Deutschstunde von Siegfried Lenz, 1968/2011, HoCa

Siegfried Lenz

Deutschstunde
(Leseprobe aus: Deutschstunde, Roman, 1968, Hoffmann und Campe).

1 Die Strafarbeit

Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben. Joswig selbst hat mich in

mein festes Zimmer gebracht, hat die Gitter vor dem Fenster beklopft,

den Strohsack massiert, hat sodann, unser Lieblingswärter,

meinen metallenen Schrank durchforscht und mein altes Versteck

hinter dem Spiegel. Schweigend, schweigend und gekränkt hat er

weiterhin den Tisch inspiziert und den mit Kerben bedeckten Hokker,

hat dem Ausguß sein Interesse gewidmet, hat sogar, mit forderndem

Knöchel, dem Fensterbrett ein paar pochende Fragen gestellt,

den Ofen auf Neutralität untersucht, und danach ist er zu mir

gekommen, um mich gemächlich abzutasten von der Schulter bis

zum Knie und sich beweisen zu lassen, daß ich nichts Schädliches in

meinen Taschen trug. Dann hat er vorwurfsvoll das Heft auf meinen

Tisch gelegt, das Aufsatzheft – auf dem grauen Etikett steht: Deutsche

Aufsätze von Siggi Jepsen –, ist grußlos zur Tür gegangen,

enttäuscht, gekränkt in seiner Güte; denn unter den Strafen, die

man uns gelegentlich zuerkennt, leidet Joswig, unser Lieblingswärter,

empfindlicher, auch länger und folgenreicher als wir. Nicht

durch Worte, aber durch die Art, wie er abschloß, hat er mir seinen

Kummer zu verstehen gegeben: lustlos, mit stochernder Ratlosigkeit

fuhr sein Schlüssel ins Schloß, er zauderte vor der ersten Drehung,

verharrte wiederum, ließ das Schloß noch einmal aufschnappen und

beantwortete sogleich diese Unentschiedenheit, sich selbst verweisend,

mit zwei schroffen Umdrehungen. Niemand anders als Karl

Joswig, ein zierlicher, scheuer Mann, hat mich zur Strafarbeit eingeschlossen.

Obwohl ich fast einen Tag lang so sitze, kann und kann ich nicht

anfangen: schau ich zum Fenster hinaus, fließt da durch mein weiches

Spiegelbild die Elbe; mach ich die Augen zu, hört sie nicht auf

zu fließen, ganz bedeckt mit bläulich schimmerndem Treibeis. Ich

muß die Schlepper verfolgen, die mit krustigem, befendertem Bug

graue Schnittmuster entwerfen, muß dem Strom zusehen, wie er

von seinem Überfluß Eisschollen an unseren Strand abgibt, sie hinaufdrückt,

knirschend höherschiebt bis zu den trockenen Schilfstoppeln,

wo er sie vergißt. Widerwillig beobachte ich die Krähen,

die, scheint’s, eine Verabredung bei Stade haben: von Wedel her, von

Finkenwerder und Hahnöfersand schwingen sie einzeln heran, vereinigen

sich über unserer Insel zu einem Schwarm, steigen und wenden

in verwinkeltem Flug, bis sie sich auf einmal einem günstigen

Wind anbieten, der sie nach Stade wirft. Das knotige Weidengebüsch

lenkt mich ab, das glasiert ist und mit trockenem Reif gepudert;

der weiße Maschendraht, die Werkräume, die Warntafeln am

Strand, die hartgefrorenen Klumpen des Gemüselandes, das wir im

Frühjahr unter Aufsicht der Wärter selbst bebauen: alles und sogar

die Sonne lenkt mich ab, die, wie durch Milchglas getrübt, lange,

keilförmige Schatten fordert. Und bin ich trotzdem einmal nahe

daran, anzufangen, fällt mein Blick unweigerlich auf den zerschrammten,

an Ketten hängenden Anlegeponton, an dem die gedrungene,

messingblitzende Barkasse aus Hamburg festmacht, um

pro Woche, sagen wir mal, bis zu zwölfhundert Psychologen abzusetzen,

die sich geradezu krankhaft für schwer erziehbare Jugendliche

interessieren. Ich kann nicht wegsehen, wenn sie den gekrümmten

Strandweg heraufkommen, ins blaue Direktionsgebäude geführt

werden und nach üblicher Begrüßung, womöglich auch nach Ermahnungen

zu Vorsicht und unauffälligem Forschen, ungeduldig

hinausdrängen, scheinbar absichtslos über unsere Insel schwärmen

und sich an meine Freunde heranmachen: an Pelle Kastner zum

Beispiel, an Eddi Sillus und den jähzornigen Kurtchen Nickel. Vielleicht

interessieren sie sich deshalb so für uns, weil die Direktion

errechnet hat, daß jeder, der auf dieser Insel gebessert worden ist,

nach seiner Entlassung mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit

nicht wieder straffällig wird. Wenn Joswig mich nicht zur Strafarbeit

eingeschlossen hätte, wären sie jetzt wohl auch hinter mir her, würden

meinen Lebenslauf unter ihr wissenschaftliches Brennglas halten

und sich bemühen, ein Bild von mir zu gewinnen. Aber ich muß

die doppelte Deutschstunde nachholen, muß die Arbeit liefern, die

ein hagerer, schreckhafter Doktor Korbjuhn und unser Direktor

Himpel von mir erwarten. Auf Hahnöfersand, der Nachbarinsel, die

ebenfalls elbabwärts liegt, Richtung Twielenfleth Wischhafen, und

auf der, wie bei uns, schwer erziehbare Jugendliche festgehalten und

gebessert werden, wäre das nicht möglich: zwar gleichen sich die

beiden Inseln sehr, zwar werden sie vom gleichen öltrüben Wasser

belagert, von den gleichen Schiffen passiert, von den gleichen Möwen

beansprucht, doch auf Hahnöfersand gibt es keinen Doktor

Korbjuhn, keine Deutschstunden, keine Aufsatzthemen, unter denen,

Ehrenwort, die meisten sogar körperlich leiden. Viele von uns

möchten daher lieber auf Hahnöfersand gebessert werden, wo die

seegehenden Schiffe zuerst vorbeikommen und wo die knatternde,

zerrissene Flamme über der Raffinerie jeden dauerhaft grüßt.

Auf der Schwesterinsel, das ist sicher, hätte ich keine Strafarbeit

erhalten, denn dort kann nicht geschehen, was bei uns geschah: hier

genügte es, daß ein hagerer, nach Salbe riechender Mensch auf

Korbjuhnsche Art in den Klassenraum trat, uns höhnisch, aber auch

schreckhaft musterte, sich ein »Guten-Morgen-Herr-Doktor« wünschen

ließ und ohne Ankündigung, ohne Warnung die Aufsatzhefte

verteilte. Er sagte nichts. Er trat vielmehr, und ich meine: genußvoll,

an die Tafel, ergriff die Kreide, hob die unansehnliche Hand und

schrieb, während ihm der Ärmel bis zum Ellenbogen hinabrutschte,

dabei einen trockenen, gelblichen, wenigstens hundertjährigen Arm

freigab, das Thema an die Tafel, in seiner geduckten, schrägen

Schrift, in der Schräge der Scheinheiligkeit. Es hieß: »Die Freuden

der Pflicht.« Ich blickte erschrocken in die Klasse, sah nur gekrümmte

Rücken, verstörte Gesichter; da lief ein Zischen von Bank

zu Bank, Füße scharrten, Tischplatten wurden mit Seufzern gespickt.

Ole Plötz, mein Nebenmann, bewegte seine fleischigen Lippen,

las halblaut mit und bereitete seine Krämpfe vor. Charlie Friedländer,

der begabt genug ist, nach Belieben blaß, grünlich, jedenfalls

alarmierend ungesund zu erscheinen, so daß alle Erzieher ihn spontan

von jeder Arbeit befreien – Charlie ließ bereits seine Atemkunst

spielen, verfärbte sich zwar noch nicht, machte sich jedoch schon,

unter geschickter Mitwirkung der Halsschlagader, Schweißperlen

auf Stirn und Oberlippe. Ich zog meinen Taschenspiegel heraus,

winkelte ihn in Richtung zum Fenster, fing mir etwas Sonne und

warf die Sonne gegen die Tafel, worauf Doktor Korbjuhn sich er-

schreckt umwandte, mit zwei Schritten die Sicherheit des Katheders

gewann und uns von dort herab befahl, anzufangen. Noch einmal

flog sein trockener Arm hoch, sein Zeigefinger wies in fordernder

Starre auf das Thema: »Die Freuden der Pflicht«, und um allen

Fragen auszuweichen, verfügte er: Jeder kann schreiben, was er will;

nur muß die Arbeit von den Freuden der Pflicht handeln.

