Rosel Linner

Ein Hauch von Kleist

Die Zigarette glimmt.
Vor mir steht, dunkelrot und leuchtend
Ein Glas Beerensaft.
Eine Geige wird gestimmt
Die Jahreshauptversammlung vom SGV.
Das hätten wir geschafft.
Ein Lied klingt auf.
Los geht’s mit Kraft
Und meine Hand den Schreibstift nimmt.
Bereit, immerzu bereit.
Notizen. Dann Artikel. Dann vergessen.
20 Jahre – soviel Zeit!
Wer misst sie nach? Wer hat sie ausgemessen?
Sphärische Trigonometrie.
Und die Keplerschen Gesetze.
Und Langschädel. Oder breite...
Sie singen: Wir sind durch Deutschland gefahren...
Wer spricht schon von den 20 Jahren?
Zuerst kam die Hypertrophie
Mit dem Sirenenton.
Auf und ab. Bunkerhetze.
„Deutsche Mädel“. Leute, Leute...
Dann sind wir durch Deutschland gefahren. Hamstern.
Sprechen wir nicht mehr von jenen Jahren.
Und doch blieb – ganz im Hintergrund,
Oder Untergrund – wie man’s nimmt –
Ein Hauch von Kleist:
„Wie süß die Nachtviole duftet“
Ein bisschen Geist.
Oder sonst ein Irgendwas.
Ein bisschen Ernst, ein bisschen Spaß...
Die Zigarette glimmt.

(1967)

Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © R.L./Hermann Henkel