Die letzten Tage von Peking, 2002, Manholt-VerlagPierre Loti

aus: Die letzten Tage von Peking

Oh, unsere erste Mahlzeit am Abend der Ankunft in dieser seltsamen Behausung! Es ist fast dunkel. Mein Kamerad und ich sitzen an einem Ebenholztisch, in unsere Militärmäntel mit aufgeschlagenem Kragen gehüllt, vor Kälte schlotternd, von unseren Burschen bedient, die an allen Gliedern zittern. Eine armselige kleine chinesische rote Wachskerze, auf eine Flasche gesteckt - eine irgendwo aus den Trümmern eines Altars geholte Kerze - spendet uns im Wind flackernd spärliches Licht. Unsere Teller und Schüsseln sind unschätzbares Porzellan, kaisergelb, mit dem Namenszug eines prunkliebenden Kaisers, eines Zeitgenossen von Ludwig XIV. Aber unsere Weinration, unser trübes Wassers - gekocht und wieder gekocht aus Furcht vor dem Leichengift aller Brunnen - sind in elende Flaschen gefüllt, die unsere Burschen mit zugeschnittenen rohen Kartoffelstücken verschlossen haben.
Die Galerie, in der diese Szene sich abspielt, ist sehr lang und verliert sich in der Ferne in tiefe Dunkelheit, aus der eine asiatische Märchenpracht vage hervortritt; sie ist bis zu Mannshöhe verglast, und allein diese schwache Wand aus Glas trennt uns von der tiefen Schwärze voller Leichen und Ruinen: man hat das Gefühl, daß die irrenden Schatten draußen, die Gespenster, die unser kleines Licht anlockt, uns von weitem hier bei Tisch sehen können, und das ist unheimlich. Oberhalb der Glasscheiben läuft nach chinesischem Brauch eine Reihe leichter Oberfenster aus Reispapier bis zur Decke hinauf, und von dieser hängen spitzenartige, wunderbare Schnitzereien aus Ebenholz herab. Aber das Reispapier ist zerrissen und überall geplatzt und läßt den tödlich kalten Nachthauch über unsere Köpfe streichen.
Unsere erstarrten Füße ruhen auf dicken gelben kaiserlichen Wollteppichen, auf denen sich fünfkrallige Drachen winden. Neben uns schimmern im Licht unseres verlöschenden Kerzenstumpfes gigantische Räucherpfannen von blauem, heutzutage nicht mehr nachzuahmenden Metallschmelz, die auf goldenen Elefanten ruhen; Wandschirme von phantastischer, ausschweifender Pracht, Phönixe aus Email mit ausgebreiteten Flügeln; Throne, Ungeheuer, lauter uralte, unbezahlbare Dinge. Und wir, unelegant, verstaubt, verwahrlost, schmutzig, sitzen hier wie plumpe Barbaren, die sich als Eindringlinge bei einer Zauberfee niedergelassen haben.
...

DAS VERLASSENE SCHLAFGEMACH
Ein feiner Geruch nach Tee in dem tiefdunklen Zimmer, ein Geruch, ich weiß nicht nach was noch, nach vertrockneten Blumen und alten Seidenstoffen.
Dieses eigenartige Schlafgemach kann nicht heller gemacht werden, denn es öffnet sich nur nach einem großen dunklen Saal, dessen in die Mauer eingelassene Fenster eine schwache Beleuchtung durch Scheiben aus Reispapier erhalten, die auf irgendeinen düsteren, offenbar mit dreifachen Mauern umschlossenen Hof hinausgehen. Das breite, niedrige Alkovenbett, das in die Nische einer Mauer von der Dicke eines Walles eingelassen ist, hat Vorhänge und eine Seidendecke von nachtblauer Farbe. Sessel, für die hier allerdings kaum Platz wäre, sind nicht vorhanden; auch Bücher nicht, denn es wäre kaum Licht genug, um sie zu lesen. Auf Truhen aus schwarzem Holz, die als Tische dienen, liegen melancholische Ziergegenstände unter Glas: kleine Vasen aus Bronze oder Jade, die künstliche, steife Sträuße mit Kelchen aus Perlmutt oder Elfenbein enthalten; und eine Staubschicht auf all diesen Dingen beweist, daß der Raum nicht mehr bewohnt ist.
Beim ersten Anblick weist nichts auf eine Herkunft noch auf eine Epoche hin - höchstens verrät sich die chinesische Geduld in der Ebenholzbekrönung und der wunderbaren Feinheit des Schnitzwerks oberhalb der Vorhänge dieses geheimnisvollen Betts, das einem Totenbett ähnelt. Ansonsten ist alles nüchtern, düster, in geraden und strengen Linien gehalten.
