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Die Atempause
(Leseprobe aus: Die Atempause, Roman, dtv
- Übertragung Barbara Picht und Robert Picht)
In den ersten Januartagen 1945
hatten die Deutschen unter dem Druck der inzwischen näher gerückten Roten
Armee in aller Eile das schlesische Kohlebecken evakuiert. Während sie an
anderen Orten unter ähnlichen Umständen nicht gezögert hatten, die Lager samt
ihrer Insassen zu verbrennen oder durch Waffengewalt zu vernichten, verfuhren
sie im Bezirk Auschwitz anders: Auf Befehl von oben (offenbar von Hitler persönlich
diktiert) mußte jede arbeitsfähige Person, koste es, was es wolle, »geborgen«
werden. Alle gesunden Häftlinge wurden deshalb unter grauenhaften Umständen
nach Buchenwald und Mauthausen evakuiert, während man die Kranken sich selber
überließ. Es gibt verschiedene Anzeichen für die Annahme, daß die Deutschen
ursprünglich die Absicht hatten, keinen einzigen Menschen lebend in den
Konzentrationslagern zurückzulassen; aber durch einen massiven nächtlichen
Luftangriff und die Geschwindigkeit des russischen Vormarsches wurden sie
veranlaßt, ihre Absicht zu ändern, ihr Werk unvollendet zu lassen und, ohne
ihre Pflicht erfüllt zu haben, die Flucht zu ergreifen.
Wir waren etwa achthundert, die im Krankenbau von Buna-Monowitz zurückblieben.
Davon starben ungefähr fünfhundert infolge ihrer Krankheiten, erfroren oder
verhungerten, noch ehe die Russen kamen, und weitere zweihundert starben trotz
aller Hilfe in den unmittelbar folgenden Tagen.
Die erste russische Patrouille tauchte gegen Mittag des 27. Januar 1945 in
Sichtweite des Lagers auf. Charles und ich entdeckten sie zuerst: Wir waren
dabei, die Leiche Sómogyis, des ersten, der aus unserem Raum gestorben war, in
das Massengrab zu transportieren. Wir kippten die Bahre auf dem zertretenen
Schnee aus, denn da das Grab inzwischen voll war, gab es keine andere Begräbnismöglichkeit.
Charles nahm die Mütze ab, um die Lebenden und die Toten zu grüßen.
Es waren vier junge Soldaten zu Pferde; vorsichtig ritten sie mit erhobenen
Maschinenpistolen die Straße entlang, die das Lager begrenzte. Als sie den
Stacheldrahtzaun erreicht hatten, hielten sie an, um sich umzusehen, wechselten
scheu ein paar Worte und blickten wieder, von einer seltsamen Befangenheit
gebannt, auf die durcheinanderliegenden Leichen, die zerstörten Baracken und
auf uns wenige Lebende.
Sie erschienen uns auf wunderbare Weise körperlich und wirklich, hoch oben (die
Straße lag höher als das Lager) auf ihren ungeheuren Pferden zwischen dem Grau
des Schnees und dem Grau des Himmels, regungslos unter den Tauwetter verheißenden
Windstößen. Es schien uns, als hätte das vom Tod erfüllte Nichts, in dem wir
seit zehn Tagen wie erloschene Sterne kreisten, ein festes Zentrum bekommen,
einen Kondensationskern, und so war es wohl auch: vier bewaffnete Männer, aber
nicht gegen uns bewaffnet: vier Friedensboten mit bäuerischen, kindlichen
Gesichtern unter den schweren Pelzmützen.
Sie grüßten nicht, lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus
Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloß
und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt. Es war die gleiche
wohlbekannte Scham, die uns nach den Selektionen und immer dann überkam, wenn
wir Zeuge einer Mißhandlung sein oder sie selbst erdulden mußten: jene Scham,
die die Deutschen nicht kannten, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld,
die ein anderer auf sich lädt und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie
unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist und weil sein
guter Wille nichts oder nicht viel gilt und ohnmächtig ist, sie zu verhindern.
