Die versunkene Welt von Klaus-Jürgen Liedtke, 2008, EichbornKlaus-Jürgen Liedtke

Otto Steinke
(Leseprobe aus: Die versunkene Welt, Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute, 2008, Die Andere Bibliothek, Eichborn).

Kam man den Weg von Eszerienen herauf, ging in nordöstlicher
Richtung und zweigte ab, linker Hand vorüber
am Roten Bruch, eine leichte Steigung hinan, so tat sich
plötzlich der Wald auf, und hinter hügeligen Feldern lag
eine Ansammlung von Höfen, ein Dorf. Ineinandergeschachtelt
standen um die sechs Hofplätze Schuppen,
Ställe und Wohnhäuser. Inmitten zog sich die Dorfstraße
hin, kopfsteingepflastert und leicht abschüssig
wie auf einem schiefgehaltenen Handteller. Von Eszerienen
kommend, bog man beim Gehöft von Kerschowskis
ums Eck, sah zu beiden Seiten das Anwesen von Thedor
Pauluhn, mit dem Wohnhaus zur Rechten, gefolgt
von Schettlings Geviert und gegenüber den Gebäuden
von Otto Pauluhn und von Ranglacks, bis zur Biegung
nach Alt-Kermuschienen, und hier, am Dorfausgang, lag
Steinkes Besitz.
Kermuschienen hieß soviel wie »Bärlauchort«, der
Name entstammte dem Pruzzischen. Wuchs denn dort
Bärenlauch? Es roch zuweilen sehr streng, wie nach Aas,
in Steinkes Wald, mehr links zu, hinter dem Blockhaus
am Hang. Seidelbast, Waldmeister wuchsen.
Der Otto Steinke braute sich eine Mischung aus Spiritus
und Honig oder machte Ameisenspiritus, legte eine
Flasche leer in einen Ameisenhaufen, bis die Ameisen
hineinkrochen, und goß mit Brennspiritus auf, auf die
lebendigen Ameisen. Nach längerem wurde abgesiebt.
Furchtbar scharf war das, zum Einreiben, die reine
Ameisensäure.
Ein Kribbelkopf war er, stets ging er zu Fuß, alle
Wege, selbst die achtzehn Kilometer bis zum Ernst, als
der Sohn schon verheiratet war und fort von zu Haus.
Einen Krückstock in die Hand, und er zog los. Für das
Pferd hatte er sich ein Roßwerk gebaut, ein Pumpwerk
mit einem Pferd, das immer im Kreis lief. Er aber lief
geradeaus, immer drauflos. Auch zur Kirche ging er
immer schon vor; während die anderen noch Vorbereitungen
trafen, mit der Kutsche zu fahren, sagte er bloß:
»Eck goah all, met ju foahr eck nich«, und fort war er.
Der Otto Steinke war ziemlich groß und die Wilhelmine
ein Knubbelchen, und sie lebten wie ein Ehepaar
aus der Bibel bei Paulus, das am selben Strang zog. Mal
fuhren Steinkes, alle in Pelzdecken gewickelt, zur Kirche.
Wilhelmine hatte ein Chenille-Tuch und noch ein
zweites Tuch um die Schulter, zu Weihnachten war das,
und es lag dichter Schnee! Man sah nichts, keine Spur,
nicht Weg, nicht Steg. Alles war weiß. Es stiemte auch
noch, und sie fuhren, mit einem Mal kippte der ganze
Schlitten aus, sie sind die Böschung hinuntergerutscht,
sie mußten sich wieder einsammeln und die Wilhelmine
mit ihren Tüchern aus dem Schnee herausziehen. Im
Schnee auskippen, auskullern, das fanden die Kinder immer
lustig. Sie prusteten los und kicherten und konnten
sich kaum wieder einkriegen.
Vor dem Umzug auf den Seehof nach Alt-Szabienen
wohnten auf Steinkes Hof noch alt und jung zusammen.
Otto und Wilhelmine lebten auf dem Altenteil in einer
Kammer mit Küche und Kachelofen. In den Blumen-
töpfen zog die Wilhelmine, die »Schiensche Oma«, wie
die Enkel sie nannten, immer Goldlack und Myrten. In
einem Bilderrahmen hingen die Familienphotos in einer
Reihe nebeneinander. Es war kaum zu treten, so eng war
es zwischen Tisch, Chaiselongue und den Betten, im
Schlafzimmer kam man kaum durch, alle Kinder schliefen
bei ihnen mit. Drei Kinder vom Albert waren schon
geboren, der Hubert, die Ruth und der Hans, nur der
Siegfried noch nicht. Wenn schlecht Wetter war, haben
die Kinder Schnüre gezogen vom Bettfuß zum Tischfuß,
daß die Oma bald gar nicht hineinkam. Aber sie hat sie
das alles immer tun lassen, so gutmütig war sie. Mit diesen
Schnüren spielten die Jungen bei ihr Weidegärten,
die bauten sie sich aus Stöckchen, kaum konnte man auftreten,
ohne daß die Kühe, das waren Eicheln, oder die
Pferde, das waren Kastanien, ins Freie gelassen oder zertrampelt
wurden. Dabei saß die Oma auf ihrem Sessel
