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Schwester
und Bruder
(Leseprobe aus: Schwester und Bruder, Roman, 2003, DuMont).)
Lukas ist vor mir wach, steht unter
der Dusche und pfeift eine Melodie. Ich schalte den Fernseher an; ein
Bahnstreik, sagt die Nachrichtensprecherin im grünen Sari, nation-wide, ich
gehe ins Badezimmer, rufe es ihm zu, triumphierend fast, er stellt das Wasser
ab, zieht den Vorhang zurück, seine Nacktheit, als würde sie sein Unglück
vermehren, macht mich verlegen.
„Landesweit“, sage ich. „Und sie wissen nicht, wie lange.“
Der Brausekopf rutscht vom Halter und schlägt gegen die Kacheln. Lukas wischt
sich das Gesicht trocken, lässt Zeit verstreichen, der Dampf wächst durchs
Zimmer, ich trete einen Schritt zurück, frage, „was machen wir nun?“
„Wir nehmen den Bus“, sagt er ungerührt und reibt mit dem Handtuch über
seinen Bauch; ich bin es leid, ihn anzusehen, und drehe mich weg. Rückgang im
Fischfang, Kricketergebnisse, das Wetter: sonnig und windstill bei Höchsttemperaturen
von vierzig Grad, bleibt so in den nächsten Tagen, „ist hier wohl immer
gleich, das Wetter“, sage ich mit dem Rücken zu Lukas, der jetzt ins Zimmer
kommt.
„Regen gibt es erst im Juni. Der Monsun beginnt im Süden und zieht dann über
das ganze Land.“
Ich schaue aus dem Fenster; auf der Straße dichter Verkehr, frage, ob denn die
Überlandbusse weniger vollgestopft seien als die unter unserem Fenster, wo die
Leute schon auf den Trittbrettern stünden und sich aneinander festhalten müssten.
„Nein. Da hocken die auch noch auf dem Dach“, ruft er mir zu. „Erst recht,
wenn keine Züge mehr fahren.“
„Mit so einem Bus reise ich nicht“, sage ich.
Er tastet sich an der Wand entlang zum Bett und dann auf dem Bett herum. Noch
immer ist er nackt. „Ich auch nicht“, sagt er, „wir nehmen einen Mietwagen
mit Chauffeur.“ Ich reiche ihm die Unterhose, die er gesucht hat, und frage,
wo wir den Mietwagen denn herbekämen.
„Du musst das machen, du musst in die Stadt und einen finden.“
Ob ich nicht einfach irgendwo anrufen kann. Er schüttelt den Kopf. Bei solchen
Gelegenheiten breche auch gerne das Telefonnetz zusammen, im Grunde alles;
wahrscheinlich bekäme ich nicht einmal ein Taxi.
Schweiß tropft auf den Zettel in meiner Hand,
die Tinte beginnt zu verlaufen, ich lerne die Wörter auswendig: Viju’s
Limousine Service, Laxmi Apartments; Prakash Car, behind Income Tax Office;
Gupta Car Rental, next to Medical College.
Vor mir das Gateway of India, dieses monströse, hässliche Tor, das Meer
dahinter bewegungslos, fast eingefroren, darüber graues, schlieriges Licht wie
immer, falsch: in die falsche Richtung gelaufen, entnehme ich dem Stadtplan, ich
bin zu weit im Süden, da schiebt sich eine Hand in meine. Ein Tierchen; das
dunkle Fell steht ihm struppig vom Kopf, aber es kann sprechen und lacht, als
lache es mich aus, weil ich es nicht für einen Menschen halte. Kein Geld,
sondern Milchpulver, das Mädchen zieht mich über den Platz, an ihrer Hüfte
ein Bündel aus Lumpen, das schaukelt mit jedem Schritt, wiegt den Säugling,
der hinein gewickelt ist, die Augen geschlossen, als träume er sich weg. „Ist
das dein Kind?“, frage ich und sie nickt, reicht mein Geld dem Mann mit dem
Bauchladen, der gibt ihr einen Karton, auf dem Nestlé steht, sie ruft mir noch
etwas hinterher, ich drehe mich erst um, als es fast zu spät ist; ein letzter
Blick, der damit rechnet, dass sie inzwischen verschwunden ist, aber da sehe
ich, wie sie dem Bauchladenmann die Packung zurückgibt. Stehen bleiben und sich
Zeit nehmen für ich weiß nicht was, als sei ich wieder betrunken; auf dem Plan
fahre ich mit dem Finger die Straßen entlang, eine weiße Linie auf rosa Grund,
die unter meinen Füßen zu einer engen Gasse wird; ich weiche den
Schattenrissen der Entgegenkommenden aus. Am Ende ein Graben, die Flüssigkeit
darin milchig und bewegungslos, über den springe ich, dann ein Lager aus
Kartons und Lumpen, aus denen ein nackter Fuß ragt, ich muss mich wieder
verlaufen haben, doch in der Ferne tauchen plötzlich hohe Neubauten auf, mit
albern schlossähnlichen Türmen und Erkern, bonbonfarben: rosa, gelb, türkis,
auf einem großen Werbeschild steht Laxmi Apartments, Modern City Life, ein Zaun
darum und am Eingang ein Pförtner, der mich geistesabwesend hineinwinkt.