Wo sind wir denn, in welcher entlegenen, abgeschlossenen, verborgenen Wohnung?
Hat in unseren Tagen hier jemand gelebt, oder war es in früheren Zeiten? Seit wieviel Stunden oder wieviel Jahrhunderten ist der Bewohner dieses verlassenen Raums ausgezogen, und wer konnte es wohl sein?
Gewiß irgendein trauriger Träumer, der sich diesen verborgenen Schattenwinkel ausgesucht hat, und auch ein Mensch von höchster Verfeinerung, weil er diesen vornehmen Duft zurückgelassen hat, und sehr müde, weil er an dieser trüben Einfachheit und dieser ewigen Dämmerung Gefallen fand.
Wahrhaftig, diese winzigen Fenster mit ihren von Seidenpapier umflorten Scheiben, die sich nie für Sonne und Luft öffnen konnten, da sie überall in der Mauer versiegelt sind, verursachen ein Gefühl des Erstickens. Und dann denkt man wieder an den langen Weg und die Hindernisse, die zu überwinden waren, um hierher zu gelangen, und es wird einem beklommen zumute.
Zunächst die große schwarze Mauer, diese babylonische Mauer, der übermenschlich hohe Wall einer Stadt von mehr als zehn Meilen im Umkreis, die heute in Schutt und Trümmer liegt, halb entvölkert und mit Leichen übersät. Dann eine zweite Mauer, blutrot bemalt, die eine andere, in der ersten eingeschlossene befestigte Stadt umgibt. Endlich eine dritte, prunkvollere Mauer, aber von der gleichen blutroten Farbe - die Mauer des großen Mysteriums, deren Schwelle ein Europäer vor diesen Tagen des Krieges und des Zusammenbruchs nie überschritten hatte; auch wir haben heute trotz eines gezeichneten und gegengezeichneten Erlaubnisscheins mehr als eine Stunde warten müssen, um hineinzukommen; die Schlösser eines unnahbaren Tores, das von einem Militärkommando bewacht und wie bei einer Belagerung mit Bohlen verrammelt ist, öffnen sich nur unter Drohungen und nach langem Verhandeln mit den Wächtern von drinnen, die sich davonmachen und fliehen wollen. Und nachdem endlich die schweren, eisenbeschlagenen Flügel geöffnet waren, zeigte sich noch eine weitere Mauer, von der vorhergehenden durch einen Wallgang getrennt, auf dem Kleiderfetzen herumlagen und Hunde an überresten von Toten nagten - eine neue Mauer, wieder vom gleichen Rot, aber noch prunkvoller, in ihrer ganzen unendlichen Länge mit gezackten Ornamenten und Ungeheuern aus goldgelber Fayence verziert. Schließlich, nachdem wir auch diese letzte Mauer durchschritten haben, empfangen uns alte, bartlose, eigentümliche Gestalten mit mißtrauischen Mienen und führen uns durch ein Labyrinth von kleinen Höfen und kleinen ummauerten und abermals ummauerten Gärten, wo sehr alte Bäume zwischen Muschelwerk und Porzellangefäßen kümmerlich dahinlebten; das alles ist so abgeschlossen, versteckt, beklemmend, alles beschützt vom Spuk eines Volkes von Ungeheuern und Fabelwesen aus Bronze und Marmor, von tausend Fratzengesichtern, die Haß und Wildheit zeigen, von tausend unbekannten Symbolen. Und immer wieder schlossen sich hinter uns die Tore dieser roten Mauern mit Zinnen aus gelber Fayence: es war wie in einem bösen Traum, wo sich endlose Gänge weiten und dann wieder verengen, um einen nie mehr herauszulassen.
Jetzt, nach einem Weg wie in einem Alptraum, beim Anblick der ängstlichen Leute, die uns hergeführt haben und geräuschlos auf ihren Papiersohlen dahertrippeln, haben wir das Gefühl einer unerhörten, nie dagewesenen Entweihung, die wir in ihren Augen begangen haben, indem wir in dieses bescheidene dunkle Schlafgemach eingedrungen sind: sie stehen dort in der Türöffnung und beobachten mit schiefem Blick jede unserer Bewegungen, diese argwöhnischen Eunuchen in Seidengewändern und diese dürren Mandarine, die am roten Knopf ihrer Kopfbedeckung die düstere Rabenfeder tragen. Obwohl sie nachgeben mußten, wollten sie es nicht; mit allerhand List versuchten sie uns in andere Räumlichkeiten des riesigen Palastlabyrinthes zu locken, unsere Neugier für abgelegenere Säle von düsterer Pracht zu wecken, für die großen Höfe und die großen Marmorrampen, die wir später betreten werden, für ein ganzes weitläufiges Versailles, das von Friedhofskraut überwuchert ist, wo man nichts hört als den Gesang der Raben.
