr, der Wurst, hängt all sein Bangen und Streben, und mit ihm, dem Wurstentzug, trifft Charis‘ Rache sein empfindlichstes Organ.
Sehr faustisch ist er allerdings nicht, dieser Sosias’sche Drang. Schon darum hätte Thomas Mann am Ende wohl doch auf das Exempel verzichtet, so schön es sich mit den lüsternen Franzosen auch gefügt hätte. "Die Franzosen", das zielt übrigens schon als Wort unter die Magenlinie, wenn es ein Deutscher gebraucht. Aber auch „die Engländer“ zielen dorthin, wenn ein Franzose von ihnen spricht. In leichter Sorge darüber, sie könnte schwanger geworden sein, schreibt Flaubert seiner Geliebten Louise Colet, er lese gerade Onkel Toms Hütte, und apropos Amerika, „was machen die Engländer?“ Er denkt dabei weniger Abschätziges als die Deutschen, bei denen die Franzosen seit fünfhundert Jahren den luetischen Nebensinn haben; bei den Engländern war es nur eine Farbe, ihr roter Rock, der zur redensartlichen Übertragung einlud.  Man könnte noch andere Beispiele finden, aber sie würden nur davon ablenken, daß es tatsächlich gewisse Eigentümlichkeiten gibt, die sich in Nationalliteraturen niederschlagen. Es sind nicht große Themen, nicht blaße Allgemeinheiten wie Tiefe und Form. Eher sind es immer wiederkehrende Motive, die einsickern, ohne daß es den Autoren zur eigentlichen Kenntnis gelangt. Was wäre typisch englisch, in diesem subkutanen Sinn? Nicht daß es Nierchen zum Frühstück gibt, das liegt nur an der Oberfläche. Auch ein Franzose könnte einen Roman schreiben, der in England spielt und in dem man sich morgens Würstchen brät. Aber in England, und in einer bestimmten Schicht, muß man erzogen worden sein, um bestimmte Hemmungen zu empfinden und bestimmte kleine Fragen immer wieder am Rand des Gesichtsfelds tanzen zu sehen.
Eine dieser Fragen ist: wer bezahlt das Dinner? Freunde treffen sich zum Essen, wer muß am Schluß die Rechnung übernehmen? Warum läßt sich der eine ärgerlicherweise immer einladen? Dieses Problem, diese peinliche Frage, die schon in den Tagebüchern Virginia Woolfs auftaucht, irrlichtert noch durch Martin Amis’ Autobiographie Experience. Und ein zweites findet sich dort, wie in den Romanen Antony Powells und Alan Hollinghursts, Julian Barnes oder Ian McEwans: das Thema der peinlichen Gesprächspausen. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß es nicht üblich ist, sich Privates mitzuteilen, daß unter Fremden sogar die Frage nach dem Beruf als unvornehm gilt, daß die Distanzen gewahrt werden und wenig Themen übrig bleiben, wenn alles Persönliche ausgeschlossen ist. Vielleicht schärft sich durch diese Distanzen der Sinn für Peinlichkeiten aller Art. Es schärft sich aber auch, wenn viel maskiert werden muß, der Sinn fürs Erkennen sekundärer Signale, unwillkürlicher Gesten, verräterischer Regungen. Hat die Größe des englischen Romans mit dieser Sinnesschärfung zu tun? Und wäre eben diese Größe eine Nationaleigenschaft?
Betretenes Schweigen. Ein Engel geht durch den Raum. Vor Petrus stehen ein Franzose, ein Engländer und ein Deutscher.

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