|
|
Wirtschaft, Tod und zehn Gedichte.
(Leseprobe aus:
daneben liegen, Poetisches Krisenpapier, 2009,
Verbrecher
Verlag).
Im Dutzend sitzen sie um einen Tisch herum, morgens um halb zehn: Der Chief
Development Officer, der CCO, CBO, CAO und wie sie alle heißen mögen;
Leistungsträger, durch die Bank. Visionäre in ihren Ressorts, zu Höherem
berufen. Sie sind zur Sitzung einbestellt worden, weil Köpfe rollen sollen.
Draußen, am Ende einer marmorbelegten, taunassen Terrasse, lehnt ein Engel an
der Balustrade, das Gesicht dem Sitzungsraum zugewandt. Mit dem Unterarm stützt
er sich auf der Brüstung ab. Die um den Tisch versammelten Manager nehmen ihn
nicht wahr, bis auf einen: Einer sieht ihn, durch Flügeltüren hindurch, die
angelehnt sind. Der Engel klimpert mit langgestreckten Fingern auf der Brüstung
herum, ohne Hast. In der milchigen Morgensonne wirkt er etwas zerstreut. Den
einen, der ihn sieht, fröstelt es: Geht es doch auch um seinen Kopf in dieser
Runde. Einen, also zumindest einen von ihnen, wird der Engel mitnehmen. Er ist
abholen gekommen. Die gesamte Sitzung über wird der Mann, der den Engel sieht,
Gedichte herunterrasseln. Zehn Gedichte kann er auswendig. Während sein
Tischnachbar Strichmännchen kritzelt und ein anderer unterm Tisch gegen eine
Erektion ankämpft, indem er heftig mit dem Ringfinger gegen seinen harten
Schwanz schnipst, rasselt der, der den Engel sieht, Gedichte herunter. Gedichte
bedeuten für ihn Ordnung, Struktur. Er betet Struktur in sich hinein. "Zu
irgendetwas müssen Gedichte ja gut sein", wird der Mann irgendwann sagen.
So weit der Plot einer Novelle, an dem ich auch heute nichts ändern würde, wenn
ich der Ansicht wäre, sie schreiben zu müssen. Nun ja: Das Dutzend würde ich
streichen. Das Dutzend war mir schon damals nicht geheuer. Männer im Dutzend, um
einen Tisch herum versammelt, könnten eine Abendmahlsituation assoziieren,
selbst morgens um halb Zehn, ganz egal wie groß der Tisch ist. Das aber war
nicht meine Absicht. Der Text war für eine Sammlung von Erzählungen vorgesehen:
In Grenzsituationen zum Tod hin sollten darin Engel zum Zug kommen, oder
zumindest auf ihren Einsatz warten. Den Engeln fiel dabei die Aufgabe zu,
asexuelle, professionelle Dienstleister zu sein: Ein Servicepersonal, das alle
Zeit der Welt hat, diese aber nicht mit sich bringt.
Die Idee für den Text mit den kopflosen Eliten entstand kurz nach der
Jahrtausendwende. Ich hatte ein Gedicht geschrieben, nach Jahren mal wieder.
Und: Es hatte geholfen. Also: zumindest mir. Es kriselte damals. Dass Gedichte
in solchen Situationen helfen können, weiß ich. Es kriselte damals sogar
zweifach: in mir und um mich herum. Zu dieser Zeit war die New Economy an allem
schuld. Sie hatte ihren Atem ausgehaucht. Die Hype-Kurven der am Neuen Markt
notierten Wertpapiere waren von der Kurzatmigkeit getriggert worden, das
ungläubige Staunen der Beteiligten hatte die Unbeteiligten eine Saison lang
amüsiert, statt Koks lagen wieder Fischstäbchen auf dem Tisch, die Krise
beherrschte die Tagesordnung. In den Firmen, den neuen wie den alten, ging
jedoch alles seinen gewohnten Gang. Dort waren weiterhin Visionäre am werkeln.
Wenn etwas schief ging, war der mit der aktuellen Vision daran schuld. "Kopf ab"
hieß in der Regel: wegloben, mit Geld. Mit dem goldenen Handschlag für den
Entsorgten, sorgte dessen Nachfolger für möglichst viel Platz, sich selbst breit
zu machen. Es war eine Art Reise nach Jerusalem, um Chefsessel herum. Es war
damals möglich, innerhalb nur eines Jahres, dem Typen zu kündigen, der einen
eingestellt hatte.
Das Gedicht hatte ich aber nicht der Dotcom-Blase wegen geschrieben. Der Anlass
war ein völlig anderer: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt etwas zu klären, etwas
zwischenmenschlich Schwerwiegendes, dermaßen Vertracktes, dass ich mir keinen
anderen Rat mehr wusste, als ein Gedicht zu schreiben. Wie gesagt: Gedichte
können helfen. Ich für mein Teil wusste mir zu helfen, fühlte mich daraufhin
befreit und hätte gern ein paar Tage lang der ganzen Welt Gedichte verabreicht,
gegen den Kummer. Eine Wirtschaftskrise gerät immer auch zu einer
gesellschaftlichen – schließlich hat sie ja ihre gesellschaftlichen Ursachen.
Das kann zu Depressionen führen, zu großen. Und gute Gedichte sind ein
brauchbares Mittel, jedwedem Seelenelend beizukommen. Sie helfen einem, sich
selbst zu ertappen, Unausweichlichem den Status der Konsequenz zuzugestehen,
sich zu verhalten. Gute Gedichte sind wie gute Therapeutinnen, Analytiker. Was
sie von diesen unterscheidet, ist zweierlei: Zum einen tritt ihr
Unterhaltungsfaktor verschieden in Kraft, und zum anderen sind sie unbezahlbar.
Insofern ist es auch unökonomisch, Gedichte zu schreiben. In einer
zerwirtschafteten Gesellschaft schlagen sich Aufwand und Nutzen nur pro forma im
Preis einer Dienstleistung nieder. Der Ansatz zu dieser Kalkulation schließt
nicht nur den Umstand ein, dass es ungemein lange dauern kann, ein gutes Gedicht
zu schreiben – es überhaupt zu lesen, hat in einer hyperventilierenden
Marktgesellschaft so gut wie niemand die Zeit. Es dauert einfach zu lange,
beides. Mit einem Gedicht ist man, so man will, ganz allein. In einer Therapie
jedoch ist man zumindest zu zweit. Zweisamkeit ist bezahlbar. Ihren
Unterhaltungsfaktor initiiert die Distanz.
Aus solchen Überlegungen heraus resultierte damals mein Vorhaben, den
diskreditierten Wert von Gedichten auf eine absonderliche Art zu literarisieren:
Während sich um den Tisch herum alle nervös der Ablenkung vom Dilemma hingeben,
nutzt ein einziger die Struktur von Gedichten, sich zu konzentrieren, zu
stabilisieren. Er pumpt Form in sich hinein, um sich in Form zu bringen. Ein
übler Gegenentwurf zu meiner eigenen Begrifflichkeit von Poesie. Für mich haben
Gedichte in etwa so zu wirken wie Calgon: Kalk lösend, Verkrustungen aufhebend.
Ansonsten taugen sie nichts. Genau daher rührt aber wohl auch die weit
verbreitete Angst vor Poesie. Was der einen Kalk ist, ist dem anderen Halt,
Stabilität, oder genauer: die Suggestion derselben. Ein Korsett, für die Psyche,
das zumindest ein Zuschaustellen von Haltung möglich macht.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Verbrecher Verlag