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Deutschstunde
(Leseprobe aus: Deutschstunde, Roman, 1968,
Hoffmann und Campe).
1 Die Strafarbeit
Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben. Joswig selbst hat mich in
mein festes Zimmer gebracht, hat die Gitter vor dem Fenster beklopft,
den Strohsack massiert, hat sodann, unser Lieblingswärter,
meinen metallenen Schrank durchforscht und mein altes Versteck
hinter dem Spiegel. Schweigend, schweigend und gekränkt hat er
weiterhin den Tisch inspiziert und den mit Kerben bedeckten Hokker,
hat dem Ausguß sein Interesse gewidmet, hat sogar, mit forderndem
Knöchel, dem Fensterbrett ein paar pochende Fragen gestellt,
den Ofen auf Neutralität untersucht, und danach ist er zu mir
gekommen, um mich gemächlich abzutasten von der Schulter bis
zum Knie und sich beweisen zu lassen, daß ich nichts Schädliches in
meinen Taschen trug. Dann hat er vorwurfsvoll das Heft auf meinen
Tisch gelegt, das Aufsatzheft – auf dem grauen Etikett steht: Deutsche
Aufsätze von Siggi Jepsen –, ist grußlos zur Tür gegangen,
enttäuscht, gekränkt in seiner Güte; denn unter den Strafen, die
man uns gelegentlich zuerkennt, leidet Joswig, unser Lieblingswärter,
empfindlicher, auch länger und folgenreicher als wir. Nicht
durch Worte, aber durch die Art, wie er abschloß, hat er mir seinen
Kummer zu verstehen gegeben: lustlos, mit stochernder Ratlosigkeit
fuhr sein Schlüssel ins Schloß, er zauderte vor der ersten Drehung,
verharrte wiederum, ließ das Schloß noch einmal aufschnappen und
beantwortete sogleich diese Unentschiedenheit, sich selbst verweisend,
mit zwei schroffen Umdrehungen. Niemand anders als Karl
Joswig, ein zierlicher, scheuer Mann, hat mich zur Strafarbeit eingeschlossen.
Obwohl ich fast einen Tag lang so sitze, kann und kann ich nicht
anfangen: schau ich zum Fenster hinaus, fließt da durch mein weiches
Spiegelbild die Elbe; mach ich die Augen zu, hört sie nicht auf
zu fließen, ganz bedeckt mit bläulich schimmerndem Treibeis. Ich
muß die Schlepper verfolgen, die mit krustigem, befendertem Bug
graue Schnittmuster entwerfen, muß dem Strom zusehen, wie er
von seinem Überfluß Eisschollen an unseren Strand abgibt, sie hinaufdrückt,
knirschend höherschiebt bis zu den trockenen Schilfstoppeln,
wo er sie vergißt. Widerwillig beobachte ich die Krähen,
die, scheint’s, eine Verabredung bei Stade haben: von Wedel her, von
Finkenwerder und Hahnöfersand schwingen sie einzeln heran, vereinigen
sich über unserer Insel zu einem Schwarm, steigen und wenden
in verwinkeltem Flug, bis sie sich auf einmal einem günstigen
Wind anbieten, der sie nach Stade wirft. Das knotige Weidengebüsch
lenkt mich ab, das glasiert ist und mit trockenem Reif gepudert;
der weiße Maschendraht, die Werkräume, die Warntafeln am
Strand, die hartgefrorenen Klumpen des Gemüselandes, das wir im
Frühjahr unter Aufsicht der Wärter selbst bebauen: alles und sogar
die Sonne lenkt mich ab, die, wie durch Milchglas getrübt, lange,
keilförmige Schatten fordert. Und bin ich trotzdem einmal nahe
daran, anzufangen, fällt mein Blick unweigerlich auf den zerschrammten,
an Ketten hängenden Anlegeponton, an dem die gedrungene,
messingblitzende Barkasse aus Hamburg festmacht, um
pro Woche, sagen wir mal, bis zu zwölfhundert Psychologen abzusetzen,
die sich geradezu krankhaft für schwer erziehbare Jugendliche
interessieren. Ich kann nicht wegsehen, wenn sie den gekrümmten
Strandweg heraufkommen, ins blaue Direktionsgebäude geführt
werden und nach üblicher Begrüßung, womöglich auch nach Ermahnungen
zu Vorsicht und unauffälligem Forschen, ungeduldig