Sie wollten absolut nicht, und nur am Spiel ihrer verstörten Augäpfel haben wir erraten, wohin wir uns wenden mußten.
Wer hat denn hier gewohnt, abgeschieden hinter so vielen Mauern, tausendmal schrecklicher als die aller Gefängnisse des Abendlandes? Wer konnte jener Mensch sein, der in diesem Bett schlief, unter diesen nachtblauen Seidendecken, der in träumerischer Abendstunde oder beim bangen Erwachen in der Dämmerung eiskalter Wintertage diese sinnenden kleinen Sträußchen betrachtete, die unter Glasglocken symmetrisch auf den schwarzen Truhen aufgereiht sind?
Er war es, der unsichtbare Kaiser und Sohn des Himmels, der verkümmerte und kindische, dessen Reich größer ist als ganz Europa, und der schemenhaft über vier- bis fünfhundert Millionen Untertanen gebietet.
Wie sich in seinen Adern der Lebenssaft der fast zur Gottheit erhobenen Ahnen erschöpft, die sich allzu lange regungslos im Schoß von Palästen aufhielten, die heiliger sind als Tempel, so kleiner, so verkümmerter, so düsterer wird der Ort, wo ihm das Leben behagte.
Der riesige Rahmen, der die ehemaligen Kaiser umgab, erschreckt ihn, und er überläßt alles dem Verfall; auf den majestätischen Marmorrampen, in den großartigen Höfen wächst Gras und Gestrüpp; Raben und Tauben nisten zu hunderten in den vergoldeten Wölbungen der Thronhallen und bedecken mit Erde und Vogelmist die prachtvoll eigentümlichen Teppiche, die hier vermodern. Dieser unverletzliche Palast, eine Meile im Umkreis, den man nie gesehen, von dem man nichts wissen, nichts erahnen konnte, behielt den Europäern, die ihn soeben zum ersten Male betraten, die überraschung eines trostlosen Verfalls und die Stille einer Totenstadt vor.
Er ging nie dorthin, der bleiche Kaiser. Nein, was ihm allein zusagte, war der Teil mit den kleinen Gärten und engen Höfen ohne Ausblick, das unscheinbare Quartier, das wir zum Entsetzen der Eunuchen betreten hatten. Und das war, in einer ängstlichen Mauervertiefung, das Alkovenbett mit nachtblauen Vorhängen.
Hinter dem abweisenden Schlafzimmer ziehen sich in noch finsterem Halbdunkel kleine Privatgemächer wie unterirdische Gewölbe hin; Ebenholz herrscht hier vor; alles ist absichtlich ohne Glanz, selbst die traurigen verdorrten Blumensträuße unter den Glasglocken. Man sieht ein Klavier mit sehr weichen Tasten, auf dem der junge Kaiser spielen lernte, trotz seiner langen, schwachen Fingernägel; ein Harmonium; eine große Spieldose, die wehmütige chinesische Weisen in Tönen spielt, die gedämpft wie aus der Tiefe eines Sees hervorklingen.
Und dann endlich das Kämmerchen, das ihm wohl das Liebste war, eng und niedrig wie eine Schiffskabine, wo der feine Duft nach Tee und getrockneten Rosen noch stärker wirkt.
Dort vor einem mit Reispapier umflorten Fensterloch, das nur einen matten Schein durchläßt, sieht man eine Matratze aus goldgelber Seide, die den Abdruck eines gewöhnlich hier ruhenden Körpers zu bewahren scheint. Ein paar Bücher liegen herum, ein paar persönliche Schriftstücke. An der Wand zwei oder drei nichtssagende Bilder, nicht einmal gerahmt, farblose Rosen darstellend - und in chinesischer Schrift die letzte Verordnung des Arztes für diesen ewigen Kranken.
