Ein vermeintlicher Herr von Feng Li, 2009, Ostasien

Feng Li

Ein vermeintlicher Herr
(Leseprobe aus: Ein vermeintlicher Herr, Roman, 2sprachig, 2009, Ostasien-Verlag/Reihe Phönixfeder - Übertragung Ulrich Kautz)

„Da draußen ist es jetzt gerade ziemlich leer, die hocken alle noch im Konferenzraum und quatschen.“ Mit diesen Worten stellte Yu die Tasche in die Ecke gegenüber meinem Schreibtisch.

All dies – Yu Kuis eunuchenhaft unterwürfiges Lächeln, jene altmodische schwarze Reisetasche, die Vorahnung seiner nächsten Worte – drohte mich zu ersticken, als hätte jemand die Traurigkeit, die mich nach dem Telefonat mit meiner Frau überkommen hatte, zusätzlich noch mit scharfem Senf überzogen und sie so in Verzweiflung verwandelt.

„Alles gute Dinge! Die nehmen Sie dann mit nach Hause“, sagte Yu Kui, dessen Gesichtsausdruck bei diesen Worten mich schlagartig an meinen vor vielen Jahren verstorbenen Vater denken ließ. Doch Yu war nicht mein Vater, hatte nicht das Geringste mit ihm zu tun. „Schaff das Zeug weg! Sonst brauchst du dir für den Rest deines Lebens keine Hoffnung auf eine Wohnung zu machen“, zischte ich wutentbrannt. Ich wartete einen Moment, und dann ergriff Yu ohne ein weiteres Wort die Reisetasche und verschwand ebenso heimlichtuerisch wie er gekommen war.

Ich empfand keinerlei Bedauern über meine Kaltherzigkeit. Yu Kuis Benehmen hatte mich an einen Büroleiter erinnert, mit dem ich als stellvertretender Kreisvorsteher zu tun gehabt hatte.

Diesem Mann war ein kleiner Fauxpas unterlaufen: Er hatte auf dem Spruchband, das beim Begrüßungsbankett zu meinen Ehren im Saal angebracht war, meinen Namen verkehrt geschrieben. Unvergesslich blieb mir aber nicht der Lapsus selbst, sondern die Art, wie er sich am nächsten Tag dafür bei mir entschuldigte. Zerknirscht wäre nicht das richtige Wort, um seinen Gesichtsausdruck zu beschreiben, er sah vielmehr verzweifelt aus, wie ein Mensch, den eine Existenz bedrohende Katastrophe zu überrollen droht. Diese Miene hätte wohl niemand mit jenem belanglosen Irrtum des Mannes in Verbindung gebracht; die nackte Panik, die aus ihr sprach, hätte eher auf ein ungeheuerliches Verbrechen schließen lassen, dessen er sich schuldig fühlte.

(...)

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