So schlug auch die Stunde der Freiheit für uns ernst und lastend und erfüllte
unsere Seelen mit Freude und zugleich einem schmerzlichen Schamgefühl, um
dessentwillen wir gewünscht hätten, unser Bewußtsein und unser Gedächtnis
von dem Greuel, den es beherbergte, reinzuwaschen: und mit Qual, weil wir spürten,
daß es nicht möglich war, daß nie irgend etwas so Gutes und Reines kommen könnte,
das unsere Vergangenheit auslöschen würde, und daß die Spuren der Versündigung
für immer in uns bleiben würden, in der Erinnerung derer, die es miterlebt
haben, an den Orten, wo es geschehen war, und in den Berichten, die wir darüber
abgeben würden. Daher - und dies ist das ungeheuerliche Privileg unserer
Generation und meines Volkes - hat niemals jemand besser als wir die unheilbare
Natur der Versündigung begreifen können, die sich ausbreitet wie eine
ansteckende Krankheit. Es ist unsinnig, zu glauben, sie könne durch menschliche
Gerechtigkeit getilgt werden. Sie ist eine unerschöpfliche Quelle des Bösen:
Sie zerbricht Körper und Seele des Betroffenen, löscht sie aus, erniedrigt
sie; sie fällt als Schande auf die Unterdrücker zurück, schwelt als Haß in
den Überlebenden fort und wuchert weiter auf tausend Arten, gegen den Willen
aller, als Rachedurst, als moralisches Nachgeben, als Verleugnung, als Müdigkeit
und als Verzicht.
Diese Dinge, damals nur undeutlich und von den meisten nur als plötzliche Welle
tödlicher Erschöpfung gespürt, mischten sie in unsere Freude über die
Befreiung. Deshalb rannten nur wenige von uns den Rettern entgegen, verfielen
nur wenige ins Gebet. Charles und ich standen nur regungslos neben der von
leichenblassen Gliedern überquellenden Grube, während andere den Stacheldraht
niederrissen; dann gingen wir mit der leeren Bahre wieder zurück, um unseren
Kameraden die Nachricht zu bringen.
Den ganzen übrigen Tag geschah gar nichts, etwas, was uns nicht überraschte
und woran wir seit langem gewöhnt waren. In unserem Raum wurde das Bett des
Toten Sómogyi zum offensichtlichen Abscheu meiner beiden französischen
Kameraden sofort von dem alten Thylle besetzt.
Thylle war, soviel wußte ich damals von ihm, ein roter »Winkel«, ein
deutscher politischer Gefangener und einer der alten Lagerinsassen; als solcher
hatte er aus angestammtem Recht zur Aristokratie des Lagers gehört, hatte keine
körperliche Arbeit verrichten müssen (zumindest in den letzten Jahren nicht)
und hatte von zu Hause Nahrungsmittel und Kleidung erhalten. Aus ebendiesen Gründen
waren die »politischen« Deutschen sehr selten zu Gast im Krankenbau, wo sie außerdem
noch verschiedene Privilegien genossen: darunter das entscheidende, den
Selektionen zu entgehen. Da er im Augenblick der Befreiung der einzige seiner
Art war, hatte ihn die fliehende SS als Blockältesten für Block 20 eingesetzt,
zu dem außer unserem Raum mit lauter hoch infektiösen Kranken noch die
Tbc-Abteilung und die Ruhr-Abteilung gehörten.
Als Deutscher hatte er diese vorläufige Ernennung sehr ernst genommen. In den
zehn Tagen, die das Verschwinden der SS von der Ankunft der Russen trennten,
hatte Thylle, während jeder einen letzten Kampf gegen Hunger, Kälte und
Krankheit führte, seinen neuen Herrschaftsbereich eingehend inspiziert, den
Zustand der Böden und Eßnäpfe und die Zahl der Decken kontrolliert (eine für
jeden, ob er nun lebte oder tot war). Bei eine seiner Visiten in unserem Raum
hatte er sogar einmal Arthur gelobt wegen der Ordnung und Sauberkeit, die er mit
Mühe aufrechterhalten hatte; Arthur, der kein Deutsch verstand und Thylles sächsischen
Dialekt erst recht nicht, hatte ihm geantwortet: »Vieux dégoutant« nd »putain
de boche«; trotzdem hatte es sich Thylle von jenem Tag an zur Gewohnheit
gemacht, jeden Abend in unserem Raum zu kommen - wobei er eindeutig seine
Befugnisse überschritt - und von dem komfortablen Holzeimer, der dort
installiert war, Gebrauch zu machen: im ganzen Lager der einzige, der regelmäßig
in Ordnung gehalten wurde und der in der Nähe eines Ofens aufgestellt war.
(...)
