Kultur und Politik von Wolf Lepenies, Hanser, 2006

Wolf Lepenies

Machtferne der Kultur
(Leseprobe aus: Kultur und Politik, Deutsche Geschichten, 2006, Hanser)

Früher als in der Politik hatten die Deutschen in der Kultur ihre Einheit gefunden. Eine Zeit lang begnügten sie sich damit, ein »Kulturvolk« zu sein, dessen Selbstwertgefühl nicht dadurch geschwächt wurde, dass Deutschland noch kein Staat geworden war. Mit den Freiheitskriegen änderte sich die Lage. Stolz auf Offiziere wie Blücher, Gneisenau und Scharnhorst, wurde den Deutschen bewusst, dass ihre Kultur alleine nicht ausgereicht hatte, um Napoleon zu besiegen: »Nach 1815 musste das deutsche Kulturvolk erkennen, dass es in der rauen Welt der modernen Politik nur konkurrenzfähig war, wenn es durch einen machtvollen Staat unterstützt wurde, wenn es von einem Kulturvolk zu einem Kulturstaat wurde«, wie der englische Historiker Hugh Trevor-Roper schrieb. Die Vorstellung eines Kulturstaates aber war Jacob Burckhardt wie Friedrich Nietzsche gleichermaßen fremd. Störrisch weigerte sich Burckhardt, Staat und Kultur miteinander zu identifizieren. Der Staat beruhte auf Macht, und Macht war etwas Böses und der Kultur fremd. Als der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, sagte Burckhardt voraus, dass die Kultur eines seiner Opfer sein würde.

Friedrich Nietzsche ließ sich bei Kriegsausbruch von der Erziehungsbehörde in Basel – wohin er 1869, 24 Jahre alt, als Extraordinarius berufen worden war – beurlauben, »um meinen Pflichten gegen das Vaterland zu genügen«. Im August 1870 wurde er als »Felddiakon« an die Front geschickt. Am 19. Juli, dem Tag der französischen Kriegserklärung, hatte Nietzsche an seine Mutter geschrieben, der »fluchwürdige französische Tiger« habe es auf »unsere Kultur« abgesehen; um sie zu verteidigen, sei kein Opfer zu groß. Am gleichen Tag sprach er freilich in einem Brief an seinen Freund Erwin Rhode von »unsrer ganzen fadenscheinigen Kultur«, und am 12. Dezember 1870 machte ein Brief Nietzsches an Mutter und Schwester – inzwischen war er aus Krankheitsgründen wieder nach Basel zurückgekehrt – deutlich, wie sehr das Erlebnis des Krieges seinem ursprünglichen Enthusiasmus zugesetzt hatte: »Für den jetzigen deutschen Eroberungskrieg nehmen meine Sympathien allmählich ab. Die Zukunft unsrer deutschen Cultur scheint mir mehr als je gefährdet.« Es war nicht länger der französische Tiger, welcher die deutsche Kultur bedrohte, es war der kommende preußische Sieg.

Als Burckhardt und Nietzsche 1871 in Basel vom Brand des Louvre bei der Einnahme von Paris erfuhren, »da durchzuckte kein Freudenstrahl die Herzen beider ob unseres Sieges. Nur tiefe Trauer über den möglichen Verlust all dieser Kunstschätze, gemischt mit Entrüstung gegen die preußischen ›Barbaren‹ ward laut. So maßen diese bedeutenden Männer die großen geschichtlichen Dinge.« Als der Krieg gewonnen war, widersprach Nietzsche der populären Auffassung, mit der preußi-schen Armee habe in Sedan auch die deutsche Kultur gesiegt. So beginnt das erste Stück seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen (»David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller«) von 1873: »Die öffentliche Meinung in Deutschland scheint es fast zu verbieten, von den schlimmen und gefährlichen Folgen des Krieges, zumal eines siegreich beendeten Krieges zu reden: um so williger werden aber diejenigen Schriftsteller angehört, welche keine wichtigere Meinung als jene öffentliche kennen und deshalb wetteifernd beflissen sind, den Krieg zu preisen und den mächtigen Phänomenen seiner Einwirkung auf Sittlichkeit, Kultur und Kunst jubilirend nachzugehen. Trotzdem sei es gesagt: ein grosser Sieg ist eine grosse Gefahr. […] Von allen schlimmen Folgen aber, die der letzte mit Frankreich geführte Krieg hinter sich drein zieht, ist vielleicht die schlimmste ein weitverbreiteter, ja allgemeiner Irrthum: der Irrthum der öffentlichen Meinung und aller öffentlich Meinenden, dass auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe […]. Dieser Wahn ist höchst verderblich […], weil er im Stande ist, unseren Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln: in die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten des ›deutschen Reiches‹.«

