Fragmente aus verlorenen Sommern von Alexander Lernet-Holenia, ZsolnayAlexander Lernet-Holenia

aus: Fragmente aus verlorenen Sommern

I

Wenn an den Nachmittagen
der Spiegel der Sonne, funkelnd,
am weißumwobenen Himmel
hinabsinkt; wenn die Wiesen
schimmern im Winde; wenn ein Schauer
in den Blumen wühlt, -
laß ab, im dämmernden Saal
mit den dunklen Bildern
über der Vorfahren
fortwährendenVorwurf
zu sinnen! Wie Tränen tönt
es ja um dich, die, fielen sie wirklich,
wie das Silber der Wände klängen.
Geh selbst vom Fenster fort,
wo du lange gestanden
und darunter der Garten sich
wie unter Wasser bewegt.
Tritt vor das Haus,
wo die Bläue noch glüht, wo
Sommerfäden spinnen, wo die Felsen,
die Wälder aus Smaragd
im Abend leuchten …


II

An den Mond

Süßer Schimmer, der bald Lämmergewölke, bald
das Geriesel im See, bald die versunkene
Friedhofsmauer beglänzt, wie auf dem Atlaskleid
einer Schäferin Silber-
blumen sich rühren, da und dort!

Wo ihr im rauschenden Korne euch beigewohnt,
fällt nun Tau in der Spätsommernacht,
und das trügende Leuchten
deckt den Glanz eurer Sterne zu …


III

Jetzt, wo schon seit Wochen
die Herbstregen wehn,
rauschen die Haine laut
im Dunkel, und es mischen
die Tränen des Himmels sich
dem Quell, den, wie von Kerzen bestrahlt,
unter moderndem Ahornlaub
fast winterlich Grün der Kressen
umkränzt. Tönten nicht Stimmen? Ach, nur Totes wälzt
sich sinnlos im Finstern,
und die Schritte der Liebenden,
vom Sommer noch her,
begräbt der Regen.


IV

Schon, schon hebt sich, jeglichen Frühling
überholend, ein Hoch-
sommer über den Schnee.
Welcher? Der letzte. Schon steigen
seine Silbergewitter. Schon, im begrabenen Korne,
leuchtet der Mohn. Mit unsichtbarem
Laubgewölk neigt sich der Waldrand; der Kuckuck
tönt dem unhörbaren Ruf.

Damastbezogen gleißt
das Totenbette der Liebe
vom Vorjahr. Kalt sind die Kissen. Wo seid ihr,
Liebende, hin? Wo
sehnt ihr euch noch nach einander und wißt nicht,
daß ihr euch sehnt! Daß der Sommer euch hersehnt!
Wenn erst die Wasser
wieder weinen, die ersten
Windblumen frieren, entblößt der verfallene Schnee
eure Gespenster.

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