Das Lob des "O"
Oder: Warum es mich nicht wundert, daß
die Franzosen schließlich doch noch Weltmeister wurden.
Oder: Zuviel Purismus schadet.
(Leseprobe aus: Alphabet zu
Fuß,
Essays, 2006, Beck)
Ein poeme en prose
Das Schönste am Tor ist das "o". Keine
Sprache, in der beim Torjubel ein anderer Vokal gefeiert wird: "Gol!"
Im Spanischen, Italienischen, Polnischen, Ungarischen, Serbokroatischen,
Russischen und Holländischen – um nur eine kleine Auswahl zu nennen – hat
das englische goal Einzug gehalten; bei der Ausleihe ist das überflüssige
"a" unter den Tisch gefallen. Es ist der Triumph der Lautmalerei,
vielmehr der O-n-o-ma-to-po-esie. Wer schreit, will genießen. Wer trifft, will
runde Sachen, globale "O"’s eben. Eine einzige Nation tanzt aus der
Reihe (die Deutschen schreien zwar nicht "gol!", haben aber immerhin
ein "O" im Tor) – das sind die Franzosen. Hüter des Purismus, die
nationale Putzkolonne immer auf der Suche nach Anglizismen-Ungeziefer. Die
Franzosen sagen, wenn ein Tor fallt, nämlich faire un but. Sie mußten
also, wenn ihre Mannschaft ein Tor schießt, "but" jubeln – aber,
wie soll das gehen? Das spitze Mundchen, das man braucht, um "but"
auszusprechen, kann man allenfalls zum Küssen der nach Kampfer und Intrige
riechenden Grostante oder zum dezenten Auslutschen einer halben Zitrone
gebrauchen, aber nicht zum Tor-Chor. Stellen Sie sich vor, ein Tor, "Gooooool!!!!!!",
fallt, und der Kommentator sagt: ≪On a fait un but." Die Sponsoren
wurden einpacken bei so viel Verschämtheit. Derartig kleinlaut das "U":
Nicht, als hatte es einen Treffer gegeben, sondern einen Ausrutscher. Lob gebührt
den Medien also dafür, das Fußball Kommerz wurde und Quote braucht – so
konnte sich das "gol!" auch in Frankreich durchsetzen – und, siehe
da! – aus "Büttisten" wurden Torjäger und, zu guter Letzt,
Weltmeister, world champions.
Aus Sicht des Fußballs – des football, des soccer – war
das Universum schon immer so rund wie der Dollar. LeO K. weis das, und Oliver
K. auch.
Für die Unsportlichen unter uns: Bereits im Lateinischen war der Mund ein
Volltreffer: os mit langem "O". Nicht zu verwechseln mit dem os,
kurzes "O", dem Knochen. Den kann man sich brechen, in jeder Sprache.
Brechen auf lateinisch? Na, corrumpere.
Aber wer wollte die Medien schelten, ohne die der Triumphschrei des "O"
in den Stadien verhallt wäre? Und hat nicht auch Trappatoni mit seinem
herzerfrischenden öffentlichen Nachdenken über nicht ganz so volle Flaschen
dem ≪O≫ seine Referenz erwiesen (Struuuunz kann übrigens von Gluck
reden, das er kein "O" im Namen hat – stronzo im
Italienischen ist nämlich ein richtiges Rote-Karte-Wort), und hat er,
Trappatoni, nicht aus uns allen wahre tifosi des medialen Esperanto
gemacht?
Jetzt ist die Flasche völler – aber über Umlaute und ihre Tücken
wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen.
Und zum Schluß, ganz im Ernst und jenseits von Wortklauberei, mein innigster Fußballwunsch:
das Mainz 05 – (ich sollte sagen "oh five") – es endlich schafft,
in die Bundesliga zu kommen!
Postscriptum (knapp zwei Jahre später):
Es war kein frommer Wunsch! Seit der letzten Saison spielt Mainz ganz oben mit
– und ich bin im Besitz eines Trikots mit der Nummer oh five.
Rezension I Buchbestellung II05 LYRIKwelt © C.H.Beck