Die Kluft von Doris Lessing, Hoffmann und Campe, 2007Doris Lessing

Die Kluft
(Leseprobe aus: Die Kluft, Roman, 2007, Hoffmann und Campe - Übertragung Barbara Christ).

Heute habe ich etwas beobachtet.
Wenn am Ende des Sommers die Wagen vom Landgut kommen und Wein, Oliven und Obst einbringen, herrscht eine festliche
Stimmung im Haus, und ich habe teil daran. Wie die Haussklaven halte ich an meinen Fenstern Ausschau, bis die Ochsen
von der Straße abbiegen, und lausche, ob ich das Knarren des Wagens höre. Diesmal sahen sich die Ochsen wild und ängstlich um, denn es war laut auf der überfüllten Straße nach Westen.
Ihr weißes Fell sah rot aus, wie die Tunika des Sklaven Marcus, dessen Haare ganz staubig waren. Die Mädchen, die Ausschau
gehalten hatten, liefen dem Wagen entgegen, aber nicht nur wegen der Köstlichkeiten, die sie bald in den Lagerräumen verstauen
würden, sondern wegen Marcus, der sich im letzten Jahr zu einem gut aussehenden jungen Mann entwickelt hatte. Weil
so viel Staub in seiner Kehle saß, konnte er ihren Gruß nicht erwidern, also rannte er zur Pumpe, packte den Krug, der dort
stand, trank gierig und goss sich Wasser über den Kopf, auf dem nach diesem Trankopfer ein schwarzer Lockenschopf sichtbar
wurde – und dann ließ er den Krug in seiner Hast auf die gekachelte Einfassung fallen, wo er zerbrach. Sofort stürzte Lolla,
ein reizbares, jähzorniges Mädchen, deren Mutter mein Vater auf einer Sizilienreise gekauft hatte, laut schimpfend und zeternd
auf Marcus zu. Er verteidigte sich genauso lautstark. Die anderen Sklaven waren schon dabei, die Krüge mit Wein und Öl
und die schwarz-goldene Traubenernte vom Wagen abzuladen, und es ging geräuschvoll und geschäftig zu. Weil die Ochsen
bereits zu muhen begannen, nahm Lolla mit einer demonstrativ ungeduldigen Geste einen zweiten Krug, tauchte ihn ins Wasser,
eilte damit zu den Ochsen und füllte deren Tröge, die fast leer waren. Eigentlich war Marcus dafür verantwortlich, dass
die Ochsen gleich bei ihrer Ankunft Wasser bekamen. Die senkten nun die großen Köpfe und tranken, während Lolla sichtlich
wütend noch einmal auf Marcus losging und schimpfte. Marcus war der Sohn eines Haussklaven vom Gutshaus, und die beiden
kannten sich schon ihr ganzes Leben. Er hatte manchmal hier in unserem Stadthaus gearbeitet, und manchmal hatte sie den
Sommer auf dem Gut verbracht. Lolla war für ihre aufbrausende Art bekannt, und wenn Marcus nach der langen, beschwerlichen
Reise nicht so erhitzt und staubig gewesen wäre, hätte er sie wahrscheinlich ausgelacht und geneckt, bis ihr Anfall
von Ungeduld vorüberging. Doch die beiden waren keine Kinder mehr: Man musste sie nur zusammen sehen und wusste
sofort, dass ihre Verärgerung und sein Missmut nicht nur dem sengend heißen Nachmittag zuzuschreiben waren.

Marcus ging zu den Ochsen und versuchte, sie zu beruhigen, wobei er sich vor den großen Hörnern in Acht nahm, mit denen
sie um sich stießen. Er nahm den Tieren die Geschirre ab und führte sie in den Schatten eines großen Feigenbaums, wo er die
Geschirre über einen Ast hängte. Als Lolla sah, wie liebevoll Marcus mit den Ochsen umging, ärgerte sie sich aus irgendeinem
Grund noch mehr. Während die anderen Mädchen Obst und Gemüse vom Wagen an ihr vorbeitrugen, stand sie mit
scharlachroten Wangen da, beobachtete den Jungen und warf ihm vorwurfsvolle, anklagende Blicke zu. Er nahm keine Notiz
von ihr. Als wäre sie gar nicht da, ging er an ihr vorbei auf die Veranda, nahm eine zweite Tunika aus seinem Beutel, zog die staubige Tunika aus, spritzte sich noch einmal mit Wasser ab und streifte die frische Tunika über, ohne sich abzutrocknen – das würde sich durch die Hitze rasch erledigt haben.

Lolla hatte sich anscheinend beruhigt. Sie stützte sich mit der Hand an der Verandamauer ab und wirkte reumütig, zumindest
annähernd. Doch er trat an den Rand der Veranda, starrte die Ochsen, seine Schützlinge an und nahm noch immer keine Notiz
von ihr. Als sie ihn in normalem Ton mit »Marcus . . .« ansprach, zuckte er abweisend mit den Schultern. Inzwischen
hatte man den letzten Krug und alles Obst ins Haus gebracht.

Die beiden waren allein auf der Veranda. »Marcus«, sagte Lolla wieder, diesmal schmeichlerisch. Er wandte den Kopf und warf
ihr einen Blick zu, den ich nicht gern auf mich gezogen hätte. Es war ein verächtlicher, wütender Blick – und sehr weit entfernt
von dem Entgegenkommen, das sie sich erhoffte. Marcus ging zum Tor, um es zu schließen, und wandte dann dem Tor und
Lolla den Rücken zu. Die Sklavenunterkünfte lagen am Ende des Gartens. Er nahm sein Bündel und machte sich rasch auf
den Weg dorthin zu seinem Nachtlager. »Marcus«, flehte sie.