Von nun an bleibt das Zusammenspiel von politischen Siegen und kulturellen Niederlagen ein Leitmotiv für Nietzsche: »Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge – ›Deutschland, Deutschland über Alles‹, ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie…«, schreibt er 1889 in Götzen-Dämmerung. In Deutschland fand Nietzsche keinen wahren Philosophen oder Dichter mehr, sondern nur noch ein herausragendes Individuum, dessen politischer Triumph die Kultur zerstört und deshalb, in einem Akt ironischer Kompensation, aus der Politik ein Kunstwerk gemacht hatte: Bismarck. Seine Bewunderer nannten ihn einen politischen Bildhauer und Architekten, den Rembrandt der deutschen Politik. Nietzsche sah eine Bismarck-Verehrung voraus, die bis weit in die Weimarer Republik reichen sollte und die auf der raffiniert-artistischen Brutalität beruhte, die der Kanzler einzusetzen wusste, um seine politischen Ziele zu erreichen. In Deutschland wurde die Politik stets zwischen Idealismus und Realismus zerrissen, zwischen einer romantischen Sehnsucht nach Moralität im öffentlichen Leben und dem entschiedenen Widerstand, ethischen Überlegungen in der Politik Raum zu geben. Bismarck überwand diese Zerrissenheit. Der »Eiserne Kanzler« wurde zum Sinnbild des geschickten Politikers, dessen romantische Sensibilität, wenn nötig, sofort in Brutalität umschlagen konnte und der, wenn es darauf ankam, ohne Mühe in der Lage war, seinen Zynismus geistvoll zu bändigen.

Nietzsche aber beharrte auf der Unvereinbarkeit von Kultur und Macht; sie ließ ihn den »Nähr- und Lehrstand« der Kultur warnen, er richte sich selbst zu Grunde, »wenn er in Waffen einhergehen will und den Frieden seines Berufs und Hauses durch Vorsorge, Nachtwachen und böse Träume in unheimliche Friedlosigkeit umkehrt.« Nietzsches Aphorismus trägt den Titel »Nicht ohne Noth Soldat der Cultur sein«. Mit der Bemerkung, er sei der letzte unpolitische Deutsche, distanzierte sich Nietzsche von der Koalition zwischen Kultur und Politik, die Bismarck in den Augen seiner Bewunderer angeblich geschmiedet hatte. Das Adjektiv »unpolitisch« ist dabei missverständlich; was Nietzsche damit ausdrücken wollte, war seine »antipolitische« Abwehr der chronischen Überheblichkeit, die Deutschland nach dem Sieg über Frankreich heimsuchte. Man konnte aber nicht in der Politik triumphieren, ohne in der Kultur dafür zu zahlen: »Die Cultur und der Staat – man betrüge sich hierüber nicht – sind Antagonisten: ›Cultur-Staat‹ ist bloss eine moderne Idee. Das Eine lebt vom Andern, das Eine gedeiht auf Unkosten des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind politische Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur war unpolitisch, selbst antipolitisch.« Es hätte Ralph Waldo Emerson in seinem heimischen Concord, dem amerikanischen Weimar, daher nicht überraschen dürfen, dass Goethe, »Kopf und Körper des deutschen Volkes«, in einem besiegten Land lebte. In der Hochblüte der deutschen Kultur konnte es anders gar nicht sein.

Nach dem Sieg über Frankreich verschob sich das kulturelle Schwergewicht auf das linke Ufer des Rheins. Die deutsche Kultur zählte nicht mehr. Zu ihrer Gesundung bedurfte es einer politischen Niederlage: »Auferstehung des Geistes. – Auf dem politischen Krankenbette verjüngt ein Volk gewöhnlich sich selbst und findet seinen Geist wieder, den es im Suchen und Behaupten der Macht allmählich verlor. Die Cultur verdankt das Allerhöchste den politisch geschwächten Zeiten«, heißt es in Menschliches, Allzumenschliches – in einem Abschnitt, der bezeichnenderweise »Ein Blick auf den Staat« überschrieben ist. Patrioten musste Nietzsche wie ein Hochverräter klingen, denn er gab wieder, was Deutschlands Feinde dachten: Die Erfüllung des deutschen Einheitstraumes durch die Gründung des Reiches war »für die Franzosen und für das ganze mit ihnen sympathisierende Ausland die Unterwerfung des friedensliebenden deutschen Volkes der Dichter und Denker unter den preußischen Militarismus durch die Blut- und Eisenpolitik Bismarcks«. Hoffnungsvoll schrieb George Sand 1876 an Flaubert, mit Preußens militärischem Sieg werde Deutschlands moralischer Niedergang beginnen.

