Lichtung von Jan Lurvink, 2005, DuMont

Jan Lurvink

Lichtung
(Leseprobe aus: Lichtung, Roman, 2005, DuMont)

Ein Vogel flattert in wilden Zacken, als habe er sich unter die grauschwarze Wolkenkuppel verflogen und eine Heidenangst bekommen, oder wie aufgezogen und hochgeschleudert, mit abschnurrendem Propeller. Uraltes Vogelfach, denke ich, Geschickabschnitte in die Luft zu schneisen, Gelingchancen am Himmel aufzuzeichnen, auch Mahnungen zur Flucht.
„Hat man Ihnen keine Brille gegeben?“ Eine Schwester läuft auf mich zu. Ich greife in meine Manteltasche und hole die Sonnenbrille hervor.
„Und wieso tragen Sie sie dann nicht?“ Sie stemmt die Fäuste in die Hüften. Hinter ihrem Rücken bläst ein Rollstuhlfahrer kleine Wolken aus, als wolle er mir eine helfende Nachricht zurauchen.
„Hat Ihnen der Doktor erlaubt, die Brille abzunehmen?“
Am Ende der Fensterwand vergräbt ein Mann seinen Kopf in den Händen, eine Frau tätschelt ihm mit einer Hand die Schulter und hält mit der anderen ein belegtes Brot, in das sie herzhaft beisst.
Ich setze die Sonnenbrille auf.
„Na, also. Sie werden in zehn Minuten abgeholt.“
Die Schlappen der Schwester klatschen leiserwerdende Triolen auf Fersen und Boden. Durch die dunklen Gläser kann ich den Vogel nicht mehr finden. Ein Schatten hat den Himmel verschluckt, und mit ihm Hügelrücken, Schornsteine und Baumkronen.

Die Fussgänger gingen bei Grün lange nicht über die Strasse oder im blödesten Moment bei Rot. Einer musste vor meinem Fahrrad wegspringen und schimpfte mir nach, ich solle eben die Sonnenbrille abnehmen. Am Haupteingang liess ich einem Mann den Vortritt, der seine verletzte Hand wie eine Laterne vor sich her hielt; sein mit Öl oder Russ beschmiertes Gesicht war flach und bleich wie Löschpapier, und die dürftige Binde konnte das Blut nicht länger halten. Da nahm ich die Brille ab, um nicht wie ein Film-Mafioso vor ihm, dem Blutenden, zu stehen. Im Fahrstuhl fragte eine Frau im Bademantel, wohin ich wolle. Auf meine Antwort hin stach sie mit einem ihrer Gehstöcke flink wie eine Fechterin gegen den betreffenden Etagenknopf. Ein Mann mit glasigen Augen stieg dazu, an seinem Hosenbein hielt sich ein kleines Mädchen fest, das zu den Knöpfen hochschaute, aber ohne Drücklust zu bekommen. Ich dachte an die vielen Hoffnungen, die täglich diesen Schacht hoch und herunter gefahren wurden. Und nun also meine.

Mein Brustbein schmerzt von der Radfahrt noch, ein nadelspitzes Stechen. Ich drücke mit den Fingern auf die Rippen, legato und mit Daumenuntersatz. Claire fühlte sich mitbetroffen, wenn mir vom langen Üben die Schulter weh tat oder das Kreuz, sie neigte sich über die Stelle, umkreiste sie mit sanften Fingern und schaute besorgt. Es könne helfen, dem Schmerz gespannt in seine Klause nachzusteigen, wusste sie, ihm auf die Werkbank zu äugen, als sei man neugierig und gar nicht betroffen, er komme dann aus dem Rhythmus oder lasse ertappt den Schlaghammer sinken.
„Ich möchte gerne wissen, warum sie einen hier so elendsfrüh wecken müssen.“ Der Rollstuhlfahrer hat sich an meine Seite geschoben. „Erst wartet man eine Stunde aufs Frühstück, und dann ist gerade einmal acht Uhr.“ Ich nicke und nehme mir eines der Hefte, deren Umrisse ich auf dem Tisch erkennen kann. Auf der ersten Seite, die ich aufschlage, entziffere ich die Überschrift: Wie Sie mit Ihrer Katze sprechen können.
„Und bis zum Mittag passiert überhaupt nichts mehr und man kann selber schauen, wie man die Zeit totschlägt.“
Ich gehe, über den Rand der Sonnenbrille äugend, auf die Toilette, bringe eine selten reine Quinte hin, den höheren Ton, wenn ich unten hinziele, den tieferen in der Schüsselmitte. An andern Stillen Orten erklingen auch einmal knappe Sexten oder schüttere kleine Terzen. Frauen wüssten vielfach nicht, dass Männer beim Wasserlassen musizierten. Claire presste ihren Handteller auf meinen Mund und versicherte, davon wolle sie auch nichts wissen. Jost stellte sich gerne neben mich, um einen interessierten Blick herüberzuwerfen und mit seinem Strahl eine kräftige Quarte vorzuspielen. Er wusste, dass es mir so den Harn abstellte. Hemmungen seien immer ein Signal der Zivilisation, erklärte er, um auf der Geschichte weiter herumzureiten. In ferner Zukunft würde vermutlich auch niemand mehr sein Essen vor aller Welt in den Mund schieben und ungeniert darauf herumkauen, wenigstens, so hoffe er, würde es verboten sein, im Kino während des Films zu essen.
Ich taste mich zum Waschbecken und halte meine Hände lange unters Wasser. Geräusche blitzen in Abständen aus dem Finstern wie glänzende Fischflossen: Stimmfetzen, Laufschritte, Türenschnappen.

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