Windstill und leer der Platz. Auch geräuschlos, das kenne ich und bleibe
stehen, Sonntagsstille, nach dem Kirchgang, die Sonne so hart wie der Asphalt,
auf den sie trifft. Man kann nichts tun an solchen Tagen, nur zusehen, wie der
Zeiger vorwärts rückt in die Stille hinein, die stündlich von der
Kirchenglocke im Dorf zerschlagen wird.
Ein paar Kinder spielen Murmeln im Schatten der Hochhäuser, ich frage sie nach
den Garagen, sie schauen müde auf und weisen mir den Weg; noch ein Stück an
den Gebäuden entlang, ein gelbes Schild, Viju’s Limousine Service, taucht
dort über einem Schuppen auf. Ein Mann mittleren Alters, neben ihm eine Kiste
mit Stofffetzen, aus der er sich bedient, um ein Auto zu waschen, nur wenig
Licht fällt durch ein schmales Fenster, er kann gar nicht sehen, was er tut. Ob
er Viju sei, frage ich.
„Ich fahre heute nicht, nur privat, ich bin in Eile.“ Sein indischer Akzent,
denke ich, ob Lukas auch ein solches Englisch spricht, nie spricht er Englisch
in meiner Gegenwart.
Die Bewegungen des Mannes sind eckig und fahrig, die Eile wie eine Verirrung an
diesem stillen Ort, und das reinliche Hemd, in ihm verliert sich mein Blick. Er
sieht mich kurz an, macht dann weiter, ich sage Auf Wiedersehen und er
wiederholt meine Worte, da spüre ich etwas an meinem Fuß, warm und weich, ein
Hundewelpe, ich hebe ihn auf, der Mann stürzt auf mich zu und nimmt ihn mir
weg, wobei sich unsere Finger kurz berühren. Er sieht mich ernst an, sagt,
„das ist gefährlich, Madam“, seine Schneidezähne stehen weit auseinander,
er setzt das Tier zurück in die Kiste mit den Lumpen.
„Ihr Europäer seid so empfindlich. Sie könnten sich etwas holen.“
Wir starren uns an.
„Wohin müssen Sie denn?“
„Chandrapur.“
Er kennt diesen Ort nicht.
In der Nähe von Solapur, erkläre ich, mein Bruder wisse es genauer.
Solapur sei im Osten. Da müsse er auch hin.
Die Fahrt dauert einen Tag und er möchte 80 Dollar mit Unterkunft, First Class,
so wie wir, im Voraus. Das scheint mir zu viel, ich sage es und er erwidert, das
sei der Preis an Tagen wie heute.
Ich steige ein, zwischen der Stadt und mir nun Polster und Glasscheiben, durch
die keine Hände dringen in meine. Der Ambassador sei fast neu, sagt der
Chauffeur, eine indische Lizenzproduktion, die seit vierzig Jahren unverändert
gebaut werde, sein Sohn sei bei der Navy, reise um die ganze Welt; er will keine
Antwort, das ist mir recht, und Lukas, der wird gleich Hindi reden mit ihm.
Ich laufe die Treppe hoch, klopfe kurz an, rufe
beim Eintreten, „es kann losgehen, bist du fertig, geht es dir gut“, und die
Sätze klingen fremd. Es liegt nicht an diesem Zimmer, denn es ist immer so, nie
der richtige Ton. Er murmelt, „ist gut, lass uns fahren“, geht tastend zur
Treppe, scheint sich zu winden unter meiner Aufmerksamkeit.
Der Chauffeur streckt ihm die Hand entgegen; offensichtlich will er westliches
Vertrauen herstellen.
„Ich bin Viju.“
„Mein Bruder ist blind“, sage ich, weil Lukas nicht reagiert.
Viju klopft ihm auf den Rücken und wiederholt seinen Satz. Lukas sagt etwas auf
Hindi, Viju fragt, ob auch ich Hindi spräche, und als ich verneine, ob wir
nicht alle Englisch reden sollen, „communication is very important.“
Ich schiebe Lukas auf den Rücksitz. Viju ist noch nicht eingestiegen, er schaut
mich an und fragt leise: „Ist er von Geburt an blind?“
Ich zögere, habe die Worte des Arztes im Ohr, Konversionsneurose. „Seit einem
halben Jahr“, sage ich. „Seit seiner ersten Indienreise.“
„Ist das in Indien passiert?“
„Nein, danach. Er brauchte einen Grund, um wiederzukommen.“
Viju scheint das zu gefallen; er lächelt, und wir steigen ein.
