daneben liegen von Leonhard Lorek, 2009, Verbrecher Verlag

Leonhard Lorek

Wirtschaft, Tod und zehn Gedichte.
(Leseprobe aus: daneben liegen, Poetisches Krisenpapier, 2009, Verbrecher Verlag).

Im Dutzend sitzen sie um einen Tisch herum, morgens um halb zehn: Der Chief Development Officer, der CCO, CBO, CAO und wie sie alle heißen mögen; Leistungsträger, durch die Bank. Visionäre in ihren Ressorts, zu Höherem berufen. Sie sind zur Sitzung einbestellt worden, weil Köpfe rollen sollen. Draußen, am Ende einer marmorbelegten, taunassen Terrasse, lehnt ein Engel an der Balustrade, das Gesicht dem Sitzungsraum zugewandt. Mit dem Unterarm stützt er sich auf der Brüstung ab. Die um den Tisch versammelten Manager nehmen ihn nicht wahr, bis auf einen: Einer sieht ihn, durch Flügeltüren hindurch, die angelehnt sind. Der Engel klimpert mit langgestreckten Fingern auf der Brüstung herum, ohne Hast. In der milchigen Morgensonne wirkt er etwas zerstreut. Den einen, der ihn sieht, fröstelt es: Geht es doch auch um seinen Kopf in dieser Runde. Einen, also zumindest einen von ihnen, wird der Engel mitnehmen. Er ist abholen gekommen. Die gesamte Sitzung über wird der Mann, der den Engel sieht, Gedichte herunterrasseln. Zehn Gedichte kann er auswendig. Während sein Tischnachbar Strichmännchen kritzelt und ein anderer unterm Tisch gegen eine Erektion ankämpft, indem er heftig mit dem Ringfinger gegen seinen harten Schwanz schnipst, rasselt der, der den Engel sieht, Gedichte herunter. Gedichte bedeuten für ihn Ordnung, Struktur. Er betet Struktur in sich hinein. "Zu irgendetwas müssen Gedichte ja gut sein", wird der Mann irgendwann sagen.
So weit der Plot einer Novelle, an dem ich auch heute nichts ändern würde, wenn ich der Ansicht wäre, sie schreiben zu müssen. Nun ja: Das Dutzend würde ich streichen. Das Dutzend war mir schon damals nicht geheuer. Männer im Dutzend, um einen Tisch herum versammelt, könnten eine Abendmahlsituation assoziieren, selbst morgens um halb Zehn, ganz egal wie groß der Tisch ist. Das aber war nicht meine Absicht. Der Text war für eine Sammlung von Erzählungen vorgesehen: In Grenzsituationen zum Tod hin sollten darin Engel zum Zug kommen, oder zumindest auf ihren Einsatz warten. Den Engeln fiel dabei die Aufgabe zu, asexuelle, professionelle Dienstleister zu sein: Ein Servicepersonal, das alle Zeit der Welt hat, diese aber nicht mit sich bringt.
Die Idee für den Text mit den kopflosen Eliten entstand kurz nach der Jahrtausendwende. Ich hatte ein Gedicht geschrieben, nach Jahren mal wieder. Und: Es hatte geholfen. Also: zumindest mir. Es kriselte damals. Dass Gedichte in solchen Situationen helfen können, weiß ich. Es kriselte damals sogar zweifach: in mir und um mich herum. Zu dieser Zeit war die New Economy an allem schuld. Sie hatte ihren Atem ausgehaucht. Die Hype-Kurven der am Neuen Markt notierten Wertpapiere waren von der Kurzatmigkeit getriggert worden, das ungläubige Staunen der Beteiligten hatte die Unbeteiligten eine Saison lang amüsiert, statt Koks lagen wieder Fischstäbchen auf dem Tisch, die Krise beherrschte die Tagesordnung. In den Firmen, den neuen wie den alten, ging jedoch alles seinen gewohnten Gang. Dort waren weiterhin Visionäre am werkeln. Wenn etwas schief ging, war der mit der aktuellen Vision daran schuld. "Kopf ab" hieß in der Regel: wegloben, mit Geld. Mit dem goldenen Handschlag für den Entsorgten, sorgte dessen Nachfolger für möglichst viel Platz, sich selbst breit zu machen. Es war eine Art Reise nach Jerusalem, um Chefsessel herum. Es war damals möglich, innerhalb nur eines Jahres, dem Typen zu kündigen, der einen eingestellt hatte.
Das Gedicht hatte ich aber nicht der Dotcom-Blase wegen geschrieben. Der Anlass war ein völlig anderer: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt etwas zu klären, etwas zwischenmenschlich Schwerwiegendes, dermaßen Vertracktes, dass ich mir keinen anderen Rat mehr wusste, als ein Gedicht zu schreiben. Wie gesagt: Gedichte können helfen. Ich für mein Teil wusste mir zu helfen, fühlte mich daraufhin befreit und hätte gern ein paar Tage lang der ganzen Welt Gedichte verabreicht, gegen den Kummer. Eine Wirtschaftskrise gerät immer auch zu einer gesellschaftlichen – schließlich hat sie ja ihre gesellschaftlichen Ursachen. Das kann zu Depressionen führen, zu großen. Und gute Gedichte sind ein brauchbares Mittel, jedwedem Seelenelend beizukommen. Sie helfen einem, sich selbst zu ertappen, Unausweichlichem den Status der Konsequenz zuzugestehen, sich zu verhalten. Gute Gedichte sind wie gute Therapeutinnen, Analytiker. Was sie von diesen unterscheidet, ist zweierlei: Zum einen tritt ihr Unterhaltungsfaktor verschieden in Kraft, und zum anderen sind sie unbezahlbar. Insofern ist es auch unökonomisch, Gedichte zu schreiben. In einer zerwirtschafteten Gesellschaft schlagen sich Aufwand und Nutzen nur pro forma im Preis einer Dienstleistung nieder. Der Ansatz zu dieser Kalkulation schließt nicht nur den Umstand ein, dass es ungemein lange dauern kann, ein gutes Gedicht zu schreiben – es überhaupt zu lesen, hat in einer hyperventilierenden Marktgesellschaft so gut wie niemand die Zeit. Es dauert einfach zu lange, beides. Mit einem Gedicht ist man, so man will, ganz allein. In einer Therapie jedoch ist man zumindest zu zweit. Zweisamkeit ist bezahlbar. Ihren Unterhaltungsfaktor initiiert die Distanz.
Aus solchen Überlegungen heraus resultierte damals mein Vorhaben, den diskreditierten Wert von Gedichten auf eine absonderliche Art zu literarisieren: Während sich um den Tisch herum alle nervös der Ablenkung vom Dilemma hingeben, nutzt ein einziger die Struktur von Gedichten, sich zu konzentrieren, zu stabilisieren. Er pumpt Form in sich hinein, um sich in Form zu bringen. Ein übler Gegenentwurf zu meiner eigenen Begrifflichkeit von Poesie. Für mich haben Gedichte in etwa so zu wirken wie Calgon: Kalk lösend, Verkrustungen aufhebend. Ansonsten taugen sie nichts. Genau daher rührt aber wohl auch die weit verbreitete Angst vor Poesie. Was der einen Kalk ist, ist dem anderen Halt, Stabilität, oder genauer: die Suggestion derselben. Ein Korsett, für die Psyche, das zumindest ein Zuschaustellen von Haltung möglich macht.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Verbrecher Verlag