aus: Die letzten Tage von Peking
Oh, unsere erste
Mahlzeit am Abend der Ankunft in dieser seltsamen Behausung! Es ist fast dunkel.
Mein Kamerad und ich sitzen an einem Ebenholztisch, in unsere Militärmäntel
mit aufgeschlagenem Kragen gehüllt, vor Kälte schlotternd, von unseren
Burschen bedient, die an allen Gliedern zittern. Eine armselige kleine
chinesische rote Wachskerze, auf eine Flasche gesteckt - eine irgendwo aus den
Trümmern eines Altars geholte Kerze - spendet uns im Wind flackernd spärliches
Licht. Unsere Teller und Schüsseln sind unschätzbares Porzellan, kaisergelb,
mit dem Namenszug eines prunkliebenden Kaisers, eines Zeitgenossen von Ludwig
XIV. Aber unsere Weinration, unser trübes Wassers - gekocht und wieder gekocht
aus Furcht vor dem Leichengift aller Brunnen - sind in elende Flaschen gefüllt,
die unsere Burschen mit zugeschnittenen rohen Kartoffelstücken verschlossen
haben.
Die Galerie, in der diese Szene sich abspielt, ist sehr lang und verliert sich
in der Ferne in tiefe Dunkelheit, aus der eine asiatische Märchenpracht vage
hervortritt; sie ist bis zu Mannshöhe verglast, und allein diese schwache Wand
aus Glas trennt uns von der tiefen Schwärze voller Leichen und Ruinen: man hat
das Gefühl, daß die irrenden Schatten draußen, die Gespenster, die unser
kleines Licht anlockt, uns von weitem hier bei Tisch sehen können, und das ist
unheimlich. Oberhalb der Glasscheiben läuft nach chinesischem Brauch eine Reihe
leichter Oberfenster aus Reispapier bis zur Decke hinauf, und von dieser hängen
spitzenartige, wunderbare Schnitzereien aus Ebenholz herab. Aber das Reispapier
ist zerrissen und überall geplatzt und läßt den tödlich kalten Nachthauch
über unsere Köpfe streichen.
Unsere erstarrten Füße ruhen auf dicken gelben kaiserlichen Wollteppichen, auf
denen sich fünfkrallige Drachen winden. Neben uns schimmern im Licht unseres
verlöschenden Kerzenstumpfes gigantische Räucherpfannen von blauem, heutzutage
nicht mehr nachzuahmenden Metallschmelz, die auf goldenen Elefanten ruhen;
Wandschirme von phantastischer, ausschweifender Pracht, Phönixe aus Email mit
ausgebreiteten Flügeln; Throne, Ungeheuer, lauter uralte, unbezahlbare Dinge.
Und wir, unelegant, verstaubt, verwahrlost, schmutzig, sitzen hier wie plumpe
Barbaren, die sich als Eindringlinge bei einer Zauberfee niedergelassen haben.
...
DAS VERLASSENE SCHLAFGEMACH
Ein feiner Geruch nach Tee in dem tiefdunklen Zimmer, ein Geruch, ich weiß
nicht nach was noch, nach vertrockneten Blumen und alten Seidenstoffen.
Dieses eigenartige Schlafgemach kann nicht heller gemacht werden, denn es
öffnet sich nur nach einem großen dunklen Saal, dessen in die Mauer
eingelassene Fenster eine schwache Beleuchtung durch Scheiben aus Reispapier
erhalten, die auf irgendeinen düsteren, offenbar mit dreifachen Mauern
umschlossenen Hof hinausgehen. Das breite, niedrige Alkovenbett, das in die
Nische einer Mauer von der Dicke eines Walles eingelassen ist, hat Vorhänge und
eine Seidendecke von nachtblauer Farbe. Sessel, für die hier allerdings kaum
Platz wäre, sind nicht vorhanden; auch Bücher nicht, denn es wäre kaum Licht
genug, um sie zu lesen. Auf Truhen aus schwarzem Holz, die als Tische dienen,
liegen melancholische Ziergegenstände unter Glas: kleine Vasen aus Bronze oder
Jade, die künstliche, steife Sträuße mit Kelchen aus Perlmutt oder Elfenbein
enthalten; und eine Staubschicht auf all diesen Dingen beweist, daß der Raum
nicht mehr bewohnt ist.
Beim ersten Anblick weist nichts auf eine Herkunft noch auf eine Epoche hin -
höchstens verrät sich die chinesische Geduld in der Ebenholzbekrönung und der
wunderbaren Feinheit des Schnitzwerks oberhalb der Vorhänge dieses
geheimnisvollen Betts, das einem Totenbett ähnelt. Ansonsten ist alles
nüchtern, düster, in geraden und strengen Linien gehalten.
