Nora und die Gewalt- und Liebessachen von Jürgen Lodemann, 2006, Asso

Jürgen Lodemann

Heimliche Liebe
(Leseprobe aus: Nora und die Gewalt- und Liebessachen, Roman, 2006, Asso Verlag).

Am zwölften Juni 1980, wenige Tage vor der Entführung von Queen
Elizabeth, fiel in Rudolf Langensiepens Wohnkeller ein Lichtstrahl.
Kurz nach zwei Uhr nachts wanderte da neben seiner Schlafstelle ein helles
Oval, das zitterte über den alten Auslegeteppich, hielt kurz an, wusste
offenbar nicht weiter und sprang dann weg, nach draußen.
Sekundenlang wünschte sich Langensiepen, dass er nur geträumt hätte,
beugte sich ans Ende seines Matratzenlagers und sah, wie das Licht nun
draußen unterwegs war. Ein alter Mann ging da die Wiese hinauf, der
trug etwas Silbriges, einen Metallbehälter. Blieb stehen, legte das Silbrige
in die Wiese und - Lichtwechsel - jetzt war da eine junge Frau und stach
mit einem Spaten in den Boden, und der Alte schaltete die Lampe aus
und es bewegten sich Schatten, gut fünf Minuten nur Schatten. Schließlich
verschwanden die, nach rechts.
Lag lange wach, der Expolizist Langensiepen. Was vergräbt man um zwei
Uhr nachts im hinteren Winkel eines Parks, der dem Krupp-Konzern gehört.
Wahrscheinlich Kostbares. Oder Gefährliches.
Typisch für die Südstadt. Im südlichen Essen, hieß es, wohnten die besser
Situierten, die sorgten für Undurchsichtigkeit und nannten die Bewohner
der Nordstadt die einfachen Leute.
Eigentlich wollte Exkommissar Langensiepen sich nie mehr in irgendetwas
einmischen, aber diese nächtlichen Grabschaufler, die hatte er erkannt.
Noch am Tag zuvor hatte er die beobachtet, eine junge Frau an
der Seite eines sehr alten Mannes, so was fällt schließlich auf, und mit
dem Alten hatte er geredet, ausführlich sogar. Fragwürdiges hatte der geredet,
auch Politisches, und jetzt hatte der mit der jungen Frau in seinen
Kellerraum geleuchtet, und die Jeansfrau hatte ihm geholfen, etwas zu
vergraben.
Kostbares oder Gefährliches. Langensiepen versuchte, sich ins Gedächtnis
zu rufen, was der Alte gesagt hatte. Wieso hatte der über Kaiser geredet
und über Kaiserbäume und über Panzer. Und über obszöne Blumen
und übergroße Schwellkörper.
Das Gespräch mit diesem Alten, den gestrigen Dienstag musste Langensiepen
rekonstruieren. Wenn er nichts ausließe, dann wüsste er mehr
über diese junge Frau und den Greis und was die hier vergraben haben
könnten.

Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Asso Verlag