Laura Lippmann

Sprich, Erinnerung - Eine Kindheitserinnerung
("Letter from Laura", August 2003, auf www.lauralippman.com, Rotbuch-Verlag)

Das ist die Geschichte, wie sie mir erzählt wurde. Oder richtiger: Das ist die Geschichte, wie ich mich erinnere, dass sie mir erzählt wurde, zusammen mit einigen Teilen, an die ich mich tatsächlich erinnere, aber wahrscheinlich ist wenigstens die Hälfte davon falsch. Eine Binsenweisheit, sicher. Genug davon. Und jeder, der etwas anderes über Kindheitserinnerungen sagt, ist entweder a) immer noch ein Kind, b) der glückliche Besitzer eines außerordentlichen Erinnerungsvermögens, c) ein disziplinierter Tagebuchschreiber, d) ein verdammter Lügner oder e) das alles zusammen.

Als ich drei oder vier Jahre alt war, sprach ich für jeden um mich herum vollkommen unverständlich, auch wenn meine ältere Schwester behauptete, sie könne es übersetzen.

- Nur nebenbei: Hat sie wirklich übersetzt oder hat sie sich die Übersetzung einfach ausgedacht? Das könnte auch Licht auf eine andere Lippman-Apokryphe werfen, auf den unrühmlichen "Gebissen-bis-es-blutete"-Zwischenfall, bei dem ich die Zähne in den Rücken meiner Schwester schlug und nicht wieder losließ. Noch einmal: Ich weiß nichts mehr davon, aber alle anderen in meiner Familie erinnern sich ganz deutlich an die Details - wie ich mich wie ein Pitbull im Rücken meiner Schwester verbiss und mich eine ganze Zeit weigerte loszulassen, sogar als sie mich ohrfeigten, unseren Scotchterrier von der Leine ließen, mich mit einem Stachelstock piksten usw. -

Meine Mutter brachte mich zu einem Arzt, der meinte, ich hätte eine Geheimsprache entwickelt, und ich würde mit diesem Unsinn aufhören, wenn ich in den Kindergarten käme. Die anderen Kinder würde mich auslachen und verspotten, und dann würde ich sofort anfangen zu sprechen wie alle anderen, versprach er meiner Mutter.

Sie schickte mich in den Kindergarten. Die anderen Kinder lachten und verspotteten mich - und ich konnte immer noch nicht normal sprechen. Ich wurde zu einem Logopäden geschickt, jahrelang, wie mir schien, aber wahrscheinlich waren es nur etwa sechs Monate. Das Hauptproblem war, dass ich nicht wußte, wie man richtig atmet. Der Therapeut brachte mir einen Trick zur richtigen Atemtechnik bei. Er ließ mich üben - Kaugummiblasen machen, einen Tischtennisball über den Tisch pusten und so was. Ich saß in seinem Sprechzimmer, möblierte ein Puppenhaus, erklärte Schritt für Schritt was ich tat und arbeitete so an den "S"- und "U"-Lauten, die mir besondere Schwierigkeiten bereiteten. Irgendwann konnte ich dann sprechen wie die anderen.

Und seitdem habe ich nicht mehr damit aufgehört.

Kann das den Drang zu schreiben erklären? Tja, in einer bestimmten Art von Büchern und Filmen aus den 50er Jahren (wie "Eva mit den drei Gesichtern" mit JoanneWoodward), in denen eine einzige verdrängte Erinnerung alles erklärt, könnte es das bestimmt. Ich bin nicht sicher, ob es überhaupt irgendeinen Einfluß auf mich hatte. Aber ich glaube schon, dass mein Schriftstellerleben ein zwanghaftes Moment enthält, so als ob sich zu viele Wörter zu lange aufgestaut hätten. Ende Juli habe ich mal überschlagen, dass ich schon ungefähr ein Millionen Wörter in literarischen Texten geschrieben haben muß. Wenn man die journalistischen Arbeiten noch dazuzählt, sind vermutlich ein paar Millionen Wörter von mir da draußen unterwegs (und ohne diesen Satz sind es schon wieder rund 500 mehr...).

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