Marina
Lewycka
Kurze Geschichte
des Traktors auf Ukrainisch
(Leseprobe aus: Kurze Geschichte des Traktors auf
Ukrainisch, Roman, 2006, dtv -
Übertragung Elfie Hartenstein)
1. Zwei Anrufe und eine Beerdigung Zwei Jahre nach
dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde
geschiedene Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig.
Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes
Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an
die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern.
Mit einem Anruf fing alles an. Mein Vater krächzt mit vor Erregung zittriger
Stimme in die Leitung: »Gute Neuigkeiten, Nadeshda! Ich heirate!« Ich weiß
noch, wie mir schlagartig heiß wurde. Das kann doch nicht sein Ernst sein! Hat
er nicht mehr alle Tassen im Schrank? Dreht er auf seine alten Tage jetzt durch?
Aber ich sage nur: »Freut mich, Papa.« »Ja. Sie hat einen Sohn und kommt aus
der Ukraine. Aus Ternopil.« Aus der Ukraine. Er denkt an früher, an blühende
Kirschbäume und den Duft von frisch gemähtem Gras, und seufzt. Ich dagegen spüre
den Synthetik-Hauch des neuen Russland. Sie heißt Valentina, erzählt er. Aber
sie erinnert eher an eine Venus. »Die den Fluten entsteigende Venus von
Botticelli. Du weißt schon: goldenes Haar, wunderschöne Augen, fantastischer
Busen. Wenn du sie siehst, verstehst du, was ich meine.« Die erwachsene Frau in
mir ist nachsichtig. Süß, so ein letztes spätes Liebesglühen. Die Tochter in
mir ist beleidigt. Verräter! Alter geiler Bock! Mutter ist gerade mal zwei
Jahre tot. Ich bin wütend, aber auch neugierig. Diese Frau, die meine Mutter
verdrängt, möchte ich sehen. »Klingt ja toll. Wann kann ich sie kennen
lernen?« »Wenn wir verheiratet sind.« »Findest du nicht, es wäre besser,
wenn wir sie vorher zu Gesicht bekämen?« »Warum denn? Ihr heiratet sie doch
nicht.« (Es ist ihm also klar, dass da etwas nicht ganz in Ordnung ist, aber
offenbar meint er, er käme damit durch.) »Hast du dir das wirklich gut überlegt,
Papa? Es kommt mir etwas überstürzt vor. Ich meine, sie muss doch auch um
einiges jünger sein als du?« Ich moduliere meine Stimme sehr sorgfältig,
versuche mein Missfallen nicht durchklingen zu lassen – wie eine welterfahrene
Erwachsene, die auf einen liebestollen Jüngling einredet. »Sechsunddreißig.
Sie ist sechsunddreißig und ich bin vierundachtzig – was soll’s?« (»Was«
klingt bei ihm immer wie »fass«.) Die Art, wie er mir das hinblafft, zeigt
deutlich, dass er auf diese Frage gewartet hat. »Ziemlich großer
Altersunterschied …« »Dass du so spießig bist, hätte ich nicht erwartet.«
»Was?« Jetzt drängt er mich in die Defensive. »Nein, ich meine doch nur …
es könnte Probleme geben.« Papa meint, nein, es wird keine Probleme geben. Er
hat alles genau bedacht. Er kennt Valentina seit drei Monaten. Sie ist mit einem
Touristenvisum gekommen, um ihren Onkel in Selby zu besuchen. Sie will mit ihrem
Sohn im Westen ein neues Leben beginnen, ein schönes Leben mit einem guten Job
für gutes Geld und mit einem schönen Auto – auf gar keinen Fall ein Lada
oder ein Skoda – und mit einer guten Ausbildung für den Sohn,
Oxford/Cambridge, mindestens. Sie selbst hat ja im Übrigen auch eine gute
Ausbildung. Einen Abschluss in Pharmazie. Damit kann sie hier ohne weiteres eine
gutbezahlte Stelle finden, wenn sie erst richtig Englisch spricht. Bis es so
weit ist, gibt er ihr Unterricht, und sie hält ihm das Haus in Ordnung und kümmert
sich um ihn. Sie setzt sich ihm auf den Schoß und lässt ihn ihre Brüste
streicheln. Sie sind glücklich miteinander. Habe ich richtig gehört? Sie hockt
auf Papas Schoß und er fummelt an ihrem Botticelli-Busen herum? »Tja«, sage
ich ganz ruhig, auch wenn ich innerlich vor Wut koche, »das Leben ist voller Überraschungen.
Ich hoffe bloß, dass alles glatt geht. Aber schau, Papa« – jetzt wollen wir
mal Klartext reden –, »ich verstehe zwar, warum du sie heiraten willst. Aber
hast du dich auch mal gefragt, warum sie dich heiraten will?« »Tak, tak.«
(Ja, ja.) »Pass, Visum, Arbeitserlaubnis – fass soll’s?« Seine Stimme krächzt
verdrießlich. Doch, er hat alles bedacht. Sie kümmert sich um ihn, wenn er älter
und gebrechlicher wird. Er gibt ihr ein Dach überm Kopf und teilt seine kleine
Rente mit ihr, bis sie ihren gutbezahlten Job findet. Ihr Sohn – der im Übrigen
ein außerordentlich begabter Junge ist, ein Genie sozusagen, sogar Klavier
spielen kann er – bekommt eine englische Erziehung. Abends werden sie über
Kunst und Literatur und Philosophie diskutieren. Sie ist eine kultivierte Frau,
keine Quasseltante vom Land. Übrigens hat er sie auch schon gefragt, was sie
von Nietzsche und Schopenhauer hält, und sie ist, was die beiden betrifft,
absolut seiner Meinung. Und wie er selbst ist sie voll und ganz für den
Konstruktivismus und kann den Neoklassizismus nicht leiden. Sie haben viele
Gemeinsamkeiten. Für eine Ehe ist das eine gute Grundlage. »Aber meinst du
nicht, Papa, dass es für sie besser wäre, jemanden zu heiraten, der ihr
altersmäßig etwas näher ist? In der Behörde merken sie doch, dass es sich um
eine Zweckehe handeln wird. Die sind doch nicht auf den Kopf gefallen.« »Hmm.«
»Und dann wird sie vielleicht in die Ukraine zurückgeschickt.« »Hmm.« Daran
hat er nicht gedacht. Es nimmt ihm einen Moment lang den Wind aus den Segeln,
aber vom Kurs bringt es ihn noch lange nicht ab. Er ist ihre letzte Hoffnung,
erklärt er mir, ihre einzige Chance, um der Verfolgung, dem Mangel und der
Prostitution zu entkommen. Das Leben in der Ukraine ist zu hart für ein so
zartes Wesen. Er liest doch die Zeitungen, und was da berichtet wird, ist
schrecklich. Es gibt kein Brot, kein Toilettenpapier, keinen Zucker, keine
Kanalisation, das ganze Staatswesen ist korrupt, und Strom gibt es auch nur ab
und zu. Er kann doch nicht eine wunderbare Frau wie sie zu so einem Leben
verdammen? Er kann doch nicht einfach auf der Sonnenseite an ihr vorbeigehen? »Versteh
doch, Nadeshda, ich bin der Einzige, der sie retten kann.«
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