|
|
Neuenburg 1783
(Leseprobe aus: Der Schachautomat, Roman,
2007, Piper)
Auf dem Weg von Wien nach Paris machte Wolfgang
von Kempelen mit seiner Familie
halt in Neuenburg, und am 11. März 1783 präsentierte er im Gasthof am Markt
seinen legendären Schachautomaten: einen Androiden in türkischen Gewändern,
der
das Schachspiel beherrschte. Die Schweizer bereiteten Kempelen und seinem
Türken
keinen warmen Empfang. Schließlich galten die Automatenbauer des Neuenburger
Fürstentums als die besten der Welt. Und nun kam ein königlicher Hofrat aus
der
ungarischen Provinz daher – ein Beamter, dem die Uhrmacherei nicht Broterwerb,
sondern nur ein Steckenpferd war –, dem es gelungen war, seinem Automaten das
Denken beizubringen. Eine intelligente Maschine. Ein Apparat aus Federn,
Rädern,
Kabeln und Walzen, der nahezu jeden menschlichen Gegner im Spiel der Könige
geschlagen hatte. Im Vergleich zu Kempelens außergewöhnlicher Schachmaschine
waren die Neuenburger Automaten nur überdimensionale Spieluhren, triviales
Amüsement für schwerreiche Adlige.
Trotz aller Ressentiments war die Vorstellung des Schachautomaten restlos
ausverkauft. Wer keinen Sitzplatz hatte ergattern können, mußte, hinter den
Stuhlreihen stehend, zuschauen. Die Neuenburger wollten sehen, wie dieses
Wunderwerk der Technik funktionierte, und insgeheim hofften sie, daß Kempelen
ein Betrüger war und daß sich die brillanteste Erfindung des Jahrhunderts
unter
ihren kundigen Blicken als simpler Taschenspielertrick herausstellte. Doch
Kempelen enttäuschte ihre Hoffnungen. Als er eingangs der Vorführung mit einem
selbstbewußten Lächeln das Innenleben des Apparats offenlegte, kam nur ein
Räderwerk zum Vorschein, und als dieses Räderwerk aufgezogen war und der
Schachtürke zu spielen begann, tat er es mit den unverkennbaren Bewegungen
einer
Maschine. Die Lokalpatrioten mußten anerkennen, daß Kempelen nicht weniger als
ein Genie der Mechanik war.
Der Türke besiegte seine ersten beiden Gegner, den Bürgermeister und den
Vorsitzenden des Neuenburger Schachsalons, in beschämend kurzer Zeit. Kempelen
bat nun um einen Freiwilligen für die dritte und letzte Partie des Tages. Es
vergingen einige Augenblicke, bis sich schließlich jemand meldete. Kempelen und
sein Publikum suchten nach dem Freiwilligen, aber erst als er aus der Gasse
zwischen den zurückweichenden Zuschauern trat, war er auch zu sehen – denn
der
Mann war so klein, daß er den Anwesenden nur bis knapp über die Hüfte
reichte.
Wolfgang von Kempelen tat einen Schritt zurück und stützte sich mit einer Hand
auf dem Schachtisch ab. Der Anblick des Zwergwüchsigen erschreckte ihn
merklich,
und er erblaßte, als stünde er einem Gespenst gegenüber.
Auch Gottfried Neumann – denn so hieß der Zwerg – war Uhrmacher und eigens
aus
dem benachbarten La Chaux-de-Fonds nach Neuenburg gereist, um den
Schachautomaten spielen zu sehen. Der Zwerg hatte schwarze Haare mit einigen
silbergrauen Strähnchen, die im Nacken zu einem Preußischen Zopf
zusammengeflochten waren, und ebenso kastanienbraune Augen wie der Schachtürke.
Er blickte streng drein. Es war, als läge seine Stirn von Natur aus in Falten
und als wären die schwarzen Brauen über den Augen seit seiner Geburt
zusammengezogen. Seine Statur war etwa die eines sechsjährigen Knaben, nur
deutlich kräftiger; wie zuviel Körper in zuwenig Haut. Er trug ein
dunkelgrünes
Justaucorps, das auf seine speziellen Maße zugeschnitten war, und ein
Seidentuch
um den Hals.