Nach ein paar Minuten erzählt Lukas vom Mann ohne Augen. Braves Schulenglisch
wie meins, Verlegenheit plötzlich in seiner Stimme, als er fragt, ob Viju
diesen Guru vielleicht kenne. Viju zeigt auf eine Glitterschrift am
Armaturenbrett, das sei das Om, eine heilige Silbe. Er habe es für die
Touristen angebracht, er selber glaube nicht an Gott. Er glaube auch nicht an
Gurus.
Lukas bleibt ungerührt, aber ich ahne, was in ihm vorgeht.
Alles sei diesmal anders, sagt er schließlich und lächelt, als ich nichts
erwidere, aber Hauptsache, der Chauffeur fahre uns hin, fügt er dann leise
hinzu. Dass es anstrengend gewesen sei, ihn zu finden, sage ich, die Stadt ein
Chaos, er könne es ja leider nicht sehen, aber vielleicht falle ihm auf, dass
wir im Schritttempo fahren und vielleicht sei ihm schon genauso schlecht wie mir
vom Anhalten und Anfahren und Anhalten. Viju sagt, als habe er mich verstanden,
aus der Stadt herauszufinden dauere länger als die ganze Fahrt nach Solapur,
lacht und zündet sich eine Zigarette an, der Qualm ist scharf, redet wieder von
seinem Sohn, der durch die ganze Welt kommt, und von seiner Frau, die in einem
Hotel arbeitet, als Zimmermädchen, wo Leute absteigen, die durch die ganze Welt
kommen, „viele Deutsche“, sagt er und sieht kurz in den Rückspiegel. Wir
seien keine Touristen, sage ich, nur auf der Suche nach jemandem, der meinem
Bruder vielleicht helfen könne; er wackelt mit dem Kopf, aus dem Reiseführer
weiß ich, dass so etwas Zustimmung bedeutet, aber auch eingesetzt wird, um
Unwissenheit oder gar ein Nein abzuschwächen. In Indien gingen viele verloren,
sagt Viju, das Land sei wie geschaffen dafür, aber ob wir wüssten, dass Bombay
jetzt Mumbai heiße, alle würden immer noch Bombay sagen, es sei nicht
rauszukriegen aus den Köpfen.
Der Verkehr wird dünner und Viju gibt Gas. Seine Stimme spannt sich durch den
Innenraum wie eine Feder, hält die Spannung, ohne dass wir etwas sagen müssten,
und wir sagen schon lange nichts mehr. Er schaltet das Radio an, Hindi-Schlager,
dreht sich zu mir um und lacht auf, als ich das Gesicht verziehe, es sei ein
Liebeslied, und das seien sie alle, er beginnt mitzusingen. Singt die ganze
Fahrt über von Bombay nach Poona, vier Stunden lang.
Es ist bereits dunkel. Das Hotel heißt
Gardenview und die Bar hat schon geschlossen. Beide lehnen wir Vijus Idee ab,
gemeinsam in der Nähe etwas zu essen. Hungrig gehen wir aufs Zimmer.
Es ist groß und sauber. An der Wand hängt ein Bild mit einem Wasserfall, der
zu fließen anfängt, als ich ihn einschalte. Lukas zieht seine Sonnenbrille ab
und legt sich aufs Bett.
„Ich will nicht reden“, sagt er, als ich frage, wie es ihm geht.
Im Badezimmer ist ein Loch im Boden, Indian style, rufe ich, als könnte ich ihn
damit aufmuntern. Die Spülung funktioniert nicht, aber es gibt einen Wasserhahn
und einen kleinen Eimer. Unter der Dusche bekomme ich einen Stromschlag. Ich
schreie und Lukas ruft durch die Tür, dass ich Gummisandalen besorgen müsse,
das sei immer so, in diesen Hotels.
Wieder schläft er vor mir ein. Er liegt auf der Seite, mit dem Rücken zu mir. Stille tritt in seinen Körper und lässt mich zurück in Unruhe. Nur die Rippen bewegen sich im Rhythmus der Lungen. Ich könnte darüber streichen, über die glatte, entspannte Haut, mit dem Finger oder Handrücken, erkunden, was vergessen wurde zwischen Muskeln, Sehnen, Haut. Er würde nicht aufwachen, und wenn, nichts wissen, nichts verstehen. Durch das Zimmer wandern Geräusche von draußen wie Besucher, die im Schatten bleiben, ein fremder Gesang und ein Tier, sie mischen sich, als gehörten sie zusammen, und ich drehe mich auf die andere Seite, berühre ihn nicht, vergesse.
