Äpfel aus der Wüste von Savyon Liebrecht, 2003, Personaverlag

Savyon Liebrecht

Äpfel aus der Wüste
(Leseprobe aus:
Äpfel aus der Wüste, Erzählungen, 1986/2003, Personaverlag - Übertragung Stefan Siebers)

Den ganzen Weg von Scha’are Chessed in Jerusalem bis hin zur großen sandigen Ebene, wo der Fahrer, sie im Rückspiegel suchend, „Newe Midbar" verkündete, konnte Victoria Abravanel an nichts anderes denken; ihr Herz war aufgewühlt, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Viermal stieg sie um, in Autobusse, die in Stationen einfuhren und sie wieder verließen; immer wieder löste sie ihr Kopftuch, das wild im Wind flatterte, und band es von neuem; aus ihrem Korb holte sie in braunes Papier eingewickelte Brote und einen Apfel hervor, dessen Inneres verdorben war; sie sprach, wie die Gebote es vorschreiben, ein Gebet für die Reise und eins über das Obst und ärgerte sich über die Leute neben ihr, die sie unentwegt anstießen. Ihr Blick war auf die sich gelb färbende Landschaft gerichtet, die vor ihr lag, und ihr Herz auf Rivka, ihre widerspenstige Tochter, die vor einem halben Jahr das Viertel verlassen hatte, um in einen atheistischen Kibbuz zu ziehen. Erst vor kurzem hatte sie von ihrer Schwester Sara erfahren, daß Rivka das Zimmer mit einem jungen Mann teile, in dessen Bett sie schlafe und mit dem sie umgehe, als wären sie Mann und Frau.

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