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Der Traum des Kelten
(Leseprobe aus:
Der Traum des Kelten, Roman, 2011, Suhrkamp - Übertragung Angelica Ammar).
Als die Zellentür aufging und mit dem Lichtschwall und
Windstoß auch der Straßenlärm hereinbrach, schreckte Roger
aus dem Schlaf. Während er blinzelnd gegen die Benommenheit
ankämpfte, machte er den im Türrahmen lehnenden Umriss
des Sheriffs aus. Die boshaften Äuglein in dem schwammigen
Gesicht mit dem blonden Schnurrbart musterten ihn
mit unverhohlener Abneigung. Für diesen Menschen wäre es
ein schwerer Schlag, sollte die englische Regierung das Gnadengesuch
erhören.
»Besuch«, brummte der Sheriff, ohne den Blick abzuwenden.
Roger stand auf und rieb sich die Arme. Wie lange hatte
er geschlafen? Eine der Qualen im Pentonville-Gefängnis bestand
darin, nicht zu wissen, wie spät es war. Im Gefängnis
von Brixton und im Tower von London hörte man wenigstens
alle halbe Stunde die Kirchenglocken läuten. Durch das
dicke Gemäuer hier drang dagegen weder das Geläut in der
Caledonian Road noch der Trubel des Marktes von Islington,
und die Wächter an der Tür hielten sich strikt an den Befehl,
nicht mit ihm zu reden. Der Sheriff legte ihm die Handschellen
an und forderte ihn mit einer Geste auf, ihm voran nach
draußen zu gehen. Vielleicht brachte sein Anwalt gute Nachrichten?
Hatte das Kabinett getagt und eine Entscheidung
getroffen? Bedeutete der heute besonders große Abscheu im
Blick des Sheriffs, dass man ihn begnadigt hatte? Er wanderte
den langen Korridor aus schmutzigem Backstein entlang, vorbei
an Zellentüren und verwitterten Wandpartien, in die alle
zwanzig oder fünfundzwanzig Schritte ein hohes vergittertes
Fenster eingelassen war, durch das er ein Stückchen grauen
Himmel erspähte. Warum fror er nur so? Es war Juli, Hoch-
sommer, woher also die Eiseskälte, die ihm solche Gänsehaut
verursachte?
Als er den kleinen Besucherraum betrat, verließ ihn der
Mut. Nicht sein Anwalt, George Gavan Duffy, erwartete
ihn, sondern einer von dessen Assistenten, ein blonder junger
Geck mit schiefem Gesicht und hohen Wangenknochen,
der während der vier Prozesstage Akten zwischen den Verteidigern
hin und her getragen hatte. Weshalb schickte Gavan
Duffy einen Mitarbeiter, statt selbst zu kommen?
Der junge Mann musterte ihn kühl. In seinem Blick lag Geringschätzung.
›Was hat dieser Typ nur? Er starrt mich an, als
wäre ich Ungeziefer‹, dachte Roger.
»Irgendwelche Neuigkeiten?«
Der junge Mann schüttelte den Kopf. Dann holte er tief Luft.
»Wegen Ihres Gnadengesuchs«, sagte er brüsk und zog eine
Grimasse, die sein Gesicht noch schiefer wirken ließ, »müssen
wir warten, bis der Ministerrat zusammengetreten ist.«
Roger störte die Anwesenheit des Sheriffs und des anderen
Wärters. So still und reglos sie dort auch standen, wusste er
doch, dass sie jedes Wort mithörten. Das machte ihm das Atmen
noch schwerer.
»Aber angesichts der neuesten Entwicklungen«, fügte der
junge Blonde mit übertriebenen Mundbewegungen hinzu und
blinzelte zum ersten Mal, »ist jetzt alles viel komplizierter geworden.«
»Man erfährt hier nichts von der Welt da draußen. Was ist passiert?«
Und wenn die deutsche Heeresleitung sich endlich entschlossen
hatte, Großbritannien von der irischen Küste aus
anzugreifen? Wenn die erhoffte Invasion tatsächlich stattfand
und die Kanonen des Kaisers in ebendiesem Moment die irischen
Patrioten rächten, die von den Engländern beim Osteraufstand
erschossen worden waren? Sollte der Krieg diese
Richtung genommen haben, würden sich seine Pläne trotz
allem verwirklichen.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home III11 LYRIKwelt © Suhrkamp