Wir brechen früh auf. Der Himmel ist diesig und
die Ochsenkarren, Rikschas und Autos bewegen sich so langsam, dass Kühe und Fußgänger
gemütlich zwischen ihnen hergehen können. Poona sei eine sehr moderne Stadt,
sagt Viju und zündet sich eine Zigarette an. Eine Universitäts- und
Industriestadt, die Briten hätten sie wegen des guten Klimas als Residenz gewählt,
es gebe auch einen wunderschönen Palast, den er uns gerne zeigen würde, wenn
er nicht so in Eile wäre, dort hätten die Engländer Gandhi zwei Jahre lang
eingesperrt. Er schnippt die Asche aus dem Fenster und hupt, als vor uns ein
Ochsenkarren nicht von der Stelle kommt. Meistens, erzählt er uns, müsse er
die Fahrgäste nur bis Poona bringen, denn die wollten zum Rajneesh Ashram, das
sei kein guter Ort, dieser Bhagwan habe dem Ruf der Stadt geschadet; hoffentlich
sei der Guru, den wir suchten, ein besserer. Er wirft die Zigarette aus dem
Fenster. Diese Gurus verdrehten den Leuten aus dem Westen den Kopf, das sei mit
Indern nicht so leicht möglich. Allerdings seien manche Dinge in diesem Land
auch für Inder gefährlich. Der Monsun zum Beispiel. Es sei nicht ratsam, während
der Regenzeit zu reisen, und zum Glück sei es jetzt noch eine gute Weile bis
dahin, wir also seien außer Gefahr. Er sieht sich kurz um und lächelt mir
beruhigend zu. Ich sage, dass ich das schon von meinem Bruder wisse und sehe
Lukas an, der neben mir sitzt und ins Leere starrt.
„Es ist im Monsun auch nicht ratsam, aus dem Haus zu gehen“, fährt Viju
fort und schnalzt mit der Zunge.
„Es sei denn, das Haus wird weggespült“, sage ich.
Er lacht.
„Sie machen Witze, nicht wahr, Madam?“
Aber ich hätte natürlich Recht. In der Tat verlören sie auf diese Weise jedes
Jahr viele Menschen, Slumbewohner, er aber möchte uns von einer Gefahr
berichten, die allen Menschen während des Monsuns drohe. Er macht eine Pause.
Tatsächlich verschwänden jährlich eine Menge Menschen nur deshalb, weil sie
das Haus verließen und in einen Gully fielen.
Ich frage ihn, wie lange wir etwa brauchen werden bis Solapur. Er sieht auf die
Uhr, sagt, wir würden es heute noch schaffen, er müsse es heute noch schaffen,
es sei sehr wichtig, aber die Gullydeckel, die nämlich würden tatsächlich
geklaut, er reibt sich den Nacken. Vielleicht auch bloß weggenommen, damit das
Wasser besser abfließe. Die Menschen fielen hinein und verschwänden für
immer. „Schrecklich, nicht wahr?“ Ich stimme ihm zu und frage, ob wir
mittags eine Pause machen könnten, trotz seiner Eile, er lächelt; erst der
Magen, dann Gott, das sei so ein Sprichwort bei den Hindus, dem er viel
abgewinnen könne. Selbstverständlich würden wir mittags Rast machen, er kenne
da ein sehr gutes Restaurant in einer Kleinstadt, da bekomme man sogar Alkohol
und Fleisch. Er wartet einen Moment, dann sagt er, es gebe richtige Banden, die
schlügen Profit aus dieser Situation, die rollten an tiefen Stellen einen Stein
auf die Straße, möglichst in die Nähe von Schlaglöchern, und von denen gebe
es ja genug in Indien, er kichert, und einer von ihnen stelle sich dann auf den
Stein, als Lockvogel, der Autofahrer denke, das Wasser sei nicht besonders tief,
krache hinein, das Auto schlucke Wasser und ohne Hilfe komme da niemand mehr
heraus. „Dann tauchen seine Kameraden auf und helfen dem Fahrer. Für viel
Geld, versteht sich. Oder sie rauben ihn aus, je nachdem. Ganz schön gewitzt,
nicht wahr?“
Er lächelt, als würde er sich an etwas erinnern, und ich frage, ob er das
schon einmal erlebt habe. Ja, aber das sei lange her. Da sei er noch ganz jung
gewesen und gerade nach Mumbai gezogen. Er hält inne, reibt sich wieder den
Nacken.
„Ich habe auf dem Stein gestanden.“
Als ich nichts sage, wirft er immer wieder kurze Blicke in den Rückspiegel.
„Aber das ist lange her, Madam. Heute verdiene ich mein Geld anders. Sie sehen
es ja!“
Wir haben den Highway erreicht und sind eingekeilt zwischen Lastern. Am Straßenrand
liegen umgefallene Fahrzeuge, wie große Tiere, die sich zum Schlafen hingelegt
haben.
