Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der roten Ruhr-Armee von- Jürgen Link, 2008, Asso

Jürgen Link

Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der roten Ruhr-Armee
(Leseprobe aus: Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der roten Ruhr-Armee, Eine Vorerinnerung, 2008, Asso-Verlag).

Vielleicht nicht sonderlich weit von der Hälfte unseres Lebens (prognostische Simulation von 1973 auf 1983 und weiter auf 2001 zu)

Vielleicht nicht sonderlich weit von der Hälfte unseres Lebens – die hängt bekanntlich davon ab, ob die bisher langsam aber sicher steigende statistische Erwartungskurve noch einmal einknicken sollte in den vor uns liegenden Zeiten, falls nämlich der V-Träger 1 noch einmal verrückt spielt: arbeitete sicher die eine oder der andere von uns nach Zwischenzeiten der Arbeitslosigkeit (ob nun aus Gründen politischer Aktivität oder sogenannten Strukturwandels) hier bei verschiedenen Firmen oder auch Arbeitsbeschaffungsunternehmungen im Ruhrgebiet und hatte sich dabei diversen Fahrgemeinschaften angeschlossen.

Angenommen, sie gehörte zu unserem weiblichen Teil und hatte wieder Frühschicht und es war März, März 19ixund80 etwa, woher sollen wir das jetzt schon genauer wissen, dann stand sie also frierend und mit eingezogenen Schultern Punkt 10 vor 5 am langsam wieder eingeschwärzten oder neulich wieder frisch bemalten Bunker in der Nähe des Straßenbahndepots (oder eben entsprechend anderswo, zum Beispiel am Kirmesplatz, in der Nähe vom Gefängnis) im kalten Regen, vielleicht genauer Schneeregen, mit der Tasche am Riemen über der frierend eingezogenen Schulter und wartete auf den Wagen der neuen Kollegen (beziehungsweise Kolleginnen), der dann auch todsicher bald ankam – sie erkannte ihn schon am langsamen Fahren und Blinken. 4, 5 je in ihre Haut verkapselte Körper spürten sich dann quasi gefühllos, sobald die Wagentür das lebensfreche Geschluchze der Vögel aus dem dumpfen Gerassel der Motoren herausgelöscht hatte, schlaftrunken durch Wolle und Leder, rochen nach Feuchtigkeit, verstießen gegen die Anschnallpflicht (Berufsverkehr wird nicht mal in diesen künftigen Verantwortungs-Träger Jahr10ten kontrolliert), dusselten wieder ein, wurden aber ständig wachgeruckelt, hatten teils Mattscheibe wie bei andauernder Bronchitis.

Egal wie viele von uns im gleichen Auto oder in mehreren Autos zur gleichen Zeit bloß auf verschiedenen Strecken fahren würden: immer werden wieder kurze Stücke Autobahnen kommen, B 1 oder NS 2 9 oder Tangenten, und dann wieder Ausfahrten, wo es von allen Seiten blinkt, und Stücke Ausbaustrecken oder Stücke enge Schleichwege mit trüber Beleuchtung im Zickzack durch alte Industrieviertel an geschwärzten Ziegelwänden entlang, immer mit dem Blick auf die Uhr und der Idee im Kopf, den bekannten Staus in der Nähe der Citykerne zu entgehen, nur allzu oft umsonst. Wenn die Autoketten vor Ampeln oder auch vor Einspurverkehr an Baustellen zum Stehen kamen, setzte jedesmal wieder, als wäre die Windschutzscheibe ein Bildschirm, das stupide Registrieren der Kennzeichen des vor uns stehenden Wagens in unserem 2.bewusstsein ein samt unwillkürlichen automatischen Assoziationen bei den Buchstabenpaaren: HSK (Hilfe sie kommen) oder EN (Europas Nieten), natürlich auch BM (Baader-Meinhof), oder bei Zahlen wie den 40ern teils schon 50ern (unsere Geburtsjahre) oder 29 (der große Crash, auf dessen Wiederholung wir wohl oder übel glaubten warten zu müssen, um auf unserem Langen Marsch im Kampf mit dem V-Träger doch noch einmal „Oberwasser zu bekommen“, wie unsere Oma gesagt hätte) – oder eben 20 (Rote Ruhr-Armee). Einzelnen auch wurde es plötzlich heiß unter der Haut bei Kombinationen, die sie zur Chiffrierung verwendet hatten. Geredet wurde morgens nicht, außer den kurzen Tipps für die Schleichwege, die lakonisch wie für die Handhabung von Maschinen ausgetauscht wurden: Fahr durch den Parkplatz durch, er zieht sich um die Ecke vom Arbeitsamt, du kannst hinten wieder raus auf die Verbindung, das spart 2 Ampeln. Notiert wurde morgens erst recht noch nicht, obwohl wir unsere diversen kleinen Notizbücher und Zettelblöckchen, auf deren Eintragungen sich dieser Text stützt und auf deren Basis er montiert ist, stets bei uns trugen und oft genug auf den Werksklos hastig weiter vollschrieben. Als wir bei Nord-Süd-Achse der Razzia in den Alten Gärten gefilzt wurden (und das ist keine schrille Zukunftsmusik, sondern vor kurzem bereits passiert), wurden bei jedem von uns im Schnitt 3 Notizheftchen beschlagnahmt und nach Begriffen wie „Tui“, „Azuvitui“, „Chaoten“ oder „Rote Ruhr-Armee“ durchforscht, was alles an seinem Ort berichtet werden wird.

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