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Tschernobyl
(Leseprobe aus: Mylopa, Roman, 2002,
Web-Site-Verlag)
Schließlich kam der Tag, der mir ein Stück die
Welt veränderte. Der Tag mit der Nachricht aus Tschernobyl. Ich weiß noch, mit
welchem Gefühl ich am Morgen nach dem Fernsehbericht darüber aus dem Haus
ging. Ich sehe noch vor mir, wie der Frühnebel über den Wiesen stand und den
Tieren auf den Weiden die Beine wegretuschierte, sodass sie zu schweben
schienen. Wie die Tautropfen an den jungen Grashalmen in der Sonne glitzerten,
der Gesang der Vögel den Wald in einen riesigen Konzertsaal verwandelte, und
wie die Stimmung voller Frieden schien.
Ich sah es und dachte gleichzeitig darüber nach, wie verlogen meine Wahrnehmung
mir eine heile Welt vorgaukelte. Ließ die Hühner aus dem Stall und überlegte,
ob das nicht zu gefährlich sei, ob man anschließend ihre Eier noch essen könne.
Ich betrachtete die wiederkäuenden Schafe vor dem Sommerstall, die Gänse im
Gras und machte mir Gedanken darüber, welcher Gefahr sie alle ausgesetzt waren.
Jetzt und für viele Generationen danach.
Ich öffnete das Lattentor zwischen der Buchenhecke, ging in den Gemüsegarten
und wusste, dass ich keine Blätter für den Tee, kein Schnittlauch für das Rührei
zum Frühstück pflücken durfte.
Unfassbar für mich!
Wie in Trance lief ich an den Beeten entlang. Bückte mich nicht wie sonst, um
zu berühren, zu fühlen, mich daran zu freuen, dass die frischen grünen
Spitzen sich ein paar Millimeter weiter aus dem Boden geschoben hatten.
Ein unwirkliches Szenario, gespenstisch - wie in einem bösen Traum.
Alles wirkte äußerlich unverändert, nichts war anders als gestern, und doch
schwebte über allem die unsichtbare Ungeheuerlichkeit, dass sich über Nacht
jede Pflanze in eine giftstrotzende, gefährliche Zeitbombe verwandelt haben könnte.
Möglich war zu diesem Zeitpunkt alles, und neue Nachrichten lösten die
Bedrohlichkeit der ersten nicht auf, fügten ihr eher Unfassbares hinzu, sodass
mir im Augenblick alles sinnlos erschien.
Da zogen wir uns aufs Land zurück, weit weg von Kokereien, Zinkhütten und
Cadmium-Möhren, flohen vor den Dreckschleudern des Ruhrpotts in ein relativ
unbelastetes, sauberes Gebiet, steckten unsere Energie in dieses Land und in
seine möglichst natürliche Bearbeitung, und dann knallte es irgendwo in der
Welt, viele hundert Kilometern von uns entfernt, und Sprecher im Fernsehen gaben
uns den dringenden Rat, in diesem Jahr besser die Finger vom Schnittlauch und
von den Beeren zu lassen!
Wie lächerlich! Nur in diesem Jahr...?
Aber klar doch! Die Menschen mit ihrem Hang, alles Negative und
Besorgniserregende möglichst schnell zu vergessen, würden die nachfolgende
Vegetation als völlig normal ansehen wollen. Nur weitermachen wie bisher, sich
nicht von Unbequemlichkeiten und Umdenken aus den vermeintlichen Sicherheiten
und Gewohnheiten reißen lassen ...!
Unbegreiflich - das alles, und doch erwartet. Nun war es geschehen, tatsächlich
geschehen!
Mit einem Gefühl zwischen Angst, Trauer und Wut fragte ich mich, wie Menschen
nur den Mut zu einer Technologie aufbrachten, die mit ihrem unüberschaubaren,
das Risiko völliger Vernichtung einschließenden Potential - über ungeheure
Zeiträume hinweg - das Leben vieler Generationen der eigenen und anderer Arten
auf unserem gesamten Planeten gefährdete. Dreißigtausend Jahre Halbwertzeit für
Caesium, hatten sie gesagt. Dreißigtausend!
Jesus von Nazareth war gerade mal zweitausend Jahre lang tot.
Eine irrsinnig lange Zeit für uns Menschen, doch wie lächerlich wenig im
Vergleich zu der Zeit, in der dieser radioaktive Stoff gerade mal die Hälfte
von seiner Gefährlichkeit verloren haben würde!
Leider waren diese Dinge - wie in diesem Moment befürchtet - ein paar Monate später
durch die wundersame Kraft der Verdrängung auch für uns kein großes Thema
mehr. Robin und ich hatten begonnen, uns intensiver für alle Fragen der
Esoterik zu interessieren. Wir tauchten immer tiefer ein in die Suche nach einem
anderen, einem spirituellen Sinn unseres Lebens, suchten im Angesicht unserer
Unfähigkeit, das Außen zu beeinflussen, nach den verborgenen Kräften und
Energien in uns selbst.
Und Majou begleitete diesen Weg.
Rezension I Buchbestellung I home III03 LYRIKwelt © U.L.