Eines Tages, fährt Viju fort, sei er ein guter Mensch geworden. Das verdanke er
dem Monsun. Durch ihn habe er gemerkt, dass er nicht an Gott glaube, sondern an
die Menschen. „Ich rede wohl sehr modern, nicht wahr?“
„Sie meinen westlich?“ fragt Lukas und klingt bitter.
Viju dreht sich zu ihm um, er ist erfreut, dass Lukas endlich redet.
„Ich glaube schon. So denkt man bei Ihnen doch, oder?“
„Bei uns kann man alles denken. Alles ist möglich. Es ist im Grunde sehr
langweilig.“
Viju lächelt anerkennend, sagt, die indische Gesellschaft sei ganz anders, da
gebe es die Kasten, obwohl gesetzlich längst verboten, zum Beispiel die Unberührbaren,
die dürfe man nicht berühren, und vor Jahren noch hätten sie ihr Kommen laut
angekündigt, Posch, Posch, der Latrinenputzer kommt, er lacht, und alle seien
zur Seite gesprungen, als käme der König, auch der sei unberührbar, wo bitte
also sei der Unterschied, der Palast, na gut, aber einsam seien sie beide.
„Ich interessiere mich nicht für Ihr Land.“
Ich hebe das Bierglas hoch, als wollte ich darauf anstoßen.
„Ich bin nur hier, um meinen Bruder zu begleiten. Er ist blind. Er braucht
mich. Das ist alles. Mein Bruder interessiert sich übrigens auch nicht für Ihr
Land. Er will hier nur vergessen, wo er herkommt.“
Viju sieht mich verständnislos an und Lukas sagt auf Deutsch, ich würde immer
sehr unangenehm, wenn ich trinke. Der Kellner fragt, wer das American Chicken
bekommt. Ich nehme den Teller entgegen und bestelle ein drittes Kingfisher.
Viju lächelt und starrt auf den Tisch. Lukas sagt etwas auf Hindi, Viju wiegt
wohlwollend den Kopf hin und her und erwidert etwas, das ich nicht verstehe,
wendet sich plötzlich an mich, sagt, mein Bruder sei sehr gescheit, er habe ein
gutes Herz, und viel Menschenkenntnis, denn es gebe tatsächlich einen
besonderen Grund, weshalb er so viel vom Monsun erzähle. Der Monsun habe ihm
die Bedeutung des Todes offenbart und das dürfte uns wohl interessieren. Der
Tod sei sehr wichtig, der habe ihm das Leben gerettet, der Moment, in dem der
Tod drohe, denn da entscheide sich alles, das sei der einzige Moment im Leben,
in dem man klar sehe. Man sei sehr ehrlich mit sich selbst. Denn man sei so völlig
allein. Und so sei ihm in diesem Augenblick klar geworden, dass er nicht an Gott
glaube. Statt dessen habe er verstanden, dass er an seine Familie und an seine
Freunde glaube. Und dadurch erst sei er ein guter Mensch geworden, nicht also,
weil er an Gott glaube, denn das tue er nicht, es war eher so, dass er deshalb
ein guter Mensch geworden sei, weil er nicht mehr an Gott glaubte. Und, ja, in
der Tat verdanke er das alles dem Monsun. Er habe es nicht aus irgendeinem Buch.