Wo sind wir denn, in welcher entlegenen, abgeschlossenen, verborgenen Wohnung?
Hat in unseren Tagen hier jemand gelebt, oder war es in früheren Zeiten? Seit
wieviel Stunden oder wieviel Jahrhunderten ist der Bewohner dieses verlassenen
Raums ausgezogen, und wer konnte es wohl sein?
Gewiß irgendein trauriger Träumer, der sich diesen verborgenen Schattenwinkel
ausgesucht hat, und auch ein Mensch von höchster Verfeinerung, weil er diesen
vornehmen Duft zurückgelassen hat, und sehr müde, weil er an dieser trüben
Einfachheit und dieser ewigen Dämmerung Gefallen fand.
Wahrhaftig, diese winzigen Fenster mit ihren von Seidenpapier umflorten
Scheiben, die sich nie für Sonne und Luft öffnen konnten, da sie überall in
der Mauer versiegelt sind, verursachen ein Gefühl des Erstickens. Und dann
denkt man wieder an den langen Weg und die Hindernisse, die zu überwinden
waren, um hierher zu gelangen, und es wird einem beklommen zumute.
Zunächst die große schwarze Mauer, diese babylonische Mauer, der
übermenschlich hohe Wall einer Stadt von mehr als zehn Meilen im Umkreis, die
heute in Schutt und Trümmer liegt, halb entvölkert und mit Leichen übersät.
Dann eine zweite Mauer, blutrot bemalt, die eine andere, in der ersten
eingeschlossene befestigte Stadt umgibt. Endlich eine dritte, prunkvollere
Mauer, aber von der gleichen blutroten Farbe - die Mauer des großen Mysteriums,
deren Schwelle ein Europäer vor diesen Tagen des Krieges und des Zusammenbruchs
nie überschritten hatte; auch wir haben heute trotz eines gezeichneten und
gegengezeichneten Erlaubnisscheins mehr als eine Stunde warten müssen, um
hineinzukommen; die Schlösser eines unnahbaren Tores, das von einem
Militärkommando bewacht und wie bei einer Belagerung mit Bohlen verrammelt ist,
öffnen sich nur unter Drohungen und nach langem Verhandeln mit den Wächtern
von drinnen, die sich davonmachen und fliehen wollen. Und nachdem endlich die
schweren, eisenbeschlagenen Flügel geöffnet waren, zeigte sich noch eine
weitere Mauer, von der vorhergehenden durch einen Wallgang getrennt, auf dem
Kleiderfetzen herumlagen und Hunde an überresten von Toten nagten - eine neue
Mauer, wieder vom gleichen Rot, aber noch prunkvoller, in ihrer ganzen
unendlichen Länge mit gezackten Ornamenten und Ungeheuern aus goldgelber
Fayence verziert. Schließlich, nachdem wir auch diese letzte Mauer
durchschritten haben, empfangen uns alte, bartlose, eigentümliche Gestalten mit
mißtrauischen Mienen und führen uns durch ein Labyrinth von kleinen Höfen und
kleinen ummauerten und abermals ummauerten Gärten, wo sehr alte Bäume zwischen
Muschelwerk und Porzellangefäßen kümmerlich dahinlebten; das alles ist so
abgeschlossen, versteckt, beklemmend, alles beschützt vom Spuk eines Volkes von
Ungeheuern und Fabelwesen aus Bronze und Marmor, von tausend Fratzengesichtern,
die Haß und Wildheit zeigen, von tausend unbekannten Symbolen. Und immer wieder
schlossen sich hinter uns die Tore dieser roten Mauern mit Zinnen aus gelber
Fayence: es war wie in einem bösen Traum, wo sich endlose Gänge weiten und
dann wieder verengen, um einen nie mehr herauszulassen.
Jetzt, nach einem Weg wie in einem Alptraum, beim Anblick der ängstlichen
Leute, die uns hergeführt haben und geräuschlos auf ihren Papiersohlen
dahertrippeln, haben wir das Gefühl einer unerhörten, nie dagewesenen
Entweihung, die wir in ihren Augen begangen haben, indem wir in dieses
bescheidene dunkle Schlafgemach eingedrungen sind: sie stehen dort in der
Türöffnung und beobachten mit schiefem Blick jede unserer Bewegungen, diese
argwöhnischen Eunuchen in Seidengewändern und diese dürren Mandarine, die am
roten Knopf ihrer Kopfbedeckung die düstere Rabenfeder tragen. Obwohl sie
nachgeben mußten, wollten sie es nicht; mit allerhand List versuchten sie uns
in andere Räumlichkeiten des riesigen Palastlabyrinthes zu locken, unsere
Neugier für abgelegenere Säle von düsterer Pracht zu wecken, für die großen
Höfe und die großen Marmorrampen, die wir später betreten werden, für ein
ganzes weitläufiges Versailles, das von Friedhofskraut überwuchert ist, wo man
nichts hört als den Gesang der Raben.