Mit seinen Überlegungen zur Ungleichzeitigkeit politischer Siege und kulturellen Fortschritts hinterließ Nietzsche ein gefährliches Erbe. Seine Attacke auf den deutschen Nationalismus hatte er als politische Prophetie getarnt: Deutschlands Kultur werde erst nach einer politisch-militärischen Niederlage wieder auferstehen. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg konnte man mit Nietzsches Sarkasmus leicht fertig werden, denn Preußen hatte gesiegt, in Versailles war das Reich gegründet worden, und Deutschland war auf dem Weg, sowohl militärisch als auch politisch eine Weltmacht zu werden. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs blieb den national-patriotisch gesinnten deutschen Intellektuellen nichts anderes übrig, als sich von Nietzsches ironischer Vorhersage dadurch zu distanzieren, dass sie die von ihnen beschworene Einheit von Politik und Kultur, von Geist und Macht möglichst weit in die deutsche Geschichte zurückverfolgten. Sie waren nicht nur gezwungen, die innere Einheit von deutscher Politik und Kultur, sondern auch den engen Zusammenhang von Kultur und Militarismus zu proklamieren. Vor dem Hintergrund der Äußerungen Nietzsches liest sich der Abschnitt »Krieg und Geisteskultur« in Max Schelers Buch Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg wie eine Pflichtübung.

Der Krieg, so Scheler, ist keine bloße physische Gewaltäußerung, sondern Ausdruck des Machtwillens, und Macht ist, im Gegensatz zu Gewalt, auch Geist. Die Kultur wird nicht direkt vom Staat bestimmt – »Kultur auf Grund von Staatsauftrag ist meist nur Öldruck und Kulisse« –, mittelbar aber ist der Staat, in seiner Autonomie und Freiheit, Vorbedingung auch für das Entstehen einer wahren Geisteskultur. Aus dieser Prämisse ergibt sich ein doppeldeutiger Rückblick in die deutsche Vergangenheit. Auf der einen Seite wird vor der »einseitigen akademischen Verhimmelung« der deutschen Klassik gewarnt, und ihr »wirklichkeitsflüchtiger Zug« wird scharf kritisiert – gleich, ob Griechenland oder das Mittelalter der bevorzugte Fluchtort war: »Etwas Mattes, Abstraktes, gelehrtenhaft Unmännliches, etwas Abseitsstehendes, Blut- und Leidenschaftsloses im Kerne dieser Kulturidee, selbst noch angesichts Goethes zu empfinden, darum wird kein echtes Kind unserer Tage herumkommen.« Auch waren diese Wirklichkeitsflüchter, so Scheler, zum überwiegenden Teil Kleinbürger, die sich in der Luft kleiner, oft kleinlicher Höfe sonnten. Auf der anderen Seite wird von Scheler die politische Bedingtheit auch der Klassik hervorgehoben. Lessings selbstbewusst gegen die französische Tradition verfasste Dramen sind undenkbar ohne Friedrichs des Großen Siebenjährigen Krieg. Die Figur des Major Tellheim aus Minna von Barnhelm, dem ersten deutschen Lustspiel, ist dafür das beste Beispiel. Die Kulturnation, der Goethe und Schiller sich zugehörig fühlten, wurde bereits im 18. Jahrhundert von der gleichen Reichsidee durchpulst, die beim Kriegsausbruch 1914 die Elite Deutschlands jubelnd an die Front ziehen lässt.

»Wenn aber die Zeit nach 1870 kulturell so wenig Hoffnungen erfüllte, so lag dies in erster Linie nicht daran, dass es eine allgemeine Regel wäre, dass siegreiche Kriege den Materialismus und Zurückdrängung alles Geistigen im Gefolge haben müssten«, schrieb Max Scheler. Ebendiese allgemeine Regel aber hatte Nietzsche aufgestellt – wobei man durchaus den Eindruck haben konnte, dass sie in seinen Augen insbesondere auf Deutschland zutraf. Wirksam blieb sie nur in den Äußerungen skeptischer Realisten – wie beispielsweise Max Weber. Auf der einen Seite war Weber davon überzeugt, dass mit dem politischen Prestige eines Landes auch die Anerkennung für seine Kulturleistungen wuchs; auf der anderen Seite bezweifelte er, dass Deutschlands Kultur von der größeren politischen Macht profitieren würde, die Deutschland nach dem Sieg über Frankreich zugefallen war.