Er habe es selber herausgefunden. Das sei bestimmt anders als bei uns im Westen,
da erfahre man alles aus Büchern, er aber habe, zugegeben, wenig Bücher
gelesen, im Grunde gar keins. Alles was er wisse, wisse er aus Erfahrung, und
das werde er uns jetzt erzählen. Eines Tages nämlich, als der Monsun gerade
erst begonnen habe, sei er durch die Stadt spaziert. Nicht dass wir dächten, er
sei unvorsichtig: Die Straßen seien da noch nicht überschwemmt gewesen. Er sei
zur Uferpromenade gegangen und habe zusammen mit den Schaulustigen die Aussicht
auf das Arabische Meer genossen. Die Wellen seien sehr hoch gewesen; sie
schlugen über die Kaimauern. Über ihm hätten die Seevögel Kreise gedreht und
laut geschrien. Es sei wunderbar gewesen, wirklich wunderbar, doch plötzlich
habe sich vom Meer her etwas genähert, dunkel und groß, eine Flutwelle, die
sei immer schneller und größer geworden, in seinem ganzen Leben habe er nicht
eine so riesige Welle gesehen. Zuerst sei er beeindruckt gewesen, doch dann sei
ihm klar geworden, dass sie über ihnen zusammenschlagen würde und dass es kein
Entkommen gebe. Noch heute habe er die Schreie der Leute im Ohr; sie seien in
Todesangst gewesen, riefen all ihre Götter an, jeder einen anderen Namen: Ram,
Krischna, Shiva, Durga, alle seien sie umgekommen, die Welle habe jeden mit ins
Meer gerissen, und sogar die, die hätten schwimmen können, seien ertrunken. Er
selbst sei tief ins Meer gezogen worden, habe aber keine Angst gehabt. Er sei
ganz ruhig geblieben, habe seine Familie vor sich gesehen und die Menschen, die
er kannte, er habe nicht zu Gott gebetet, nein, das habe er nicht, aber er habe
sich gefragt, was der Grund dafür sei, denn er habe doch jahrelang gebetet und
die Riten vollzogen, und jetzt, in diesem letzten Augenblick, bete er nicht, wie
denn das möglich sei. Und da habe er gewusst, dass er nicht an Gott glaube, und
das sei sein letzter Gedanke gewesen. Er sei aufgewacht in einem unbekannten
Raum, es habe geregnet, wie immer, der Regen habe auf das Dach getrommelt. Er
sei im Breach Candy Hospital gewesen, wie durch ein Wunder sei er an Land gespült
worden, obwohl er nicht an Gott geglaubt habe, während die, die ihre Götter
angerufen hätten, alle ertrunken seien. Vielleicht sei er gerade deshalb an
Land gespült worden, weil er sich nicht widersetzt habe, weil er aufgegeben
habe.
Lukas ist unruhig geworden, jetzt lehnt er sich vor, will sichergehen, dass er
gehört wird, sein T-Shirt berührt den Tellerrand und saugt sich mit der
dunklen Soße voll.
„Viju, Sie sind dumm! Gott hat Ihnen sehr wohl geholfen, denn Sie haben an ihn
gedacht. Sie müssen nicht an ihn glauben, erst recht nicht seinen Namen
plappern, so wie die anderen. Sie müssen sich nur erinnern.“
Er lässt sich zurückfallen, atmet schwer, als hätte ihn das sehr erschöpft.
„Meinem Bruder geht es nicht so gut, bitte entschuldigen Sie.“
„Nein, nein, Ihr Bruder ist sehr gescheit. Er kennt sich aus. So argumentieren
sie hier. Die Pandits, die Gelehrten. Sie verdrehen einem den Kopf damit, man
weiß nie, ob sie Recht haben oder nur Tricks anwenden. Ehrlich gesagt, da ich
kein gebildeter Mensch bin, muss ich meiner Erfahrung vertrauen. Deshalb glaube
ich an die Menschen und nicht an Gott.“
„Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht.“
„Er redet doch ganz klar“, sagt Lukas.
„Warum sagst du dann, er sei dumm?“
Viju sieht uns aufmerksam zu, sagt dann, der Moment des Todes kehre seither
immer wieder. Zum Beispiel heute Morgen, als noch alle schliefen, sei er auf die
Dachterrasse gestiegen, das tue er immer, die Luft sei dann so frisch und ohne
Geruch. Er habe über die Häuserdächer gesehen und den Mond angeschaut. Er sei
gerne mit ihm allein; manchmal habe er das Gefühl, der Mond wolle ihm etwas
mitteilen. Obwohl er so weit weg sei, wolle er mit ihm sprechen! Aber er
verstehe ihn nicht, noch nicht, er sei nur kurz davor. Es sei sehr mysteriös,
das gebe er zu, es sei ein bisschen wie mit dem Meer.
„Sie sind ja wohl doch religiös“, sage ich.
Viju lächelt, schaut auf die Uhr; wir müssten jetzt aber weiter, denn
vielleicht würden wir das Dorf, das wir suchten, nicht sofort finden. Wir könnten
ja auf der Fahrt weiterreden.
Zwischen den Fußgängern leuchtet manchmal ein orangefarbenes Gewand auf. Dann
versuche ich, das Gesicht zu sehen, die Augen, jedes Mal mit einem Ziehen im
Magen.
„Diese Swamis sind seltsame Leute“, sagt Viju, der meinen Blick bemerkt hat.
„Sie leben in einer anderen Welt.“
Er dreht sich zu mir um und lächelt vielversprechend. Ich frage, ob er
vielleicht eine Geschichte dazu weiß. Er lacht, möchte etwas sagen, doch auf
der Fahrbahn taucht eine Menschenansammlung auf, sie stehen um etwas herum. Viju
hupt, dann muss er bremsen.
Ich steige aus.
Durch die aufgeregten Stimmen bricht ein grelles Kreischen. Ich frage jemanden,
was geschehen ist und er sagt, „Dog bites girl.“
Da sehe ich sie. Schwarze Zöpfe mit roten Schleifen, die durch die Luft
fliegen, während sie den Kopf hin und her schleudert. Ihr Mund ist weit
aufgerissen, doch sie hat jetzt keine Stimme mehr. Ein Mann hebt sie hoch, bahnt
sich den Weg durch die Menge. Sie kommen dicht an mir vorbei. Das Blut an ihrem
Hals ist geronnen und ihr linkes Ohr ist schwarz, als sei es verkohlt.