vor dem Spinnwocken, hat die Wolle gekämmelt und gesponnen
oder Strümpfe gestrickt und Fausthandschuhe.
Jedes Enkelkind sollte immer ein Paar haben, darin war
sie unermüdlich. Und Strümpfe und Handschuhe hat sie
beflickt, auch wenn sie noch fast neu waren, dann wurde
ein Flick gemacht, daß es wärmer war, immer hat sie
geflickt und gestöhnt: »Ich armes Flickerweib.« Auf die
andere Oma war sie nicht gut zu sprechen, weil die
immer die feineren Sachen machte, während sie bloß das
Alte flickte. Oft hatte sie ihr Liederbuch neben sich liegen
und sang leise vor sich hin. Dann wieder nahmen
die Kinder Bauklötze und Zinnsoldaten und stellten sie
in zwei Fronten gegeneinander, verschanzten sich mit
ihren Soldaten hinter den Bauklötzen und schossen mit
Kastanien aufeinander. Einen ungeheuren Lärm konnte
das machen, aber die Oma hat das rein gar nicht gestört.
Der Otto hielt sich mehr für sich und hatte nie
Zeit. Er las immer eine Zeitschrift mit gelbem Deckblatt,
»Zions Bote« oder »Bote Zions«, so wie auch den
»Wandsbeker Boten«. Für die Kinder hat er Spielsachen,
kleine Wagen gebastelt. Meist beschäftigte er sich im
Schauer, wo Holz herumlag und wo er sein Werkzeug
hatte. Dann war er in seinem Element, hat alles zurechtgemacht,
repariert und in Gang gehalten. Und die Kinder
haben manches von ihm gelernt oder sich abgeschaut.
Eigentlich war der Otto Steinke ein Bauer wie jeder
andere, nur handwerklich geschickter, er hatte Müller
gelernt. Jedenfalls hat er die Mühle gebaut, am Drosselberg,
wo Weideland war, ein Stück oberhalb vom Friedhof,
er hat im Dorf den Brunnen gebaut und die Drainage,
hat die Rohre gelegt bis in die Küche und in den
Stall. Im Winter, wenn das Vieh im Stall war, wurde bis
dorthin gepumpt. Das Pferd im Roßwerk war mit der
Zeit so schlau, daß es überhaupt keinen Führer mehr
brauchte. Da konnten sie ruhig weggehen, wenn sie das
eine Pferd, das ältere, eingespannt hatten. Wenn das läuten
hörte, stand es von allein, das brauchten sie bloß abzuspannen
und wieder heimzubringen. An der Veranda
vor dem Haus hing eine Pflugschar und daneben ein
Hammer. Wenn gehämmert wurde, stand das Tier still.
Auch wenn das Faß in der Küche voll war, haben sie bloß
drangeschlagen.
Der Otto Steinke hat nur den Mahlbetrieb gemacht.
Armin Stenzel aus Ballupönen war ein Jahr bei ihm
Knecht, wurde krank, kriegte schwere Füße, war in Darkehmen
in Gips ein halbes Jahr, darauf wurde das Dienstverhältnis
gelöst. In dieser Zeit kam der Neffe, der Alfred
Stenzel, zum alten Steinke ins Dorf. Und wenn
Wind war, haben sie gemahlen, in der Mühle oben, am
Fuße des Drosselbergs. Die andere Mühle, am Schulweg,
rechts vom Weg, wo es früher zur Försterei ging, gehörte
dem Franz, und die stand meist still. Das war bloß
eine Schrotmühle, die kleinere. Eine Bockmühle zwar, es
waren drei, vier Mann nötig, um die ganze Mühle in den
Wind zu drehen, unten an einer Deichsel, die Flügel jedoch
waren starr. Die größere hingegen war eine Kopfmühle,
es wurden nur oben die Flügel gedreht, der obere
Teil war schwenkbar mit einem Griff, dem Sterz, den
konnte der alte Steinke nach Belieben hin- und herführen.
Und die Mühle stand fest, nur oben die Flügel bewegten
sich.
Wie er die baute? Naturtalent kann das nicht gewesen
sein. Er hat erzählt, daß er gewandert ist, nicht nur
bei ihnen zu Hause, auch über Land in Pommern und
Mitteldeutschland. Wie er zurückkam, da hatte er etwas
gelernt. Vielleicht war er auch in einem Betrieb gewesen,
zwei, drei Jahre, und hat gelernt, Sämaschinen zu reparieren?
Jedenfalls, für einen Bauern war er ziemlich beschlagen.
Er ist zurückgekommen und hat geheiratet, die
Wilhelmine Zielich aus Gudwainen im Kreis Gumbinnen,
der Hof aber gehörte damals noch seinem Vater,
dem Gottlieb Steinke. Also baute er erst den Brunnen
fürs Dorf und dann die Mühle für sich. Vom Mühlenberg
aus konnte man bis nach Goldap sehen, an die zwanzig
Kilometer weit. Bei Sturm sahen sie hinter Rogahlen,
Groß Jahnen, Matzwolla oft Sand und Staub aufwirbeln
und mülmen, dann flog denen wieder die halbe Landwirtschaft
davon.

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