Walther Rathenau teilte Webers Skepsis. Im Rückblick auf den patriotischen Ausbruch zu Beginn des Weltkriegs schämte er sich der Überheblichkeit selbstzufriedener deutscher Professoren und Kaufleute, die von Deutschland als einer Kulturnation gesprochen hatten, während die übrigen europäischen Länder nur Zivilisationen waren: »Nur wir hatten Kultur […]. Nur wir waren Helden, alle übrigen waren Händler, Krämer, Neidlinge.« In seinem im Oktober 1918 geschriebenen Text mit dem Titel »Staat und Vaterland«, dem er den pointierten Untertitel »Der letzte Aufsatz vor der Revolution« gab, beklagte Rathenau den deutschen patriotischen Wahn, der glaubte, »Wilhelm mit seinen Paladinen, auf weißen Rossen durch das Brandenburger Tor einreitend, sei berufen, Alexander, Cäsar, Friedrich und Bonaparte in den Schatten zu stellen: das war das tiefste Versagen des deutschen Geistes.« Aus dem »Geist des Verstehens, der Gerechtigkeit, der wunschlosen, unbestechlichen Wahrheit […], der nur eine Gefahr kannte, zu hoch und zu selbstvergessen über der Wirklichkeit zu schweben«, war ein »Geist der Interessen, des Machtwillens, der Selbstverherrlichung, des Vorgesetztentums und der Untergebenheit« geworden. Die schwierige Aufgabe der Zukunft bestand darin, Ideal und Wirklichkeit miteinander zu versöhnen – eine von Überheblichkeit freie Kultur und eine Politik ohne Selbstüberschätzung auszubilden und sie in Einklang miteinander zu bringen.

Während des Kriegs hatten nur wenige Intellektuelle den Mut, sich von einem aggressiven Kulturpatriotismus, der das ganze Land überschwemmte, zu distanzieren oder Rathenau öffentlich zuzustimmen, der vorgeschlagen hatte, das Wort »Kultur« aus dem deutschen Wortschatz zu streichen. Zu den wenigen zählte Hugo Preuß, der Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, der später den ersten Entwurf der Weimarer Verfassung vorlegen sollte. Als eine Niederlage Deutschlands noch kaum denkbar erschien, bezeichnete Preuß den zänkischen Anspruch der Intellektuellen auf kulturelle Vorherrschaft als Satyrspiel neben der Tragödie des Kriegs. Fast zur gleichen Zeit ließ sich an Ernst Troeltschs Essay über »Die Ideen von 1914« ablesen, wie Einsichten, die gegen die herrschenden Vorurteile gewonnen worden waren, sich abschwächten und der öffentlichen Meinung anpassten. Ähnlich wie Preuß hob Troeltsch ursprünglich hervor, der Weltkrieg sei »in erster Linie alles andere als ein Krieg des Geistes und der Kulturgegensätze, wie oft pathetische Überidealisten wollen. Er ist das Ergebnis der imperialistischen Weltspannung […]. Es ging um Macht und Leben, sonst um nichts […].« Später wird aber auch bei ihm der »deutsche Kampf der vereinigten Militärs, Fabrikanten, Techniker, Chemiker, Kaufleute und Arbeiter« zu einem »Krieg des Geistes und Charakters«. Originell ist Troeltsch freilich mit seiner Behauptung, auf einen Kulturkrieg seien die Feinde Deutschlands vorbereitet gewesen, während im Land der Dichter und Denker »die Formeln und Ideen« für diese Form des Krieges erst mühsam gefunden werden mussten.

Als 1918 das Ausmaß der politischen und militärischen Niederlage sichtbar wurde, wiesen deutsche Historiker, wie vier Jahre zuvor beim Ausbruch des Kriegs, die Behauptung der Alliierten zurück, nur gegen den deutschen Militarismus, nicht aber gegen die deutsche Kultur gekämpft zu haben. Die dieser Behauptung zugrunde liegende Unterscheidung machte in einem Land keinen Sinn, dessen Bewohner als tapfere Soldaten – und gleichzeitig als Dichter und Denker gekämpft hatten. Deutschland war in einen Kulturkrieg hineingezogen worden, auf den es nicht vorbereitet gewesen war. Schlimmer als Bomben und Mörser hatten die Angriffe ausländischer Literaten gewirkt, die gegen Goethes Heimatland gerichtet wurden.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg erklärten deutsche Historiker stolz, dass sich ihr Land zwischen 1770 und 1840 von den Hauptströmungen des europäischen politischen Denkens abgekoppelt habe. Sie wiesen aber entschieden den Vorwurf zurück, dass in Deutschland seit dieser Zeit Innerlichkeit ein allgemein erstrebtes Ideal und zugleich Politik-Ersatz geworden war. Es war eine Unverschämtheit, zu behaupten, Deutschlands größte Errungenschaft sei seine Kultur und seine schlimmste Fehlleistung sei die Politik gewesen. Nietzsches Provokation in seiner unzeitgemäßen Betrachtung »Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben« wirkte immer noch nach. Drei Jahre nach der Reichsgründung hatte er bekannt, für ihn gebe es etwas Wichtigeres als die »politische Wiedervereinigung Deutschlands«, und dies sei »die Einheit des deutschen Geistes und Lebens nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form und Inhalt, von Innerlichkeit und Convention.«

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