Anscheinend war sie den Tränen nahe. Er war bereits im Begriff, die Männerunterkünfte zu betreten, da eilte sie zu ihm hin und
erreichte ihn, als er gerade durch die Tür verschwand. Mehr musste ich nicht sehen. Mir war klar, dass sie einen
Vorwand finden würde, um im Hof herumzulungern, vielleicht, um die Ochsen zu streicheln und zu tätscheln, ihnen Feigen zu
geben oder um so zu tun, als würde sie sie pflegen, was durchaus nötig war. Sie würde dort auf ihn warten. Ich wusste, dass er am
Abend mit den anderen Jungen durch die Straßen ziehen und sich amüsieren wollte – er war nicht oft hier im Haus, mitten in
Rom. Aber ich wusste auch, dass die beiden die Nacht zusammen verbringen würden, ob er wollte oder nicht.

Mir scheint, dass in dieser kleinen Szene eine Wahrheit über die Beziehung zwischen Männern und Frauen liegt.
Wenn ich das Leben im Haus beobachtete und etwas so Aufschlussreiches sah, fühlte ich mich oft genötigt, in jenes Zimmer
zu gehen, wo er aufbewahrt wurde, jener große Packen Material, an dem ich arbeiten sollte. Ich besaß ihn nun schon seit
Jahren. Andere vor mir hatten gesagt, dass sie versuchen würden, daraus etwas zu machen.

Worum es sich handelte? Um einen Berg von Material, das sich über Ewigkeiten angesammelt und seinen Anfang in der
mündlichen Überlieferung hatte, wobei vieles sich ähnelte, aber erst später aufgeschrieben worden war. Doch alles Material bezog
sich in irgendeiner Weise auf die frühesten Aufzeichnungen, die es über uns, die Völker unserer Erde, gab.
Es war eine unhandliche, unüberschaubare Ansammlung, an der mehr als ein hoffnungsvoller Historiker gescheitert war,
was weniger an den darin enthaltenen Problemen lag, als vielmehr in der Natur der Sache. Wer immer an diesem Material
arbeitete, musste damit rechnen, dass man es anfechten, infrage stellen und vielleicht als unecht verunglimpfen würde,
sollte es je den Grad an Vollständigkeit erreichen, dass man es benennen und als Ergebnis der Wissenschaft veröffentlichen
konnte.
Ich bin nicht der Mensch, der Streitereien unter Gelehrten genießt. Was für ein Mann ich bin, spielt in dieser Debatte im
Grunde gar keine Rolle – es hat bereits Dispute darüber gegeben, ob man diesem Bericht überhaupt eine Existenz außerhalb
der staubigen Regale zugestehen soll, in denen er bislang aufbewahrt wurde. Immer wieder gab es Zeiten, in denen Die
Kluft – der Titel stammt nicht von mir – als dermaßen aufrührerisch galt, dass der Bericht bei den »streng geheimen« Dokumenten
lag.
Wie gesagt, meine Erzählung der historischen Vorgänge beruht auf uralten Dokumenten, die ihrerseits auf noch älteren
mündlichen Berichten beruhen. Manche Ereignisse in diesen Berichten sind so haarsträubend, dass sich gewisse Leute möglicherweise darüber aufregen werden. Ich habe die Wirkung ausgewählter Teile der Chronik an meiner Schwester Marcella
ausprobiert, und sie war schockiert. Sie konnte nicht glauben, dass anständige weibliche Wesen süße kleine Jungen so schlecht
behandelt haben sollen. Meine Schwester nimmt immer gern die zarteren weiblichen Attribute für sich in Anspruch – ich
denke, das ist kein ungewöhnlicher Charakterzug. Doch ich habe sie daran erinnert, dass man sich nicht ohne Weiteres von
ihrer weiblichen Empfindsamkeit überzeugen lässt, wenn man sie aus vollem Hals schreien sieht, sobald in der Arena Blut
fließt. Empfindliche Gemüter können auf Seite 35 mit der Lektüre beginnen.
Was nun folgt, ist nicht der früheste Teil der Historie, den wir besitzen, doch ich setze ihn an den Anfang, weil er so aufschlussreich
ist.
Ja, ich weiß, das sagst du ständig, doch du verstehst einfach nicht, dass das, was ich jetzt sage, gar nicht wahr sein kann, weil
ich dir erzähle, wie ich es heute sehe, wo doch damals alles ganz anders war. Selbst die Worte, die ich benutze, sind neu, wo sie
herkommen, weiß ich nicht, und manchmal scheint es, als wären fast alle Worte, die wir in den Mund nehmen, genauso neu.
Ich sage ich und noch einmal ich, ich tue dies und ich denke das, aber damals hieß es nicht ich, es hieß wir. Wir dachten wir.
Ich sage dachten, aber dachten wir? Vielleicht fing, wie alles andere auch, eine neue Art des Denkens an, als die ersten Ungeheuer
geboren wurden. Es tut mir leid, aber du redest dauernd von der Wahrheit, du willst die Wahrheit, und so sahen wir
euch nun einmal zu Anfang, euch alle. Als Ungeheuer. Missgebildete, Ungetüme, Krüppel.
Wann das war, damals? Ich weiß es nicht. Damals war vor sehr langer Zeit, mehr weiß ich nicht.

Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe