DER LEERE PAPAGEIENKÄFIG
(Leseprobe aus: Besucher einsamer
Herzen, Roman, 2005, edition innsalz)
Schnurbartkarli musterte mich, als ich das Lokal betrat, eindringlich an der Theke gelehnt nach Sitte der Vorstadt, nach Art der Sheriffs einer amerikanischen Kleinstadt in einem x-beliebigen Wildwestfilm, bevor er das Gasthaus - WC mit gebieterischen Schritten aufsuchte. Das ist immer die gleiche Geschichte, ich weiß, aber es ist die Wahrheit! Und wie soll man bei dieser Wahrheit in Ruhe Fleischknödel essen, fragte ich mich erregt, bevor mich die Lebensphilosophie der Wirtin wieder etwas beruhigte.
Wann’s an in der ersten Hälfte vom Leben schlecht geht, geht’s an in der letzten guad sagte nämlich die Wirtin zum Karli, als dieser wieder aus dem WC herausgekommen war, um wieder an der Theke zu lehnen, schrieb ich einer anderen Zivilisation auf möglicherweise einem anderen Planeten.
Während ich Fleischknödel aß.
„Das ist wahr!“, sagte die Wirtin schließlich noch einmal zum ungläubigen Schnurbartkarli, als dieser ihr nicht glauben wollte, beziehungsweise nichts mehr glaubte im Leben und schon gar nicht an die Lebensphilosophie der Wirtin zum 49er.
Zumindest heute nicht.
Gerade die Wirtin zum 49er! dachte ich mir aber, Fleischknödel essend.
Gerade diese Philosophie! sagte ich mir.
Gerade die ist es, sagte ich mir.
„Dös stimmt wirkli“, sagte sie eindringlich zum Schnurbartkarli, als dieser noch immer ungläubig seinen weißen Spritzer anstarrte, mit dem Kopf nun bestätigend nickte, um weiterhin seinen weißen Spritzer anzustarren, den Siebenten vielleicht, möglicherweise auch den Achten. Und gerade in diesem Moment sozusagen, als ich eben nachdachte, wie viel weiße Spritzer heute, sozusagen, sah ich den leeren Papageikäfig rechts von mir.
Wo ist nur der Papagei fragte ich mich entsetzt, Fleischknödel essend.
Diese Frage hatte unverzüglich mein Grübeln über die Lebensphilosophie der Wirtin und den Schnurbartkarli’schen Spritzerkonsum abgelöst, an jenem Tag, ganz plötzlich, als ich diesen leeren Papageienkäfig wie eine Anklage sah. Wenn es einem in der ersten Hälfte beziehungsweise in der Zweiten ... dachte ich mir völlig zusammenhangslos, möglicherweise der Schock. Der Schock, diesen leeren Käfig... wo ist nur der Vogel, ist er denn gestorben, fragte ich mich, einen Fleischknödel im Mund.
Ist er tot?
Fragte ich mich, mit einem Gefühl der Trauer um einen Papagei, den ich persönlich nicht gekannt hatte, nie gesehen hatte. Dieses Gasthaus mit den hohen Räumen, in dem ich noch nie gewesen war, dieser Schock. Kein Schock nein, nur ein Gefühl des plötzlichen Verlusts, der tote Vogel und trotzdem, trotzdem dachte ich mir plötzlich, er lebt, der Papagei hält sich möglicherweise heute irgendwo anders auf, in der Wohnung der Wirtin oberhalb gefällt es ihm nämlich besser, dachte ich mir. Und schon wusste ich es, ich spürte den Vogel regelrecht in der Wohnung der Wirtin zum 49er, er war es, der sich in der zweiten Hälfte seines Lebens befand, ihm ging es nun, nachdem er fünfzig Jahre im Gasthaus gesessen war, wer weiß mit wem, in der Zweiten Hälfte seines Lebens bedeutend besser, wenn er die nächsten fünfzig Jahre seines Lebens in der Wohnung oberhalb verbrachte statt im Gasthaus, wer weiß mit wem.
Hundert Jahre werden Papageien, das wusste ich. Niemand weiß, was sie denken. Weder in der Wohnung, noch im Gasthaus. Auch ich weiß nicht, was ich denke, fiel mir plötzlich beim Fleischknödel essen ein. Nie habe ich es gewusst, was ich denke. Im Grunde genommen, nichts.
Wahrscheinlich geht es Papageien ähnlich.
Sie denken nicht, was sie denken, weder in der ersten, noch in der zweiten Hälfte ihres Lebens. Gerade deswegen aber sind Papageien die wahren Philosophen, dachte ich mir dann Fleischknödel essend, wie ich mich jetzt erinnern kann.
Weiß ein Philosoph denn, was er denkt? Man weiß es nicht. Dachte ich mir damals fast zornig.
Das, was der Denker denkt, kann richtig sein. Und das, was der Papagei denkt, bleibt immer Dasselbe, jahraus, jahrein, sagte ich zu mir, immer noch erregt, mit meiner Gabel, auf der ein Stück Fleischknödel aufgespießt war, hin und her fuchtelnd. Immerhin schaute nun der Nachbarsgast, der lediglich die ganze Zeit vor sich hingestarrt hatte, nun kurz zu mir, in der Art der Serben. Aber nur kurz, da er in der Art der Serben nun wieder sein Handy und sein Glas anstarrte. Wäre er Österreicher gewesen, wusste ich, hätte er mich mindestens eine halbe Stunde angestarrt, möglicherweise aber auch bis zu zwei Stunden.
(2003)
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