Der Traum des Kelten von Mario Vargas Llosa, 2011, Suhrkamp

Marío Vargas Llosa

Der Traum des Kelten
(Leseprobe aus: Der Traum des Kelten, Roman, 2011, Suhrkamp - Übertragung Angelica Ammar).

Als die Zellentür aufging und mit dem Lichtschwall und

Windstoß auch der Straßenlärm hereinbrach, schreckte Roger

aus dem Schlaf. Während er blinzelnd gegen die Benommenheit

ankämpfte, machte er den im Türrahmen lehnenden Umriss

des Sheriffs aus. Die boshaften Äuglein in dem schwammigen

Gesicht mit dem blonden Schnurrbart musterten ihn

mit unverhohlener Abneigung. Für diesen Menschen wäre es

ein schwerer Schlag, sollte die englische Regierung das Gnadengesuch

erhören.

»Besuch«, brummte der Sheriff, ohne den Blick abzuwenden.

Roger stand auf und rieb sich die Arme. Wie lange hatte

er geschlafen? Eine der Qualen im Pentonville-Gefängnis bestand

darin, nicht zu wissen, wie spät es war. Im Gefängnis

von Brixton und im Tower von London hörte man wenigstens

alle halbe Stunde die Kirchenglocken läuten. Durch das

dicke Gemäuer hier drang dagegen weder das Geläut in der

Caledonian Road noch der Trubel des Marktes von Islington,

und die Wächter an der Tür hielten sich strikt an den Befehl,

nicht mit ihm zu reden. Der Sheriff legte ihm die Handschellen

an und forderte ihn mit einer Geste auf, ihm voran nach

draußen zu gehen. Vielleicht brachte sein Anwalt gute Nachrichten?

Hatte das Kabinett getagt und eine Entscheidung

getroffen? Bedeutete der heute besonders große Abscheu im

Blick des Sheriffs, dass man ihn begnadigt hatte? Er wanderte

den langen Korridor aus schmutzigem Backstein entlang, vorbei

an Zellentüren und verwitterten Wandpartien, in die alle

zwanzig oder fünfundzwanzig Schritte ein hohes vergittertes

Fenster eingelassen war, durch das er ein Stückchen grauen

Himmel erspähte. Warum fror er nur so? Es war Juli, Hoch-

sommer, woher also die Eiseskälte, die ihm solche Gänsehaut

verursachte?

Als er den kleinen Besucherraum betrat, verließ ihn der

Mut. Nicht sein Anwalt, George Gavan Duffy, erwartete

ihn, sondern einer von dessen Assistenten, ein blonder junger

Geck mit schiefem Gesicht und hohen Wangenknochen,

der während der vier Prozesstage Akten zwischen den Verteidigern

hin und her getragen hatte. Weshalb schickte Gavan

Duffy einen Mitarbeiter, statt selbst zu kommen?

Der junge Mann musterte ihn kühl. In seinem Blick lag Geringschätzung.

›Was hat dieser Typ nur? Er starrt mich an, als

wäre ich Ungeziefer‹, dachte Roger.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. Dann holte er tief Luft.

»Wegen Ihres Gnadengesuchs«, sagte er brüsk und zog eine

Grimasse, die sein Gesicht noch schiefer wirken ließ, »müssen

wir warten, bis der Ministerrat zusammengetreten ist.«

Roger störte die Anwesenheit des Sheriffs und des anderen

Wärters. So still und reglos sie dort auch standen, wusste er

doch, dass sie jedes Wort mithörten. Das machte ihm das Atmen

noch schwerer.

»Aber angesichts der neuesten Entwicklungen«, fügte der

junge Blonde mit übertriebenen Mundbewegungen hinzu und

blinzelte zum ersten Mal, »ist jetzt alles viel komplizierter geworden.«

»Man erfährt hier nichts von der Welt da draußen. Was ist passiert?«

Und wenn die deutsche Heeresleitung sich endlich entschlossen

hatte, Großbritannien von der irischen Küste aus

anzugreifen? Wenn die erhoffte Invasion tatsächlich stattfand

und die Kanonen des Kaisers in ebendiesem Moment die irischen

Patrioten rächten, die von den Engländern beim Osteraufstand

erschossen worden waren? Sollte der Krieg diese

Richtung genommen haben, würden sich seine Pläne trotz

allem verwirklichen.

(...)

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