Nach den Kriegen von Dagmar Leupold, 2004, BeckDagmar Leupold

Nach den Kriegen
(Leseprobe aus: Nach den Kriegen, Roman eines Lebens, Seite 93-97, 2004, Beck)

Nachdem er sich zu den Hausbesitzern zählen durfte, seßhaft geworden war, wuchs der Wunsch nach Mobilität: Zum eigenen Haus fahren zu können, von ihm aufbrechen, vor ihm parken. Ein Auto würde, was noch zur Eingemeindung fehlte, liefern. Mit 59 Jahren begann er Fahrstunden zu nehmen, von denen er empört nach Hause kehrte, weil der Fahrlehrer von Physik keine Ahnung hatte und seinem Fahrschüler entsprechend ignorante Anweisungen gab. Die Töchter fragten nicht nach, was Einparken mit Physik zu tun hätte. Ein Bridgepartner, Herr Passavant, wurde nun überredet, dem Vater an Tagen, wo er darauf verzichten konnte, sein Auto zum Üben zur Verfügung zu stellen. Es war ein alter Peugeot 504, unten so durchgerostet, daß man den Straßenbelag ahnen konnte und bei Regen nasse Füße bekam. Das Zutrauen in die Physik war groß, folglich fühlte sich der Vater nicht als Anfänger. Wer eine Kurve berechnen kann, kann sie auch fahren. An einem warmen Sommernachmittag, die Töchter saßen auf der Terrasse und schälten die Äpfel aus dem eigenen Garten, die zu Kompott verkocht werden sollten (stundenlanges Schälen), als ein explosionsartiger Knall alle aufspringen und ins Wohnzimmer stürzen ließ, dessen Fenster sich zur Straße öffneten: Dort hing der Peugeot mit rauchendem Kühler, halb auf dem Mäuerchen, die Zaunlatten umgebogen, halb im Vorgarten, die Blumennester um die Steine herum niedergewalzt. Der Vater stand, die Zigarette in der rechten Hand, eine kleine Wunde an der Stirn, unbeeindruckt neben dem Wrack (als wäre er für die Unfallaufnahme zuständig) und wies die immer zahlreicher herbeieilenden Nachbarn mit scharfer Stimme an, die Polizei nicht zu benachrichtigen, es sei schließlich nichts passiert. Den Peugeot mußten wir Herrn Passavant zum Preis eines nicht beschädigten Autos abkaufen, unser erstes Fahrzeug war ein Haufen Schrott. Herr Passavant spielte nie wieder Bridge mit dem Vater. Mit sechzig – er hatte zweimal die theoretische und die praktische Prüfung nicht bestanden – brachte er den Führerschein nach Hause, triumphierend. Die Physik hatte sich durchgesetzt. Mutter und Töchter mußten alle in den notdürftig reparierten Peugeot steigen; der Vater riß an der Lenkradkupplung, die hakte, als müßte er sie einrenken, rauchte mit der Linken, vergaß das Blinken und blieb mitten auf Kreuzungen stehen; der Choke war schuld. Wenn die Töchter vor Schreck aufschrien, weil er im dritten Gang anfuhr und stotternd die nachkommenden Autos auf den Fersen hatte, die das nicht kommentarlos hinnahmen, sondern eifernd hupten, wurde er ärgerlich: Hysterische Beifahrer hätten neben penetrant deutschen Autofahrern noch gefehlt. Auf der Beschleunigungsspur der Autobahn blieb er nur kurz, die sei für Transporteure, für die Nicht-Physiker, der sofortige Spurwechsel dagegen verrate einen sportlichen Fahrer. Die Töchter schlossen die Augen. Mit eingezogenem Kopf auf alles gefaßt. Überhaupt sportlich! Es wurde das Schlüsselwort für alle Fahrfehler, das hochtourige, aufheulende, das stockende Fahren – eben, Anfahren im dritten Gang, als verwöhnte und verweichlichte man das Auto mit dem ersten Gang –, das Fahren im Leerlauf, bei dem der Vater, auch das eine Leistung der Physik, sofort die Benzinersparnis berechnete. All das betrieb er mit der Emphase eines Erziehers, der dem Auto gleichzeitig Manieren beibringen und höchste Leistung abringen muß. Die vier Beifahrerinnen, vor allem die Töchter, wurden immer findiger im Hervorheben der Vorteile des Fußwegs, der Vater seinerseits immer unnachgiebiger im Aufdrängen unerwünschter Bring- und Abholdienste. Die Töchter sprangen in den Bus, als wären sie im letzten Moment einer Entführung entkommen.
Den Hergang all jener Unfälle, die dem ersten im Vorgarten folgten, zu rekapitulieren, manisch zu rekapitulieren, für sich den Nachweis der Unschuld, für die Gegner den der Fahrlässigkeit zu erbringen, Skizzen und Zeichnungen des Geschehens anzufertigen, Berechnungen anzustellen – Bremsweg, Ellipsen, Aufprallkraft –, für die Telefonate der Mutter mit Anwälten und Kollisionspartnern eine Strategie zu entwerfen, nahmen nun ebensoviel Raum ein wie die Bridgeberichte. Je aufgebrachter er war, um so ausschließlicher mußte man ihm Gehör schenken. Die Autowerkstatt  An der Goldgrube hatte mit dem Vater als Kunden eine geradezu phantastisch zutreffende Adresse. Dem Peugeot folgte ein Opel Kadett, der das exzentrische Fahrverhalten des Vaters noch weniger verkraftete als der alte Peugeot. Er reagierte mit seinem sensibelsten Teil, der Kupplung, auf den Mangel an Orthodoxie und wurde in die Goldgrube gefahren wie sein Vorläufer. Der Vater sagte nie Auto, sondern Wagen. Seine Ankunft war nicht zu überhören, jedenfalls nicht im Wohnzimmer, weil er so nah am Bürgersteig parkte, daß die Reifen seitlich daran schliffen und quietschten. Er wollte immer derjenige sein, dessen Wagen am wenigstens in die Straße ragte, er wollte, wegen der Taubenscheiße, nie unter der Birke parken und er wollte, bei den Bridgeturnieren, immer der Abholer, nie der Abgeholte sein. Ich komme mit dem Wagen, sagte er zu seinen greisen Partnerinnen am Telefon und verinnerlichte die Strecke nach Wiesbaden so gut, daß er sie unfallfrei fuhr. Ein Kavalier der Straße für seine Beifahrerinnen, die im Schnitt zwanzig Jahre älter waren als er und fliederfarbenes Haar trugen zu den schweren Goldketten, Armbändern und Ringen, die geerbt oder von den längst verstorbenen Ehemännern auf Geschäftsreisen erstanden worden waren und manchmal aussahen, als wären sie ins Fleisch gewachsen über die Jahre. Wiesbaden war so viel Wien, wie man nah bei Mainz haben konnte und erwarten durfte, im Kurviertel wehte ein Wind aus der K.u.k.-Konservendose, und der Vater ließ sich gern von ihm irreführen. Die Dinge begannen zu stimmen: ein Haus, ein Wagen und eine ausgediente Pralinenschachtel voll Masterpoints. Jetzt blieb, den Wagen auszufahren, seine inbegriffene Mobilität in Fernfahrten umzusetzen und auch das Häuslich-Seßhafte um die Dimension der Ferne zu bereichern, vielmehr der Illusion davon.

Rezension I Buchbestellung III04 LYRIKwelt © C.H.Beck