Die Straße wird wieder frei, wir fahren weiter.
Viju sagt, das machten sie manchmal. Sie würden die Wunde auf diese Weise
desinfizieren. Sie setzten dabei ganze Körperteile in Brand.
Nach ein paar Minuten bitte ich ihn, anzuhalten. Reiße die Tür auf und übergebe
mich noch im Sitzen. Als ich mich wieder aufrichte, spüre ich Lukas’ Hand auf
meiner Schulter, von der Berührung wird mir erneut übel und ich erbreche noch
einmal.
Viju stellt den Motor ab. Aus der Ferne kommen Radiogeräusche.
„Wie hieß noch gleich das Dorf, das Sie suchen?“ fragt er.
„Chandrapur“, antwortet Lukas.
„Und wo soll das sein?“
„Südlich von Solapur.“
„Ich dachte, Sie wüssten es genauer.“
„Nein. Aber ich habe bisher immer alles gefunden, was ich gesucht habe.“
Er klingt beleidigt.
Viju sieht auf die Uhr und beginnt eine Melodie zu summen, als wollte er sich
und Lukas beruhigen.
Die Sonne geht unter. Das Geröll auf den Feldern wirft lange Schatten. Ein
Junge taucht in dem rötlichen Licht auf. Er treibt eine Schafherde auf die
andere Seite. Auf der Straße teilt sich die Herde und fließt wie Wasser zu
beiden Seiten am Wagen vorbei.
„Bis Solapur sind es noch zwei Stunden“, sagt Viju. „Ich muss nach Rodhara.
Das liegt eine halbe Stunde nördlich von Solapur.“
Er summt weiter und Lukas richtet sich auf.
„Diese Melodie. Was ist das?“
„Ein Lied. Meine Mutter hat es früher gesungen.“
„Ich kenne das, von Dharmesh, meinem Freund. Er sagte, sie würden es in
Chandrapur singen.“
„Das ist gut möglich. Rodhara liegt ja wohl nicht weit von Chandrapur. Und
ich komme aus Rodhara.“
„Das heißt, Sie sind unterwegs, um Ihre Eltern zu besuchen?“ frage ich.
„Das kann man so sagen. Ja. Ich habe sie sehr lange nicht gesehen. Viele Jahre
nicht mehr.“
Er schaut stumm auf die Fahrbahn. Lukas und ich warten, dass er weiterspricht.
Vielleicht ist es das erste Mal, dass wir darauf warten, dass er weiterspricht.
„Sollen wir fahren?“ fragt er. „Geht es Ihnen besser?“
Ich nicke und Viju startet den Motor. Beim nächsten Dorf hält er an. Er steigt
aus und bittet Lukas, mitzukommen. Ich sehe sie Hand in Hand die Straße
entlanggehen und dann in einem Geschäft verschwinden. Als sie zurückkehren,
sehen sie unzufrieden aus.
„Wir sind noch zu weit weg“, sagt Lukas. „Sie kennen es nicht. Sie kommen
ja aus ihrem Dorf nie raus.“
Viju fährt nun schneller und er senkt das Tempo kaum, wenn wir ein Dorf
erreichen. Hinter uns wirbeln Staub und Abfall durch die Luft.
„Die Menschen im Westen sterben anders als die Menschen im Osten“, sagt er
plötzlich.
„Das stimmt“, sagt Lukas.
„In unseren Schriften heißt es: Die Art, wie ein Mensch stirbt, ist die Art,
wie er gelebt hat. Es heißt auch: Woran ein Mensch im Moment des Todes denkt,
ist das, was ihn nach seinem Tod erwartet. Das ist seltsam, nicht wahr. Aber
meinen Sie, es ist falsch?“
„Ich weiß es nicht“, sagt Lukas.
Viju scheint mit dieser Antwort zufrieden. Er wiegt den Kopf hin und her und
sieht gedankenverloren auf die Fahrbahn.
„Aber das ist es, was man in diesem Land glaubt“, sagt er schließlich.
„Und bei Ihnen glaubt man etwas anderes. Das heißt also, was ich glaube, hängt
davon ab, wo ich lebe. Das scheint mir verdächtig, Ihnen nicht? Darf ich
fragen, welche Vorstellung man bei Ihnen vom Tod hat?“
„Man kommt danach in den Himmel“, sagt Lukas.
„Einfach so?“
„Man muss getauft sein. Dann ja. Einfach so.“
„Nicht schlecht“, sagt Viju und lacht. „Das klingt bequem.“
„Auch das Leben dort ist bequem“, sagt Lukas.
