Georgisches Reisetagebuch von Jonathan Littell, 2008, Berlin

Jonathan Littell

Georgisches Reisetagebuch
(Leseprobe aus: Georgisches Reisetagebuch, 2008, Berlin-Verlag - Übertragung Hainer Kober).

»Pischite prawilno«, wird einem unaufhörlich gesagt, »schreiben Sie wahrheitsgemäß, schreiben Sie, was wirklich passiert ist.« Überall bekommt man es zu hören, in Südossetien und Abchasien, aber auch in Georgien selbst, und man würde es ja gern tun – schreiben, was wirklich passiert ist. Doch das ist nicht so leicht. »Jeder erzählt Geschichten, die seine Vorurteile bestätigen «, meint Dan Kunnin, ein amerikanischer Berater des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, in seinem Büro des neuen Präsidentenpalasts in Tiflis. Wer ist der Aggressor, wer das Opfer?

Für die Georgier sind ihre »territoriale Integrität« und, daraus folgend, ihr Recht, die beiden separatistischen Regionen mit allen Mitteln wieder unter Kontrolle zu bringen, sakrosankt. Für die Osseten und vor allem die Abchasen ist es eine historische Ungerechtigkeit, und die Vorstellung, eines Tages wieder ein Teil Georgiens zu werden, erscheint ihnen so grotesk, als würde von den Esten verlangt, sich wieder Russland anzuschließen.

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