Der Morgen brachte uns die ersten Anzeichen der Freiheit. Es erschienen
(offensichtlich von den Russen geschickt) ungefähr zwanzig polnische
Zivilisten, Männer und Frauen, die sich mit sehr geringem Enthusiasmus daran
machten, Ordnung und Sauberkeit zwischen den Baracken herzustellen und die
Leichen beiseite zu schaffen. Gegen Mittag erschien ein verängstigtes Kind, das
eine Kuh an einem Strick hinter sich herzog. Es gab zu verstehen, daß sie für
uns sei und daß die Russen sie schickten, dann ließ es das Tier los und rannte
davon wie der Blitz. Ich weiß nicht wie, aber in wenigen Minuten war das arme
Tier geschlachtet, ausgenommen und zerlegt und die Stücke in alle Winkel des
Lagers verteilt, wohin sich die Überlebenden verkrochen hatten.
Vom nächsten Tag an sahen wir polnische Mädchen bleich vor Mitleid und Abscheu
im Lager herumgehen. Sie wuschen die Kranken und verbanden, so gut es ging, die
Wunden. In der Mitte des Lagers zündeten sie ein ungeheures Feuer an, nährten
es mit den Trümmern der zerstörten Baracken und kochten darauf in allen möglichen
Gefäßen Suppe. Schließlich, am dritten Tag, sah man einen vierrädrigen
Karren in das Lager einfahren, triumphierend kutschiert von Yankel, einem Häftling:
Er war ein junger russischer Jude, vielleicht der einzige unter den Überlebenden,
und als solcher hatte er natürlicherweise die Funktion eines Dolmetschers und
Verbindungsoffiziers zu den sowjetischen Kommandos übernommen. Unter lautem
Peitschengeknall verkündete er, daß er den Auftrag habe, alle noch Lebenden in
das Stammlager Auschwitz zu bringen, das in ein riesiges Lazarett umgewandelt
worden sei, und zwar in kleinen Gruppen zu dreißig oder vierzig pro Tag, die
Schwerkranken zuerst.
Inzwischen war das Tauwetter eingetreten, das wir seit so vielen Tagen gefürchtet
hatten, und in dem Maße, wie der Schnee allmählich verschwand, verwandelte
sich das Lager in einen ekelerregenden Morast. Der Geruch von Leichen und Unrat
verpestete die Luft. Und der Tod hatte nicht aufgehört zu mähen: Dutzendweise
starben die Kranken auf ihren kalten Pritschen, es starben hier und dort auf den
schlammigen Wegen wie vom Blitz getroffen die gierigsten Überlebenden, die sich
blindlings dem gebieterischen Antrieb unseres alten Hungers folgend,
vollgestopft hatten mit den Fleischrationen der Russen, die noch in Kämpfe an
der nahen Front verwickelt waren und diese Zuwendungen in unregelmäßigen Abständen
ins Lager schickten, mal wenig, mal gar nichts, mal in ungeheuerlichem Überfluß.
Ich nahm aber alles, was um mich herum vorging, nur bruchstückhaft und
undeutlich auf. Es war, als hätten Erschöpfung und Krankheit wie wilde feige
Tiere im Hinterhalt den Augenblick abgewartet, an dem ich keinerlei Abwehrkräfte
mehr hatte, um mich hinterrücks zu überfallen. Ich lag in einem fiebrigen Dämmerschlaf,
nur halb bei Bewußtsein, brüderlich gepflegt von Charles und gequält von
Durst und heftigen Schmerzen in den Gelenken. Es gab keine Ärzte, und es gab
keine Medikamente. Auch Halsweh hatte ich, und die eine Gesichtshälfte war
geschwollen: Die Haut, rot und rauh geworden, schmerzte wie bei einer
Verbrennung. Vielleicht hatte ich mehrere Krankheiten gleichzeitig. Als die
Reihe, Yankels Karren zu besteigen, an mich kam, war ich nicht mehr in der Lage,
mich auf den Beinen zu halten.
Charles und Arthur hoben mich auf den Karren zu einer Ladung Sterbender; ich
hatte das Gefühl, mich nicht allzusehr von ihnen zu unterscheiden. Es regnete,
und der Himmel hing niedrig und dunkel. Während mich der langsame Trab von
Yankels Pferden der fernen Freiheit näher brachte, zogen zum letzten Mal die
Baracken an meinen Augen vorüber, in denen ich gelitten hatte und reifer
geworden war, der Appellplatz, auf dem sich noch immer Seite an Seite der Galgen
und ein riesiger Weihnachtsmann erhoben, und das Tor der Sklaverei, auf dem noch
immer, nun nichtig geworden, die drei Hohnworte zu lesen waren: ARBEIT MACHT
FREI.
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