Am Sonntag will Gott zu Atem kommen von Sünje Lewejohann, 2005, DuMont

Sünje Lewejohann

Am Sonntag will Gott zu Atem kommen
(Leseprobe aus: Am Sonntag will Gott zu Atem kommen, Roman, 2005, DuMont)

Als Ben das Kind aller war, flüsterten auf Munk die Stimmen. Es flüsterte hinter vorgehaltenen Händen und es zischte an den Kuppen der Finger. Es hieß, die Liebe sei nichts als ein unsichtbarer Esel, der den Leuten auf den Rücken springt und sich von ihnen tragen lässt. Man flüsterte hinter den Fenstern und durch Blüten hindurch, die Lippen dicht an den Blättern. Und was geflüstert wurde, das war: „Prügel ihn blau, der rührt sich nicht. Zieh ihm das Fell ab, reiß an seinen Nüstern, verbrenn ihm die Hufe, nichts geschieht, nichts.“ Man strich mit den Füßen über die ausgefahrene Straße. Spurrinnen genau dort. Strümpfe, Schlitzhosen aus Cord und auf den Köpfen nichts als kurzgeschorenes Haar. „Brenn ihm die Seele raus. Du wirst sehen: nichts.“ Als später dann die Flüsterer um Ben still wurden, durchschritt er das Dorf, aber niemand sah ihm nach und Munks Liebe schien verschwunden. Ben hätte glauben können, er selber sei der Esel geworden, unsichtbar und störrisch. Mit einem Schädel, in dem es dunkel ist.

Munk liegt im Blauen. Und es liegt im Wind. Die Sonne schleift es. Oben Himmel, unten Lehm und Steine. Munk ist eine Halbinsel, gegen die Förde gelehnt und auf der anderen Seite gegen die Bucht. Links und rechts drückt das Wasser. Munk wird jeden Tag kürzer und dünner. Vorne ist Munk mit dem Land verbunden und hinten treffen sich die Längsseiten in einem Zipfel. Munk hat eine Bucht, die Munkerbucht heißt, und das Dorf auf Munk heißt auch Munk, die Landspitze heißt Munkspitze, der Strand heißt Munkstrand, und die Felder heißen Munkacker. Munk ist ins Blaue hinein gemacht. Es liegt weit ab. Auch wenn man dort ist, liegt es weit ab. Es liegt unter Hochspannungsleitungen und zwischen endlosen Knicks. Es hat eine Kirche aus gestohlenen Steinen, eine mickrige Brandung, Wollgras, einen Findling nahe der Steilküste, den man jetzt Eselstein nennt, weil darauf die Worte stehen: Hier ertrank im Sommer der Esel, worauf Ben erwidern würde, das sei kein Esel gewesen, sondern ein Pferd, ein graues zwar mit einem gespaltenen Huf, aber dennoch ein Pferd. Und das hört man am Rande, im Vorbeigehen vielleicht, während da der Geruch ist von Tang und Lehm, und man wünscht sich möglicherweise anderswohin, ist aber schon mittendrin, in Munk. Dann hört man das komische Schwappen der Wellen, und darin spiegelt sich kein Licht, und man denkt daran, dass die Leute im Wasser dieser Förde Vorräte kühlten und verschimmeln ließen und man denkt daran, dass es auf Munk mal einen gab, den sie besonders liebten.
Munk liegt im Ostwind. Munk liegt da, wo Ben sich auf die Brust zeigt und sagt: „Ich wars.“ Denn man bleibt nicht immer das Kind aller, das weiß Ben. Das weiß auch Munk, das wissen die Leute auf Munk. Sie wissen, dass alles mal aufhört. Und das tut es. Das tut es zum Beispiel jetzt, da Ben seinen Kopf auf Astas Schoß legt und sagt, dass das Kind aller eine Krone tragen müsse, worauf Gregor die Augen verdreht und Asta von der Seite ansieht.
Da ist der Strand schwarz von Steinen. Da sind lang gewordene Grashalme, die kreisenden Vögel und ins Land hinein Betonställe, aus denen es vor der Fütterung schreit. Da sind die eingesperrten Hunde in den Silos, das Tapsen der Pfoten auf dem Beton. Man hört es genau im Wind. Oder man glaubt es zu hören, weil man davon weiß. Man weiß das eben. Und man weiß auch, dass Ben sein Leben auf einem Pferd mit gespaltenem Huf verbracht hat, während Asta und Gregor meistens bei den Hunden blieben.

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