Ich halte meine Strafarbeit – bei gleichzeitiger Einschließung und

vorläufigem Besuchsverbot – für unverdient; denn man läßt mich

nicht dafür büßen, daß meiner Erinnerung oder meiner Phantasie

nichts gelang, vielmehr hat man mir diese Abgeschiedenheit verordnet,

weil ich, gehorsam nach den Freuden der Pflicht suchend,

plötzlich zuviel zu erzählen hatte, oder doch so viel, daß mir kein

Anfang gelang, sosehr ich mich auch anstrengte. Da es nicht beliebige,

da es die Freuden der Pflicht sein sollten, die Korbjuhn sich

von uns entdeckt, beschrieben, ausgekostet, jedenfalls eindeutig bewiesen

wünschte, konnte mir niemand anderes erscheinen als mein

Vater Jens Ole Jepsen, seine Uniform, sein Dienstfahrrad, das Fernglas,

der Regenumhang, seine in unablässigem Westwind segelnde

Silhouette auf dem Kamm des Deiches. Unter Doktor Korbjuhns

mahnendem Blick fiel er mir sogleich ein: im Frühjahr, nein, im

Herbst, dann also an einem dunklen, windfrischen Tag im Sommer

schob er sein Fahrrad wie immer zum schmächtigen Ziegelweg

hinab, hielt, wie immer, unter dem Schild »Polizeiposten Rugbüll«,

brachte die Pedale, indem er das Hinterrad hob, in die erwünschte

Ausgangsstellung, verschaffte sich wie immer mit zwei Stößen den

nötigen Schwung zum Aufsitzen und fuhr, zunächst schlingernd,

stuckernd, vom Westwind aufgebauscht, ein Stück in Richtung zur

Husumer Chaussee, die nach Heide und Hamburg weiterführt, bog

beim Torfteich ab und fuhr, jetzt mit seitlichem Wind, an den maulwurfsgrauen

Gräben entlang zum Deich, wie immer an der flügellosen

Mühle vorbei, saß hinter der Holzbrücke ab und schob das

Fahrrad schräg den wulstigen Deich hinauf, gewann dort oben, vor

der Leere des Horizonts, eine unerwartete, den Raum betreffende

Bedeutung, schwang sich abermals in den Sattel und segelte nun,

eine einsame Tjalk, mit prallem, geblähtem und fast explodierendem

Umhang auf dem Kamm des Deiches entlang, nach Bleekenwarf,

wie immer nach Bleekenwarf. Nie vergaß er seinen Auftrag. Wenn

der Herbstwind Korvetten über den Himmel von Schleswig-Holstein

trieb: mein Vater war unterwegs. Im scheckigen Frühjahr, bei

Regen, an trüben Sonntagen, morgens und abends, in Krieg und

Frieden schwang er sich auf sein Fahrrad und strampelte in die

Sackgasse seiner Mission, die ihn immer nur nach Bleekenwarf

führte von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Dies Bild, wie gesagt, diese mühselige Fahrt, zu der der Außenposten

der Landpolizei Rugbüll – der nördlichste Polizeiposten

Deutschlands – andauernd aufbrach, gelang meiner Erinnerung sofort,

und um Korbjuhn zu dienen, dachte ich mich noch näher

heran, band mir einen Schal um, ließ mich auf den Gepäckträger des

Dienstfahrrades setzen und fuhr einfach mit nach Bleekenwarf, wie

so oft, hielt mich, wie so oft, mit klammen Fingern am Koppel

meines Vaters fest, während der Gepäckträger mir mit seinem harten

Gestänge rote Flecken in die Oberschenkel kniff. Ich fuhr mit

und sah uns gleichzeitig, gegen den Hintergrund unentbehrlicher

Abendwolken, gemeinsam auf dem Deich entlangfahren, ich spürte

die Windstöße frei und scharf von der Einöde des Watts und sah uns

beide von fern schwanken unter denselben Windstößen, und ich

hörte meinen Vater stöhnen vor Anstrengung, nicht verzweifelt oder

zornig über den Wind, sondern nur ordnungsgemäß stöhnen und,

wie mir schien, mit heimlicher Genugtuung. Am Watt, am schwarzen

winterlichen Meer entlang, fuhren wir nach Bleekenwarf, das

ich kannte wie kein Anwesen außer der zerfallenden Mühle und

unserm Haus; ich sah es daliegen auf schmutzigem Erdsockel, von

Erlen flankiert, deren Kronen scharf gestriegelt und nach Osten hingebogen

waren, ich versetzte mich vor das schwingende Holztor,

öffnete es, blickte forschend auf Wohnhaus, Stall, Schuppen und das

Atelier, aus dem mir, wie so oft, Max Ludwig Nansen zuwinkte,

listig und vorsorglich drohend.

(...)

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