Karl Hermann Limberg

Vom Baum meiner Jugend
(aus: Weggefährten aus dem Ruhr-Wupper-Raum, 1962, Verlag Baltin, hrsg. von Hans Schulz)

Heute Morgen, als ich über grau umhauchte Höhen her die Glocken läuten hörte, entsann ich mich lebhaft der Sonntage, an denen ich mit meinem Vater in der Frühe durch die Wälder und Felder der Heimat wanderte. Seine Liebe zur Natur begleitete meine Schritte und lenkte meine Augen auf all die Schönheit nngsumher. Und ich ging still und hingegeben an seiner Hand. Ich fühlte, wenn auch noch unklar, daß der Vater mir ein weites Reich erschloß. In ihm sollte mir später unend­liche Freude und viel, sehr viel Trost für Schmerzen und Wunden sprießen.

Meist kehrten wir auf unserem Heimweg bei einem kleinen Bauern ein. Er bewohnte mit seiner Frau ein winziges Haus auf Bergeshöhe. Durch die zweigeteilte, grüne Türe tretend, emp­fing uns ein gepflasterter Flur, aus dessen Dämmerung uns Messing- und Kupferkannen und Eimer und Töpfe entgegen­blinkten. Ein warmer Dunst von Heu, Dung und Milch umfing uns. Eine schmale Türe links führte in den Wohnraum. Weiß gescheuert leuchteten Tisch und Fußboden. Dieser war mit weißem Sand bestreut, in den Figuren hineingestrichen waren. Auf den Bänken der winzigen Fenster standen üppig blühende Geranien, Fuchsien und Goldlack. Eine Ecke des Raumes füllte ein Glasschrank aus, der mit seinen bunten Tellern, Tassen und Andenken meine Blicke anzog. Ein schwarzer Kanonenofen kochte die Sonntagsuppe; und es roch nach Fleisch, Suppengrün und Safran. Auf der Anrichte summten in einem mit Essig gefüllten Glas todgeweihte Fliegen. Aber im Zimmer schwirrten noch unzählige umher. Und wenn ich nicht schnell mein Butterbrot aß und meine Milch austrank, belästigten mich Hunderte von ihnen.

Mich litt es nicht lange bei den Alten. Es trieb mich hinaus; denn draußen im Garten zog mich etwas Unheimliches an: Der Pütt, ein dreieckig überdachter Ziehbrunnen, öffnete man das Türchen, so quoll feucht-kalte Luft herauf. Der Blick sank in eine schwarze, rätselhafte Tiefe. Von einer, mit einem Schwengel versehenen Walze lief ein Seil nach unten, an dem der Schöpfeimer hing.

Immer wieder lugte ich ängstlich und doch neugierig in die Tiefe. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken: Kamen da nicht Molche und Salamander den feucht glänzenden Schacht herauf? Glotzten mich nicht feurige Augen an? Stumm und unheimlich ruckten die Tiere näher. Hastig schlug ich das Türchen zu und sprang zurück in die Sonne. Aufatmend trat ich zu meinem alten Freund, einem Knapp­kirschenbaum. Trotzig und vor Alter krumm und gichtig stand er mitten in einem Gewirr von Sträuchern und Stauden. Blau­schwarz glänzten im Frühsommer die Früchte aus dem spärlichen Grün. Er war ein offenes Wirtshaus: Die Vögel flogen bei ihm ein und aus. Er ließ sie lächelnd gewähren. Er war ja reich. Glücklich war ich, wenn ich einige Zweige mit heimnehmen durfte. Mir war, als hätte mir ein guter Mensch etwas Liebes für den Heimweg in die Hand gedrückt.

Solcher Bäume haben nicht viele an meinem Wege gestanden. Darum auch muß ich seiner ganz besonders gedenken. Freude hat er geweckt und Dankbarkeit erfahren. Er wußte, daß ich ihn liebte. Ernst und flüsternd überragte er die niedere Um­gebung und glich meinem kindlichen Wunsch: einmal auch etwas Großes und Bedeutendes zu sein. Reich, wie er, wollte ich sein. Schenken und beglücken, wie er, wollte ich. Wie oft habe ich als Knabe unter ihm gestanden oder gelegen. Meine Augen pflückten grübelnd Träume aus seinen bewegten Zweigen. Sein Schatten war im Sommer eine kühle Hülle. Im Winter aber griffen seineÄste trotzig in den grauen Himmel. Er schüttelte unwillig den Schnee von seinen Gliedern und lachte dem frostkalten Wind mutig ins Gesicht. Was tief in ihm heimlich wirkte, das wußte nur er: denn in den alten, steifen Gliedern spürte er ein Ziehen und Saugen und geheimnisvolles Werden. Und eines Tages im Frühjahr sprangen Blatt- und Blütenknospen aus den nackten Asten. Und eines Morgens hatte er sein weißes Blütenkleid angezogen. Schüchtern stand er zuerst da. Er schämte sich seines Schmuckes wegen seines Alters. Doch bald fand er, daß ein junges Herz das Alter nur verschönen kann. Da lachte er und schüttelte sein Kleid, daß der Goldstaub ihn umwölkte.

Du Baum meiner Jugend, längst hat dich die Axt nieder­geworfen. An deiner Stelle macht sich nur niederes Gesträuch breit. Ich aber, an jenem Ort vorübergehend, sehe dich immer noch, wie auch das Häuschen sich noch am Wege duckt. Über seine Schwelle hat man den Besitzer und seine Frau längst

hinaus- und auf den nahen Friedhof getragen. Nicht allein an deine Wurzel wurde die Axt geschlagen: auch die Menschen, für die du blühtest und Frucht trugst, hat der Tod umgelegt. Nur ging es bei ihnen stiller und ohne Splitter ab. Aber weichen mußten auch sie dem neuen Geschlecht.

Wer weiß, mein Baum, vielleicht trägst du jetzt als Wiege eine Menschenblüte, deren du dich im höchsten Alter nicht zu schämen brauchst. Dem kräftiges Holz wird in den Schlummer des kleinen Wesens von Lenz, Sommer, Herbst und Winter singen; von Vogellied und Blütenfall, von Sonne und Regen, Wind und Sturm. Dann wird vielleicht der rosige Mund lächeln und dich beschenken.

Du bist das Wahrzeichen meiner Jugend und der Hort meiner stillen Gedanken. Du hast dein Lied so tief und stark in mich hineingesungen, daß es seitdem aus mir klingen muß. Ich danke dir dafür, mein lieber Baum.

Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung von Michael Limberg