Mara und Dann
(Leseprobe aus: Mara und Dann, Kapitel
2, 2001, Hoffmann & Campe)
Auf dem kleinen Hügel über dem Dorf gab es einen hohen Felsen, der an drei Seiten
senkrecht abfiel und zum Dorf hin einen steilen Abhang bildete. Dort oben auf dem Felsen
saß Mara und blickte auf ein halbes Dutzend Jungen herab, die ein Spiel spielten und sich
mit Stöcken bekämpften. Dann war mit zehn Jahren größer als alle anderen, obwohl
einige älter waren, und er war ein Kind, das schnell war und immer wachsam, und das sie
alle dominierte. Mara war fast erwachsen, ihre Brüste waren kleine Beulen, und sie war
groß und dünn und drahtig und konnte schneller rennen als die Jungen, denn das hatte sie
gelernt, weil sie Dann so oft aus Gefahren retten musste. Er war offenbar ohne Sinn für
Selbsterhaltung geboren: Er sprang von einem Felsen oder einem Dach herunter, ohne darauf
zu achten, wo er landen würde, er ging auf einen großen, zischenden Drachen zu, sprang
in einen Tümpel, ohne nachzusehen, ob Stecher darin waren oder ein Wasserdrache. Aber
jetzt war es schon viel besser, und deshalb saß Mara hier oben und sah müßig zu; sie
war nicht ängstlich oder auf der Hut, wie sie es Tag und Nacht in jeder Minute gewesen
war. Erst kürzlich war ihr klar geworden, dass ihre lange Wacht vorüber war. Sie war vom
Hügel zum Dorf spaziert und hatte den singenden Käfern und ihren eigenen Gedanken
gelauscht, und plötzlich war Dann mit einem Stock auf sie zu- und dann an ihr
vorbeigerannt, und sie war herumgewirbelt und hatte gesehen, wie er einen Drachen angriff,
der sie verfolgte.
»Du musst besser aufpassen, Mara«, hatte er geschimpft, und er hatte keineswegs ihr
ständiges: Pass auf, Dann, pass doch auf, nachgeäfft.
Sie war zu Daima ins Haus gegangen und hatte es ihr erzählt, und die beiden hatten sich
in den Armen gelegen und geweint und gelacht, weil es so wunderbar absurd war. Und Daima
hatte gesagt: »Gratuliere, Mara. Du hast es geschafft. Du hast ihn durchgebracht.«
Dies war ihr Lieblingsplatz. Niemand kam hierher: Dann nicht, der am liebsten immer
unterwegs war; Daima nicht, die zu alt und zu steif war; die Dorfbewohner nicht, die
sagten, dass es hier überall Geister gab. Mara war schon zu allen Tageszeiten hier
gewesen, nachts auch, und sie hatte noch nie Geister gesehen oder gehört. Gefährlich
waren die Drachen, die so hungrig waren, dass sie alles fraßen. Deswegen saß sie auf
einem Felsen, den man auf drei Seiten nicht besteigen konnte, während sie den einen
steilen Abhang auf ihrem Hosenboden hinunterrutschen und verschwinden. konnte, sobald sie
das wütende Zischen hörte. Oder sie konnte hier oben in Sicherheit warten und mit
Steinen nach den Drachen werfen, wenn sie Anstalten machten, hinaufzuklettern. Dieser
Felsen stand mitten in einem holprigen Durcheinander aus kleinen, steinigen Hügeln voller
Risse und Spalten, in denen Büsche und Bäume wuchsen, und es gab Höhlen und Klippen und
Gruben, die früher Fallen gewesen waren, und an manchen Stellen Reste von alten Mauern
und Dächern. Wenn sie mit Daima das Was-hast-du-gesehen-Spiel gespielt hatte, hatte sie
am liebsten über diesen Hügel gesprochen, weil sie immer etwas Neues fand.
»Und weiter?«
»In den Gruben gibt es schwarze Ringe, und an den Ringen hängen Stücke von Ketten.«
»Und weiter?«
»Die Ringe sind aus einem Metall, das wir nicht haben.«
»Und?«
»Trotzdem glaube ich, Daima, dass diese Gruben noch ziemlich neu sind - ich meine,
hunderte von Jahren alt, nicht tausende.« Als Mara hunderte sagte, meinte sie eine lange
Zeit; und wenn sie tausende sagte, hieß das, dass ihr Kopf aufgegeben hatte und sein
Scheitern eingestand: tausende - das war eine unvorstellbare, endlose Vergangenheit.
Mara hatte sich oben auf diesen Hügeln - denn hinter dem in der Nähe des Dorfes erhoben
sich weitere - zwischen Büschen und jungen Bäumen hindurchgekämpft, sie hatte sich
durch Lücken zwischen Felsbrocken gezwängt, war im Steinhagel schieferglatte Abhänge
hinuntergerutscht, auf Bäume geklettert, um Stellen zu überblicken, zu denen sie wegen
des dichten Unterholzes nicht vordringen konnte, und sie hatte langsam begriffen -
wirklich langsam, es hatte Jahre gedauert - dass dies nicht nur eine tausende oder
hunderte von Jahren alte Ruinenstadt war, wie Daima ihr erzählt hatte, oder das, was die
Dorfbewohner darin sahen - eine Stelle, wo man Steine zum Bauen holte - sondern ein Ort,
an dem Behausungen, Völker, Zeiten geschichtet waren. Sie hatte zwischen Mauern
gestanden, die beinahe unversehrt waren, obwohl die Wurzeln Teile einer Mauer in eine
Schräge aus Blöcken verwandelt hatten, auf der sich kleine Eidechsen sonnten, und vor
ihr hatte sich eine große Mauer erhoben, viele Male so hoch wie sie selbst und breiter
als Daimas ganzes Haus, und es hatte nicht ein Stein daran gefehlt. In die ganze Mauer
waren Geschichten gemeißelt, und sie handelten alle vom Krieg: Kämpfer in unförmigen
Hosen und Oberteilen und großen Stiefeln, und sie trugen alle möglichen Waffen, die
Daima nicht kannte; sie berichtete nur davon, dass es früher Waffen gegeben hatte, die so
schrecklich waren, dass man mit einer einzigen eine ganze Stadt zerstören konnte. Diese
Wand feierte einen Sieg: Und sicher beschrieb sie, wie die Leute im Altertum sich selbst
und ihre Feinde gesehen hatten, denn die Gesichter der Sieger waren hart und grausam und
die der Besiegten ängstlich und flehend. Jedenfalls gab es auf dieser Mauer eine
Geschichte, die davon handelte, dass Menschen gekämpft hatten und dass manche getötet
worden waren. Aber auf einer anderen Mauer im selben Raum, oder in derselben Halle, waren
die Steinblöcke kleiner und enger zusammengefügt, und sie waren mit dem feinen, harten
Putz beschichtet, und die Bilder waren bunt. Es waren dieselben Leute mit den geraden,
breiten Schultern und den schlanken Körpern und den schmalen Gesichtern, und es wurde
wieder gekämpft, aber die Waffen waren anders und die Kleider auch. Dieselben Leute, aber
aus verschiedenen Zeiten. Das hieß, dass diese Leute hier für - hunderte? - von Jahren
gelebt hatten.
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