Ein Tuscheln erfüllte den Saal, als Neumann auf Kempelen zuging. Keiner im
Publikum hatte Neumann je Schach spielen sehen. Der Schachsalonvorsitzende bat
um andere Freiwillige, die als gute Schachspieler bekannt waren, um dem
Automaten vielleicht doch noch ein Remis abzuringen, aber er wurde
niedergezischt: Der Türke hatte sich als unbesiegbar erwiesen – doch das
Spiel
einer Maschine gegen einen Zwerg hatte zumindest einen hohen Schauwert.
Kempelen schob dem kleinen Uhrmacher nicht den Stuhl zurecht, wie er es bei den
Vorgängern getan hatte. Neumann saß wie sie an einem separaten Tisch mit einem
separaten Schachbrett, damit der Blick des Publikums auf den Türken frei blieb.
(C) Piper Verlag GmbH, München
Kempelen wartete, bis sich der Zwerg gesetzt hatte, räusperte sich dann und bat
um Ruhe und Aufmerksamkeit. Neumann betrachtete derweil das Schachbrett und die
sechzehn roten Figuren vor sich, als hätte er dergleichen nie zuvor gesehen,
die
Schultern hochgezogen und die Handflächen wie ein Kind in die Sitzfläche
gedrückt.
Kempelens Gehilfe zog den Schachautomaten mittels einer Kurbel auf, und knarrend
setzte sich das Räderwerk in Bewegung. Der Türke hob den Kopf, führte den
linken
Arm über das Schachbrett und setzte mit drei Fingern einen Bauern in die Mitte
des Spielfelds – so, wie er auch die zurückliegenden Partien eröffnet hatte.
Der
Gehilfe wiederholte den Zug auf Neumanns Schachbrett, aber der Zwerg reagierte
nicht. Er sah nicht einmal auf. Er begaffte nur weiter jede einzelne seiner
Figuren wie längst totgeglaubte Bekannte. Das Publikum wurde unruhig.
Wolfgang von Kempelen wollte gerade etwas sagen, da rührte sich Neumann
endlich:
Er zog mit seinem Königsbauern zwei Felder voran und bot dem weißen Bauern des
Türken damit die Stirn.
Venedig 1769
An einem namenlosen Novembermorgen im Jahr 1769 war Tibor Scardanelli in einer
fensterlosen Kerkerzelle erwacht, mit getrocknetem Blut auf dem geschwollenen
Gesicht und stechenden Kopfschmerzen. Im Halbdunkel suchte er vergebens nach
einem Krug Wasser. Der Geruch des Alkohols in seinen Lumpen verursachte ihm
Übelkeit. Er ließ sich aufs Strohlager fallen und lehnte den Rücken gegen die
kalte Bleiwand. Gewisse Erfahrungen in seinem Leben sollten sich offenbar
wiederholen – der Betrug, der Raub, die Prügel, die Haft, der Hunger.
Der Zwerg hatte am Abend zuvor in einer Taverne einige Partien Schach um Geld
gespielt und seine ersten Gewinne für Branntwein statt für eine ordentliche
Mahlzeit ausgegeben. Er war also schon betrunken, als der junge Kaufmann ihn um
einen Einsatz von zwei Gulden herausforderte. Tibor hatte leichtes Spiel, doch
als er sich nach einer heruntergefallenen Münze bückte, stellte der Venezianer
eine längst geschlagene Dame zurück aufs Feld. Tibor beschwerte sich, aber der
Kaufmann blieb stur – sehr zur Freude seiner Begleiter. Schließlich bot er
dem
Zwerg ein Unentschieden an und nahm unter dem Gelächter der Zuschauer seinen
Einsatz wieder an sich. Der Alkohol hatte Tibors Vernunft betäubt: Er packte
die
Hand des Kaufmanns, die sein Geld hielt. Im Gerangel gingen er und der
Venezianer zu Boden. Tibor behielt die Oberhand, bis ein Begleiter des Kaufmanns
ihm den Branntweinkrug auf dem Kopf zertrümmerte. Tibor blieb bei Besinnung und
verlor sie auch dann nicht, als die Venezianer ihn abwechselnd prügelten.
Danach
übergaben sie ihn den Carabinieri, erklärten, daß der Zwerg sie beim Spiel
betrogen und danach angegriffen und bestohlen habe. Die Carabinieri brachten ihn
daraufhin ins nächstliegende Gefängnis, die Bleikammern über dem Palast des
Dogen. Man hatte Tibor weder sein weniges Geld noch sein Schachbrett gelassen,
aber zumindest das Amulett mit der Madonna hing noch auf seiner Brust. Er
umklammerte es mit beiden Händen und bat die Mutter Gottes, ihn aus diesem Loch
zu befreien.
Sein Gebet war noch nicht beendet, da wurde die Tür zu seiner Zelle
aufgeschlossen, und der Wärter ließ einen Edelmann herein. Der Mann war etwa
zehn Jahre älter als Tibor, hatte dunkelbraune Haare und ein kantiges Gesicht
mit Geheimratsecken. Er war à la mode gekleidet, ohne das Geckenhafte der
Venezianer zu kopieren: ein nußbrauner Gehrock mit Spitzenmanschetten und eine
gleichfarbige Hose in hohen Reitstiefeln, darüber einen schwarzen Mantel. Auf
dem Kopf trug er einen Dreispitz, der naß vom Regen war, und am Gürtel einen
Degen. Er sah nicht aus wie ein Italiener. Tibor erinnerte sich, ihn in der
vorigen Nacht unter den Gästen der Taverne gesehen zu haben. Der Edelmann hielt
in der einen Hand einen Krug Wasser und einen Brotkanten und in der anderen ein
fein gearbeitetes Reiseschachspiel. Der Schließer stellte ihm einen
Kerzenleuchter und einen Schemel hin, auf dem er Platz nahm. Wasser, Brot und
seinen Hut legte der Mann neben Tibors Lager ab, und wortlos klappte er das
Schachbrett auf dem Boden auf und begann, die Figuren aufzubauen. Als der
Schließer die Zelle wieder verlassen und die Tür hinter sich geschlossen
hatte,
ertrug Tibor das Schweigen nicht länger, und er sprach sein Gegenüber an.
»Was wollt Ihr von mir?«
»Du sprichst deutsch? Das ist gut.« Er nahm eine Taschenuhr aus seiner Weste,
klappte sie auf und legte sie neben das Schachbrett. »Ich will eine Partie
gegen
dich spielen. Wenn du es schaffst, mich in einer Viertelstunde zu besiegen,
(C) Piper Verlag GmbH, München
bezahle ich dein Bußgeld, und du bist frei.«
»Und wenn ich verliere?«
»Wenn du verlierst«, antwortete der Mann, nachdem er die letzte Figur
aufgestellt hatte, »wäre ich enttäuscht ... und du müßtest vergessen, daß
du
mich je getroffen hast. Aber wenn ich dir etwas raten darf: Schlag mich, denn
eine andere Möglichkeit heraus gibt es nicht. Seit Chevalier Casanova gibt es
hier ein paar Gitter mehr.«
Mit diesen Worten hob der Unbekannte sein Rössel über die Bauern. Tibor sah
auf
das Brett und bemerkte eine Lücke in seinen Reihen: Seine rote Dame fehlte.
Tibor schaute auf, und der Edelmann nahm seine Frage vorweg. Er klopfte sich auf
die Westentasche, in der die Dame lag.
»Mit der Dame wäre es allzu leicht.«
»Aber wie soll ich ohne Dame ...«
»Das bleibt dir überlassen.«
Tibor machte seinen ersten Zug. Sein Gegenspieler reagierte sofort. Tibor machte
fünf schnelle Züge, bevor er zum erstenmal Zeit hatte, sich Wasser und Brot zu
widmen. Der Edelmann spielte aggressiv. Darauf aus, das günstige
Zahlenverhältnis zu nutzen und Tibors Figuren zu dezimieren, rückte er mit
einer
Bauernkette in Tibors Hälfte vor. Aber Tibor behauptete sich. Die Denkpausen
seines Gegenübers wurden länger.
»Euer Nachdenken kostet meine Zeit«, beanstandete Tibor, als auf der
Taschenuhr
fünf Minuten verstrichen waren.
»Um so schneller mußt du spielen.«
Und Tibor spielte schneller: Er übersprang die Linie der weißen Bauern und
trieb
den König in die Enge. Fünf Minuten später konnte Tibor absehen, daß er
gewinnen
würde. Sein Gegner nickte, legte den eigenen König auf die Seite und lehnte
sich
auf seinem Schemel zurück.
»Gebt Ihr auf?« fragte Tibor.
»Ich breche das Spiel ab. Du weißt selbst, daß ich nicht mehr gewinnen kann.
Da
kann ich deine letzten fünf Minuten in Gefangenschaft auch sinnvoller nutzen.
Meine Gratulation, du hast geschickt gespielt.« Er reichte Tibor die Hand.
»Ich
bin Wolfgang Ritter von Kempelen aus Preßburg.«
»Tibor Scardanelli, aus Provesano.«
»Sehr erfreut. Ich will dir ein Angebot machen, Tibor. Dazu muß ich etwas
weiter
ausholen: Ich bin Hofrat Ihrer Majestät, der Kaiserin Maria Theresia von
Österreich und Ungarn. Seit ich als Beamter an ihrem Hof tätig geworden bin,
hat
sie mich mit einer Vielzahl von Aufgaben betreut, und ich habe jede davon zu
ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllt. Aber das alles waren Aufgaben, die auch
andere gute Männer gemeistert hätten. Ich will aber etwas Außerordentliches
leisten. Etwas, das mich in ihren Augen erhebt ... und vielleicht sogar
unsterblich macht. – Kannst du mir folgen?«
Wolfgang von Kempelen wartete Tibors Nicken ab und fuhr dann fort.
»Vor ein paar Wochen gab der französische Physiker Pelletier am Hof ein paar
seiner Experimente zum besten: Spielereien mit Magnetismus, Hokuspokus mit
fliegenden Nägeln und Münzen, die sich scheinbar von unsichtbarer Hand
geführt
über ein Papier bewegen; Haare, die plötzlich zu Berge stehen, und dergleichen
mehr. Doktor Mesmer heilt bereits Menschen mit seinen Kenntnissen des
Magnetismus ... da kommt dieser zaubernde Franzmann und raubt mit seiner
Gaukelei meine kostbare Zeit – und die der Kaiserin. Maria Theresia fragte
mich
im Anschluß an die Vorstellung, was ich über Jean Pelletier denke, und ich
wurde
deutlich: Ich sagte ihr, daß die Wissenschaft schon viel weiter sei und daß
ich,
der ich nicht einmal wie Pelletier an der Académie gelernt hätte, in der Lage
sei, ihr ein Experiment zu präsentieren, das Pelletiers Darbietungen wie
Taschenspielertricks aussehen lassen würde. Natürlich hat das ihre Neugier
geweckt. Sie hat mich beim Wort genommen ... und mich für ein halbes Jahr von
sämtlichen Ämtern entbunden, um dieses Experiment vorzubereiten.«
»Was für ein Experiment?«
»Ich wußte es damals selbst nicht. Aber ich hatte mir vorgenommen, eine
außergewöhnliche Maschine zu schaffen. Ich bin nicht nur Hofrat, mußt du
wissen;
ich verfüge auch über Kenntnisse auf dem Gebiet der Mechanik. Ich wollte der
Kaiserin ursprünglich eine Maschine bauen, die sprechen kann.«
»Aber das geht nicht«, wandte Tibor unwillkürlich ein.
Ritter von Kempelen lächelte und schüttelte den Kopf, ganz so, als hätten vor
(C) Piper Verlag GmbH, München
Tibor schon viele ebenso reagiert. »Natürlich geht es. Ich werde der Welt
einen
Apparat bauen, der so deutlich spricht wie ein Mensch, und zwar alle Sprachen
dieser Welt. Aber ein halbes Jahr ist für diese Heraklesarbeit zu knapp; das
habe ich begriffen. Die Zeit reicht nicht einmal aus, die vielen Materialien zu
beschaffen und zu erproben. Und eine Kaiserin läßt man nicht warten. –
Deshalb
werde ich eine andere Maschine bauen.« Kempelen nahm die rote Dame aus seiner
Westentasche und stellte sie zu den anderen Figuren. »Eine Schachmaschine.«
(C) Piper Verlag GmbH, München
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Piper