Bela reist am Abend ab von Carola Lepping, 1956, S. Fischer

Carola Lepping

Bela reist am Abend ab
(Leseprobe aus: Bela reist am Abend ab, Roman, 1956, S. Fischer).).

Der Fluß

Das Putzwasser von Laden und Werkstatt schüttet Bela nie im Spülstein aus. Sie geht damit durch die hintere Tür über den kleinen Hof, an der recten Hausecke der Färberei vorbei, noch fünf Schritte, dann ist sie an der Flussmauer.

Es nieselt nicht mehr. Es zieht. Die Schürze flattert und sie friert. Aber dies bleibt geübt und vergüglich: An die Mauer und das Wasser des ersten Eimers in schönem, weitem Schwung in den Fluß hinein!

Das ist ein Fluß! Ach, das ist ein Fluß. Das ist gar kein richtiger Fluß.

Und Bela nimmt des zweiten Eimer, und im Augenblick, als sie sich wegwendet von diesem trüben, müden, trauervollen kleinen Wasserspiegel, von diesem betrogenen, im Stich gelassenen, überwältigend winzigen Wasser, sieht sie ihn vor sich, den Fluß: Seine Mühsal. Seinen Schmutz. Seine leidvolle Verfärbung. Und diesen schwarzen, riechenden, mitleidsoden Betrug, den man an ihm verübt. Immer schon verübt hat, seit er Fluß ist. Diesen Mißbrauch, diesen gehäuften, sehr alten Mißbrauch.

(...)

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