Was war er im Grunde, dieser Träumer? Wer wird es je sagen können? Welch verzerrte Vorstellung bekommt man vorgespiegelt von den Dingen der Welt und von den Dingen des Jenseits, die ihm hier so viele schreckliche Sinnbilder veranschaulichen? Die göttergleichen Kaiser, von denen er stammt, ließen das alte Asien erzittern, und von ferne eilten tributpflichtige Herrscher herbei, um sich vor ihrem Thron niederzuwerfen. Sie erfüllten diese Stätten mit der unvorstellbaren Pracht ihrer Gefolge und ihrer Standarten. Und er, der Abgesonderte und Einsame, wie und unter welchen zerfallenden Phantasiebildern hat er hier hinter den heute so stillen Mauern den Stempel der gewaltigen Vergangenheit in sich bewahrt?
Und welche Verwirrung herrschte zweifellos in dem unergründlichen kleinen Hirn seit dem noch nie dagewesenen Frevel, den nicht einmal seine wahnsinnigste Angst je vorausgesehen hätte: der Palast mit den dreifachen Mauern bis in seine geheimsten Verstecke geschändet; er, der Sohn des Himmels, jener Behausung entrissen, in der zwanzig Geschlechter seiner Ahnen unnahbar gelebt hatten; er, genötigt zu fliehen und auf der Flucht sich zeigen zu müssen, im Sonnenlicht so handeln zu müssen wie die anderen Menschen, vielleicht sogar bitten zu müssen und zu warten!

In dem Augenblick, wo wir aus dem verlassenen Schlafgemach treten, werfen sich unsere Burschen, die absichtlich hinter uns zurückgeblieben waren, lachend auf das Bett mit den nachtblauen Vorhängen, und ich höre einen von ihnen hinter der Draperie mit belustigter Stimme und dem Akzent der Gascogne rufen:
»So, mein Alter, nun können wir wenigstens sagen, daß wir im Bett des Kaisers von China gelegen haben!«
.....

Dieser Rückweg in der Abendkälte scheint mir endlos. Schließlich aber heben sich dort hinten die grauen Umrisse des künstlichen Berges der kaiserlichen Gärten vom Himmel ab, und ich erkenne die Gartenhäuschen aus Fayence und die alten verkrümmten Bäume, die sich wie auf kunstvollen, in Lack gemalten Landschaften gruppieren. Und dann erscheint die blutrote Mauer und eines der Tore aus gelbem Email der »Kaiserlichen Stadt« mit zwei Schildwachen der verbündeten Armeen, die vor mir salutieren. Hier kenne ich mich wieder aus, hier bin ich zu Hause und verabschiede meinen Führer, um allein die »Gelbe Stadt« zu betreten, aus der man ihn übrigens zu dieser Stunde nicht mehr hinausließe. Die »Kaiserliche Stadt« oder die »Gelbe Stadt« oder die »Verbotene Stadt«, die von so furchterregenden Mauern umgeben mitten in dem ungeheuren Peking hinter babylonischen Umfassungen liegt, ist viel mehr als ein Park, als eine Stadt, ein Wald von uralten düsteren Zedern und Zypressen, zwei bis drei Stunden Weg im Umkreis; darin ragen zwischen den Zweigen ein paar uralte Tempel neben neuen Palästen, die den Launen der Kaiserregentin ihr Dasein verdanken. Dieses weitläufige Gehölz, in das ich heute abend trete wie in mein eigenes Heim, ist zu keinem früheren Zeitpunkt der Geschichte durch Fremde entweiht worden; selbst die Gesandten haben nie seine Tore durchschritten. Bis in die letzten Tage war es Europäern unzugänglich und gänzlich unbekannt geblieben. Diese »Gelbe Stadt« umgibt mit einem schirmenden Gürtel der Stille und der Schatten die noch geheimnisvollere »Violette Stadt«, den Sitz der Söhne des Himmels, die hier im Mittelpunkt ein beherrschendes Viereck bildet, das von Gräben und doppelten Wällen geschützt wird. Und welche Stille hier zu dieser Stunde! Welch schauerliche Einsamkeit an diesem Ort! Jetzt schwebt der Tod über diesen Alleen, die einst Prinzessinnen in Sänften, Kaiserinnen mit seidengeschmücktem Gefolge sahen. Seit die gewohnten Gäste die Flucht ergriffen und die »Barbaren« ihren Platz eingenommen haben, begegnet man niemandem mehr in diesem Wald, außer von Zeit zu Zeit einer Patrouille, einem Militärposten einer der verbündeten Mächte. Und man hört nichts mehr als den Schritt der Schildwachen vor den Palästen und Tempeln, höchstens noch den Krächzlaut der Raben bei irgendeiner Leiche sowie das elende Bellen der Hunde, die an den Toten nagen.

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