hinausdrängen, scheinbar absichtslos über unsere Insel schwärmen
und sich an meine Freunde heranmachen: an Pelle Kastner zum
Beispiel, an Eddi Sillus und den jähzornigen Kurtchen Nickel. Vielleicht
interessieren sie sich deshalb so für uns, weil die Direktion
errechnet hat, daß jeder, der auf dieser Insel gebessert worden ist,
nach seiner Entlassung mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit
nicht wieder straffällig wird. Wenn Joswig mich nicht zur Strafarbeit
eingeschlossen hätte, wären sie jetzt wohl auch hinter mir her, würden
meinen Lebenslauf unter ihr wissenschaftliches Brennglas halten
und sich bemühen, ein Bild von mir zu gewinnen. Aber ich muß
die doppelte Deutschstunde nachholen, muß die Arbeit liefern, die
ein hagerer, schreckhafter Doktor Korbjuhn und unser Direktor
Himpel von mir erwarten. Auf Hahnöfersand, der Nachbarinsel, die
ebenfalls elbabwärts liegt, Richtung Twielenfleth Wischhafen, und
auf der, wie bei uns, schwer erziehbare Jugendliche festgehalten und
gebessert werden, wäre das nicht möglich: zwar gleichen sich die
beiden Inseln sehr, zwar werden sie vom gleichen öltrüben Wasser
belagert, von den gleichen Schiffen passiert, von den gleichen Möwen
beansprucht, doch auf Hahnöfersand gibt es keinen Doktor
Korbjuhn, keine Deutschstunden, keine Aufsatzthemen, unter denen,
Ehrenwort, die meisten sogar körperlich leiden. Viele von uns
möchten daher lieber auf Hahnöfersand gebessert werden, wo die
seegehenden Schiffe zuerst vorbeikommen und wo die knatternde,
zerrissene Flamme über der Raffinerie jeden dauerhaft grüßt.
Auf der Schwesterinsel, das ist sicher, hätte ich keine Strafarbeit
erhalten, denn dort kann nicht geschehen, was bei uns geschah: hier
genügte es, daß ein hagerer, nach Salbe riechender Mensch auf
Korbjuhnsche Art in den Klassenraum trat, uns höhnisch, aber auch
schreckhaft musterte, sich ein »Guten-Morgen-Herr-Doktor« wünschen
ließ und ohne Ankündigung, ohne Warnung die Aufsatzhefte
verteilte. Er sagte nichts. Er trat vielmehr, und ich meine: genußvoll,
an die Tafel, ergriff die Kreide, hob die unansehnliche Hand und
schrieb, während ihm der Ärmel bis zum Ellenbogen hinabrutschte,
dabei einen trockenen, gelblichen, wenigstens hundertjährigen Arm
freigab, das Thema an die Tafel, in seiner geduckten, schrägen
Schrift, in der Schräge der Scheinheiligkeit. Es hieß: »Die Freuden
der Pflicht.« Ich blickte erschrocken in die Klasse, sah nur gekrümmte
Rücken, verstörte Gesichter; da lief ein Zischen von Bank
zu Bank, Füße scharrten, Tischplatten wurden mit Seufzern gespickt.
Ole Plötz, mein Nebenmann, bewegte seine fleischigen Lippen,
las halblaut mit und bereitete seine Krämpfe vor. Charlie Friedländer,
der begabt genug ist, nach Belieben blaß, grünlich, jedenfalls
alarmierend ungesund zu erscheinen, so daß alle Erzieher ihn spontan
von jeder Arbeit befreien – Charlie ließ bereits seine Atemkunst
spielen, verfärbte sich zwar noch nicht, machte sich jedoch schon,
unter geschickter Mitwirkung der Halsschlagader, Schweißperlen
auf Stirn und Oberlippe. Ich zog meinen Taschenspiegel heraus,
winkelte ihn in Richtung zum Fenster, fing mir etwas Sonne und
warf die Sonne gegen die Tafel, worauf Doktor Korbjuhn sich er-
schreckt umwandte, mit zwei Schritten die Sicherheit des Katheders
gewann und uns von dort herab befahl, anzufangen. Noch einmal
flog sein trockener Arm hoch, sein Zeigefinger wies in fordernder
Starre auf das Thema: »Die Freuden der Pflicht«, und um allen
Fragen auszuweichen, verfügte er: Jeder kann schreiben, was er will;
nur muß die Arbeit von den Freuden der Pflicht handeln.
Ich halte meine Strafarbeit – bei gleichzeitiger Einschließung und
vorläufigem Besuchsverbot – für unverdient; denn man läßt mich
nicht dafür büßen, daß meiner Erinnerung oder meiner Phantasie
nichts gelang, vielmehr hat man mir diese Abgeschiedenheit verordnet,
weil ich, gehorsam nach den Freuden der Pflicht suchend,
plötzlich zuviel zu erzählen hatte, oder doch so viel, daß mir kein
Anfang gelang, sosehr ich mich auch anstrengte. Da es nicht beliebige,
da es die Freuden der Pflicht sein sollten, die Korbjuhn sich
von uns entdeckt, beschrieben, ausgekostet, jedenfalls eindeutig bewiesen
wünschte, konnte mir niemand anderes erscheinen als mein
Vater Jens Ole Jepsen, seine Uniform, sein Dienstfahrrad, das Fernglas,
der Regenumhang, seine in unablässigem Westwind segelnde
Silhouette auf dem Kamm des Deiches. Unter Doktor Korbjuhns
mahnendem Blick fiel er mir sogleich ein: im Frühjahr, nein, im
Herbst, dann also an einem dunklen, windfrischen Tag im Sommer
schob er sein Fahrrad wie immer zum schmächtigen Ziegelweg
hinab, hielt, wie immer, unter dem Schild »Polizeiposten Rugbüll«,
brachte die Pedale, indem er das Hinterrad hob, in die erwünschte
Ausgangsstellung, verschaffte sich wie immer mit zwei Stößen den
nötigen Schwung zum Aufsitzen und fuhr, zunächst schlingernd,
stuckernd, vom Westwind aufgebauscht, ein Stück in Richtung zur
Husumer Chaussee, die nach Heide und Hamburg weiterführt, bog
beim Torfteich ab und fuhr, jetzt mit seitlichem Wind, an den maulwurfsgrauen
Gräben entlang zum Deich, wie immer an der flügellosen
Mühle vorbei, saß hinter der Holzbrücke ab und schob das
Fahrrad schräg den wulstigen Deich hinauf, gewann dort oben, vor
der Leere des Horizonts, eine unerwartete, den Raum betreffende
Bedeutung, schwang sich abermals in den Sattel und segelte nun,
eine einsame Tjalk, mit prallem, geblähtem und fast explodierendem
Umhang auf dem Kamm des Deiches entlang, nach Bleekenwarf,
wie immer nach Bleekenwarf. Nie vergaß er seinen Auftrag. Wenn
der Herbstwind Korvetten über den Himmel von Schleswig-Holstein
trieb: mein Vater war unterwegs. Im scheckigen Frühjahr, bei
Regen, an trüben Sonntagen, morgens und abends, in Krieg und
Frieden schwang er sich auf sein Fahrrad und strampelte in die
Sackgasse seiner Mission, die ihn immer nur nach Bleekenwarf
führte von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dies Bild, wie gesagt, diese mühselige Fahrt, zu der der Außenposten
der Landpolizei Rugbüll – der nördlichste Polizeiposten
Deutschlands – andauernd aufbrach, gelang meiner Erinnerung sofort,
und um Korbjuhn zu dienen, dachte ich mich noch näher
heran, band mir einen Schal um, ließ mich auf den Gepäckträger des
Dienstfahrrades setzen und fuhr einfach mit nach Bleekenwarf, wie
so oft, hielt mich, wie so oft, mit klammen Fingern am Koppel
meines Vaters fest, während der Gepäckträger mir mit seinem harten
Gestänge rote Flecken in die Oberschenkel kniff. Ich fuhr mit
und sah uns gleichzeitig, gegen den Hintergrund unentbehrlicher
Abendwolken, gemeinsam auf dem Deich entlangfahren, ich spürte
die Windstöße frei und scharf von der Einöde des Watts und sah uns
beide von fern schwanken unter denselben Windstößen, und ich
hörte meinen Vater stöhnen vor Anstrengung, nicht verzweifelt oder
zornig über den Wind, sondern nur ordnungsgemäß stöhnen und,
wie mir schien, mit heimlicher Genugtuung. Am Watt, am schwarzen
winterlichen Meer entlang, fuhren wir nach Bleekenwarf, das
ich kannte wie kein Anwesen außer der zerfallenden Mühle und
unserm Haus; ich sah es daliegen auf schmutzigem Erdsockel, von
Erlen flankiert, deren Kronen scharf gestriegelt und nach Osten hingebogen
waren, ich versetzte mich vor das schwingende Holztor,
öffnete es, blickte forschend auf Wohnhaus, Stall, Schuppen und das
Atelier, aus dem mir, wie so oft, Max Ludwig Nansen zuwinkte,
listig und vorsorglich drohend.
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