Sie wollten absolut nicht, und nur am Spiel ihrer verstörten Augäpfel haben
wir erraten, wohin wir uns wenden mußten.
Wer hat denn hier gewohnt, abgeschieden hinter so vielen Mauern, tausendmal
schrecklicher als die aller Gefängnisse des Abendlandes? Wer konnte jener
Mensch sein, der in diesem Bett schlief, unter diesen nachtblauen Seidendecken,
der in träumerischer Abendstunde oder beim bangen Erwachen in der Dämmerung
eiskalter Wintertage diese sinnenden kleinen Sträußchen betrachtete, die unter
Glasglocken symmetrisch auf den schwarzen Truhen aufgereiht sind?
Er war es, der unsichtbare Kaiser und Sohn des Himmels, der verkümmerte und
kindische, dessen Reich größer ist als ganz Europa, und der schemenhaft über
vier- bis fünfhundert Millionen Untertanen gebietet.
Wie sich in seinen Adern der Lebenssaft der fast zur Gottheit erhobenen Ahnen
erschöpft, die sich allzu lange regungslos im Schoß von Palästen aufhielten,
die heiliger sind als Tempel, so kleiner, so verkümmerter, so düsterer wird
der Ort, wo ihm das Leben behagte.
Der riesige Rahmen, der die ehemaligen Kaiser umgab, erschreckt ihn, und er
überläßt alles dem Verfall; auf den majestätischen Marmorrampen, in den
großartigen Höfen wächst Gras und Gestrüpp; Raben und Tauben nisten zu
hunderten in den vergoldeten Wölbungen der Thronhallen und bedecken mit Erde
und Vogelmist die prachtvoll eigentümlichen Teppiche, die hier vermodern.
Dieser unverletzliche Palast, eine Meile im Umkreis, den man nie gesehen, von
dem man nichts wissen, nichts erahnen konnte, behielt den Europäern, die ihn
soeben zum ersten Male betraten, die überraschung eines trostlosen Verfalls und
die Stille einer Totenstadt vor.
Er ging nie dorthin, der bleiche Kaiser. Nein, was ihm allein zusagte, war der
Teil mit den kleinen Gärten und engen Höfen ohne Ausblick, das unscheinbare
Quartier, das wir zum Entsetzen der Eunuchen betreten hatten. Und das war, in
einer ängstlichen Mauervertiefung, das Alkovenbett mit nachtblauen Vorhängen.
Hinter dem abweisenden Schlafzimmer ziehen sich in noch finsterem Halbdunkel
kleine Privatgemächer wie unterirdische Gewölbe hin; Ebenholz herrscht hier
vor; alles ist absichtlich ohne Glanz, selbst die traurigen verdorrten
Blumensträuße unter den Glasglocken. Man sieht ein Klavier mit sehr weichen
Tasten, auf dem der junge Kaiser spielen lernte, trotz seiner langen, schwachen
Fingernägel; ein Harmonium; eine große Spieldose, die wehmütige chinesische
Weisen in Tönen spielt, die gedämpft wie aus der Tiefe eines Sees
hervorklingen.
Und dann endlich das Kämmerchen, das ihm wohl das Liebste war, eng und niedrig
wie eine Schiffskabine, wo der feine Duft nach Tee und getrockneten Rosen noch
stärker wirkt.
Dort vor einem mit Reispapier umflorten Fensterloch, das nur einen matten Schein
durchläßt, sieht man eine Matratze aus goldgelber Seide, die den Abdruck eines
gewöhnlich hier ruhenden Körpers zu bewahren scheint. Ein paar Bücher liegen
herum, ein paar persönliche Schriftstücke. An der Wand zwei oder drei
nichtssagende Bilder, nicht einmal gerahmt, farblose Rosen darstellend - und in
chinesischer Schrift die letzte Verordnung des Arztes für diesen ewigen
Kranken.
