Madame von Antoni Libera, 2000, dtv

Antoni Libera

Madame
(Leseprobe aus: Madame, Roman, 1998/2000, dtv - Übertragung Karin Wolff).

Unverheiratet... Klar, aber Fräulein oder geschieden? (Witwe zog man überhaupt nicht in Betracht.) Wenn sie geschieden war, wer und was war dann ihr Mann gewesen, und weshalb hatten sie sich getrennt? Und wer hatte wen verlassen? Wenn sie ihn verlassen hatte, was mochte dann der Grund dafür gewesen sein? Unverträglichkeit der Charaktere, unterschiedliches Temperament? War ihr Mann zu aufdringlich gewesen oder eher zu lasch? Vielleicht hatten sie sich ja auch wegen einer dritten Person getrennt? Hatte sie jemanden gefunden? Wenn ja, unter welchen Umständen? Und so weiter und so weiter, sämtliche möglichen Varianten.
Da gabs aber auch noch die andere Option: nicht geschieden, sondern ein Fräulein, und das war noch viel aufregender!
Ein Fräulein... Dreißig Jahre alt! Pah, weit über dreißig! War sie dann noch Jungfrau? Irgendwie wollte man das nicht glauben. Also, wie hat das angefangen? Wann und mit wem und wo? Während des Studiums? In den Ferien? Im Studentenheim? Danach sah es nicht aus. Vielleicht doch eher unter komfortablen Umständen - im Hotel, in einem Appartement, in einer eleganten Wohnung? Und wie sieht die Sache jetzt aus? Die Häufigkeit. In "wilder Ehe", aber wenigstens mit einem einzigen? Oder hatte sie nur kurze Abenteuer mit immer anderen Partnern? Mußte sie dann nicht fürchten, letztendlich schwanger zu werden? Davor wurde doch so gewarnt. Ob sie sich irgendwie schützte? Wie? Du liebe Güte, wie?
Auch eine andere Frage bewegte die Gemüter und wurde aufs lebhafteste diskutiert, und das war ihre vermeintliche Parteizugehörigkeit, in Wahrheit hatte auch hier niemand Beweise für irgend etwas, wenn auch in diesem Fall die Zweifel eher weniger angebracht schienen. Es kam beinahe nie vor, daß der Direktor einer Schule nicht der Partei angehörte.

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © dtv