„Und dennoch haben Sie solche Angst vor dem Tod, nicht wahr? Bei uns wäre man
froh, wenn man das glauben könnte, was Sie glauben. Dass es mit dem einen Leben
getan ist. Nein, wir haben keine Angst vor dem Tod. Wir haben Angst vor dem
Leben, das nicht aufhört.“
Die Dörfer wirken gleich, vor allem in der Dämmerung.
Viju hält vor einer Garküche. Der karge Raum wird nur von einer Glühbirne
erhellt und er ist überfüllt mit Menschen, die an Tischen sitzen und essen.
Lukas bittet mich, mitzukommen, damit es schneller geht. Außerdem könne Viju
nicht führen; mehrmals sei er fast hingefallen.
Ich frage einen Jungen, er lächelt und sagt ein Wort; es ist der Name des
Dorfes, in dem wir sind. Lukas fragt ihn noch einmal nach Chandrapur und der
Junge wiegt jetzt den Kopf hin und her. Wir kehren wieder zum Auto zurück.
Lukas an meiner Hand, ich ziehe ihn hinter mir her, er stolpert, fängt sich
wieder, flucht. „Alles habe ich damals gefunden. Und ich würde auch dieses
Dorf finden, wenn ich nicht blind wäre. Ich würde wissen, wen ich fragen muss,
ich würde den Richtigen fragen. Ihr fragt die Falschen.“
„Ich habe meine Eltern sehr lange nicht mehr
gesehen“, fährt Viju fort. „Ich will offen mit Ihnen sprechen. Sie sind ja
auch sehr offen mit mir. Inzwischen kennen wir uns. Und bald werden wir uns
trennen. Nun, es ist keine schöne Geschichte. Aber vielleicht lernen Sie etwas
aus ihr. Sie sind noch sehr jung.“
Er sieht in den Rückspiegel, unsere Blicke treffen sich.
„Ich habe das Haus meiner Eltern nicht mehr betreten, seit ich siebzehn war.
Damals bin ich nach Mumbai durchgebrannt. Ich habe das ganze Geld aus der
Haushaltskasse genommen. Es war viel Geld. Seitdem darf ich das Haus meiner
Eltern nicht mehr betreten. Das Verbot gilt nur dann nicht, wenn jemand aus der
Familie stirbt. Es gilt nun seit fünfundzwanzig Jahren. Meine Eltern wissen
also gar nichts über mein Leben in Mumbai. Nur mein Bruder, mit dem telefoniere
ich manchmal heimlich.“
Es ist nun so dunkel, dass Viju die Scheinwerfer anstellt. Immer wieder schlagen
Nachtfalter gegen die Scheibe und zerplatzen.
„Die Familie ist sehr wichtig“, sagt er. „Es ist nicht gut, in Unfrieden
zu sein mit den Menschen, denen man das Leben verdankt. Ich habe mein Weggehen
immer bereut. Nein, meinen Vater vermisse ich nicht, denn der hat mir das
Hausverbot erteilt. Aber meine Mutter. Und sie vermisst mich auch. Ich weiß es
von meinem Bruder.“
„Sie müssen uns irgendwo hinbringen“, sagt Lukas. „Ein Hotel, wo wir übernachten
können. Dann sehen wir morgen weiter.“
„Es tut mir leid“, sagt Viju, „aber ich kann nicht mehr länger mit Ihnen
Ihr Dorf suchen. Es ist schon spät. Ich bin sehr in Eile. Es ist vielleicht
schon zu spät.“ Er hält inne. „Vor zwei Tagen habe ich wieder einen Anruf
von meinem Bruder bekommen. Er sagte, es sei soweit, ich könne nun kommen. Ich
habe auf diesen Anruf immer gewartet. Manchmal habe ich sogar befürchtet, dass
meine Mutter eines Tages nur deshalb stirbt, um mich wiedersehen zu können.“
Ich schaue zu Lukas, der sich das Haar aus dem Gesicht streicht, Luft holt, und
dann nur seufzt. Viju fährt schweigend weiter. Es ist jetzt völlig dunkel, nur
die Lichtkegel des Wagens leuchten ein paar Meter weit die Fahrbahn aus. Ich überlege,
wie spät es sein könnte, möchte nicht fragen, nicht sprechen, möchte mich
nicht nach vorne beugen, zum Zifferblatt am Armaturenbrett. Lukas dreht sich auf
die Seite, mit dem Gesicht zu mir, und hält sich an der ausgeklappten
Lederlehne zwischen uns fest. Irgendwann gleiten seine Finger die Kante hinab,
und seine Wange rutscht im Takt der Schlaglöcher am Polster auf und nieder.
Vielleicht soll ich denken, er sei eingeschlafen.
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