Was war er im Grunde, dieser Träumer? Wer wird es je sagen können? Welch
verzerrte Vorstellung bekommt man vorgespiegelt von den Dingen der Welt und von
den Dingen des Jenseits, die ihm hier so viele schreckliche Sinnbilder
veranschaulichen? Die göttergleichen Kaiser, von denen er stammt, ließen das
alte Asien erzittern, und von ferne eilten tributpflichtige Herrscher herbei, um
sich vor ihrem Thron niederzuwerfen. Sie erfüllten diese Stätten mit der
unvorstellbaren Pracht ihrer Gefolge und ihrer Standarten. Und er, der
Abgesonderte und Einsame, wie und unter welchen zerfallenden Phantasiebildern
hat er hier hinter den heute so stillen Mauern den Stempel der gewaltigen
Vergangenheit in sich bewahrt?
Und welche Verwirrung herrschte zweifellos in dem unergründlichen kleinen Hirn
seit dem noch nie dagewesenen Frevel, den nicht einmal seine wahnsinnigste Angst
je vorausgesehen hätte: der Palast mit den dreifachen Mauern bis in seine
geheimsten Verstecke geschändet; er, der Sohn des Himmels, jener Behausung
entrissen, in der zwanzig Geschlechter seiner Ahnen unnahbar gelebt hatten; er,
genötigt zu fliehen und auf der Flucht sich zeigen zu müssen, im Sonnenlicht
so handeln zu müssen wie die anderen Menschen, vielleicht sogar bitten zu
müssen und zu warten!
In dem Augenblick, wo wir aus dem verlassenen Schlafgemach treten, werfen sich
unsere Burschen, die absichtlich hinter uns zurückgeblieben waren, lachend auf
das Bett mit den nachtblauen Vorhängen, und ich höre einen von ihnen hinter
der Draperie mit belustigter Stimme und dem Akzent der Gascogne rufen:
»So, mein Alter, nun können wir wenigstens sagen, daß wir im Bett des Kaisers
von China gelegen haben!«
.....
Dieser Rückweg in der Abendkälte scheint mir endlos. Schließlich aber heben
sich dort hinten die grauen Umrisse des künstlichen Berges der kaiserlichen
Gärten vom Himmel ab, und ich erkenne die Gartenhäuschen aus Fayence und die
alten verkrümmten Bäume, die sich wie auf kunstvollen, in Lack gemalten
Landschaften gruppieren. Und dann erscheint die blutrote Mauer und eines der
Tore aus gelbem Email der »Kaiserlichen Stadt« mit zwei Schildwachen der
verbündeten Armeen, die vor mir salutieren. Hier kenne ich mich wieder aus,
hier bin ich zu Hause und verabschiede meinen Führer, um allein die »Gelbe
Stadt« zu betreten, aus der man ihn übrigens zu dieser Stunde nicht mehr
hinausließe. Die »Kaiserliche Stadt« oder die »Gelbe Stadt« oder die
»Verbotene Stadt«, die von so furchterregenden Mauern umgeben mitten in dem
ungeheuren Peking hinter babylonischen Umfassungen liegt, ist viel mehr als ein
Park, als eine Stadt, ein Wald von uralten düsteren Zedern und Zypressen, zwei
bis drei Stunden Weg im Umkreis; darin ragen zwischen den Zweigen ein paar
uralte Tempel neben neuen Palästen, die den Launen der Kaiserregentin ihr
Dasein verdanken. Dieses weitläufige Gehölz, in das ich heute abend trete wie
in mein eigenes Heim, ist zu keinem früheren Zeitpunkt der Geschichte durch
Fremde entweiht worden; selbst die Gesandten haben nie seine Tore
durchschritten. Bis in die letzten Tage war es Europäern unzugänglich und
gänzlich unbekannt geblieben. Diese »Gelbe Stadt« umgibt mit einem
schirmenden Gürtel der Stille und der Schatten die noch geheimnisvollere
»Violette Stadt«, den Sitz der Söhne des Himmels, die hier im Mittelpunkt ein
beherrschendes Viereck bildet, das von Gräben und doppelten Wällen geschützt
wird. Und welche Stille hier zu dieser Stunde! Welch schauerliche Einsamkeit an
diesem Ort! Jetzt schwebt der Tod über diesen Alleen, die einst Prinzessinnen
in Sänften, Kaiserinnen mit seidengeschmücktem Gefolge sahen. Seit die
gewohnten Gäste die Flucht ergriffen und die »Barbaren« ihren Platz
eingenommen haben, begegnet man niemandem mehr in diesem Wald, außer von Zeit
zu Zeit einer Patrouille, einem Militärposten einer der verbündeten Mächte.
Und man hört nichts mehr als den Schritt der Schildwachen vor den Palästen und
Tempeln, höchstens noch den Krächzlaut der Raben bei irgendeiner Leiche sowie
das elende Bellen der Hunde, die an den Toten nagen.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Manholt-Verlag