Eden Plaza von Dagmar Leupold, 2002, BeckDagmar Leupold

Eden Plaza
(Leseprobe aus: Eden Plaza, Roman, 2002, Beck)

Wenn es mit der Liebe bergab geht, spricht zuerst einmal die Körperlichkeit des anderen gegen ihn selbst: Die Bewegungen, der Gang, das Hantieren mit Besteck, das Schlucken und Kauen, vormals einfach nur Ausdruck einer legitimen (und unausweichlichen) Inbesitznahme des Raums, aufgeladen mit Individualität, degenerieren urplötzlich zu bloßen Abläufen, die, weil nie variiert, einen eklatanten Mangel an Eleganz aufweisen. Einmal sagte M. zu mir, daß ich beim Trinken zu große Schlucke machte, die sich dann anhörten wie Würgen. Natürlich verschluckte ich mich danach dauernd und trank den Kaffee, statt aus dem großen Henkelbecher, aus kleinen Täßchen, die große Schlucke nicht zuließen. Und du, sagte ich verletzt und aufgebracht, du hältst das Fleisch mit der Gabel fest, als müßtest du es noch einmal töten, durch Erstechen. Im Rücken dessen, was man aussprach, türmten sich die Gewitterwolken der ungesagten Klagen und Kleinlichkeiten. Die Kinder sahen uns an, rutschten ein wenig auf ihren Sitzen hin und her, quengelten. Ich sprach deutsch mit ihnen, eine Art familieninterner Mauerbau, weil M. es, entgegen seinen Versprechen, nicht lernte und bei unseren Gesprächen dabei saß wie der Komtur im Don Giovanni. Da wurde Deutsch eine echte Fremdsprache, und ich hörte das <ch> im Hals kratzen, ich hörte die Konsonanten in «Strumpf» dumpf aufeinanderprallen, vom <u> als schwachem Ringrichter nur notdürftig getrennt, ich litt unter der Plumpheit der Komposita und Präfixe. Wenn ich mit den Kindern sprach, rollte ich das <r>, um den Abstand zum melodischen Italienisch zu verringern.

Manchmal fragte mich M., was heißt das auf deutsch, «ragazzo», zum Beispiel, dann sagte ich «Junge» und spürte auf der Zunge die Ungelenkheit, die Rohheit meiner Muttersprache. Als ich Kind war, ungefähr um die Zeit der Einschulung herum, begann meine Mutter mit mir und meinen Schwestern das ostpreußische <r> zu üben: Es wird, im Unterschied zum italienischen, nicht mit der Zunge am Gaumen erzeugt, sondern tief in der Kehle. Roland der Riese vorm Rathaus zu Bremen. Während sie das Bügeleisen über die Wäsche zog, daß es dampfte und zischte und verbrannt statt frisch gewaschen roch, standen wir aufgereiht wie beim Chorsingen und kämpften mit dem <r>. Nachts, im gemeinsamen Zimmer, fielen wir zur Entspannung ins Rheinhessische, tröstlich und subversiv zugleich, der Dialekt eine Geheimsprache. Sprachlich abzuweichen schien die wirksamste Form der Aufsässigkeit gegen Autorität. Womöglich ging es M. so mit Deutsch, vielleicht hatte ich, bei der Familiengründung, aus Deutsch eine Sprache der Autorität gemacht. Als wir nach Deutschland zogen, schrieb M. seiner Sekretärin kleine Zettel mit Anweisungen auf englisch, sie schrieb die Briefe und Mitteilungen auf deutsch, dafür seinen Nachnamen jahrelang falsch, Verga, sagte M., wie der berühmte Verga. Sie schrieb «Werga» und schüttelte leicht den Kopf wie jemand, der noch Geduld hat, aber nicht ausschließen kann, diese, würde sie weiterhin so hart auf die Probe gestellt, auch einmal zu verlieren. M. kaufte grundsätzlich nur im Supermarkt ein, an der Käse- und Wursttheke deutete er auf das Verlangte, lächelte, sagte: Zweihundert Gramm – von allem kaufte er 200 Gramm -, und hinterließ gerührte Verkäuferinnen. Einmal sagte ich zu ihm, seinen Schwanz in der Hand: Zweihundert Gramm. Ich glaube, es war das einzige Mal, daß wir, nach dem Umzug, im Bett miteinander lachten.

Als unser Sohn seinen ersten Geburtstag feierte, kam die definitive Bestätigung, daß M. nicht übernommen werden würde. Das neue Dach über unseren Köpfen war noch nicht einmal ein Jahr alt. Es war ein stürmischer Apriltag, die Luft voll Blüten, die der Wind zauste, bis die Bäume ungekämmt aussahen. Wir sangen Happy birthday, tanti auguri und Wie schön, daß du geboren bist. Es gab Streuselkuchen. M. aß drei Stücke, unser Sohn atomisierte das Kuchenstück, ich ging ans Telefon und fing die Glückwünsche ab. Abends, im Bett, hielten wir uns an den Händen. Aber M.`s Gesicht war unlesbar, grau, steinern. Als ich ihm über die Wange strich, verrutschte die Haut, warf eine Falte, als sei sie ihm über Nacht zu groß geworden, als ließe sie sein Gesicht im Stich und bedeckte es nur noch zum Schein.

Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © C.H.Beck