Mai,Juni,Juli von Joachim Lottmann, 2003, KiWi

Joachim Lottmann

Mai, Juni, Juli
(Leseprobe aus: Mai, Juni, Juli, Roman, 1987/2003, KiWi TB).

„Ich besaß ein kleines, murkeliges, blaues Etwas von einem Plastikkettenband, das ein Fahrradschloß sein sollte und nur zwei Mark fünfzig im Kaufhof gekostet hatte. Ich wollte ja für ein gefundenes Rad kein Geld ausgeben. Schloß und Pumpe hatte ich gleichzeitig gekauft, beides war so billig gewesen. Zuerst meinte ich, die Luft würde sicher oft ausgehen bei so einem Sperrmüllrad. Nun wußte ich’s besser. Gut also, daß die Pumpe weg war, Herrgott. Das murkelige blaue Kettenschloß, übrigens mit Zahlenkombination, wobei die Zahlen nur von eins bis sechs gingen, befestigte ich nun, vor dem Lokal, an Rad und Laternenpfahl. Ich wollte sagen: an Rad und Laternenmast. Jeder Mensch, ob klein, ob groß, arm oder reich, ob Hund oder König, Gastarbeiterkind oder Fixer, konnte dieses kleine Plastikkettchen entzweibrechen und das Rad stehlen. Aber wer, ja wer hatte die allesüberbietende Brutalität, ausgerechnet das wehrloseste, schwächste, dünnste kleine blaue Kettchen der Welt anzupacken und vom Leben in den Tod zu befördern, es zu zerreißen, als wäre es so selbstverständlich wie Zähneputzen und Kindergebären?

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