Pazifik Exil von Michael Lentz, 2007, S.FischerMichael Lentz

Pazifik Exil
(Leseprobe aus: Pazifik Exil, Roman, 2007, S. Fischer).

Es war aber ein Zeichen

Ich habe recherchiert und eine paradoxe Entdeckung gemacht,

sagt Lion Feuchtwanger.

Wir müssen nicht recherchieren, fällt ihm Brecht ins Wort,

um Hitler zu stürzen, müssen wir was unternehmen, dafür

sind wir ja da.

Das eine muss das andere ja nicht ausschließen, schlichtet

Heinrich Mann.

Ich weiß schon, wie das Recherchieren endet, vom Dritten

Reich werden wir nachher jeder eine eigene Version haben,

und jeder lässt sich vom anderen die andere Version erzählen,

dann wird jeder sagen, nicht schlecht, auch eine interessante

Version, aber leider unbrauchbar, sagt Brecht.

Funkstille. Man hat sich vorerst nichts mehr zu sagen. Die

Herren kennen das. Der Krieg macht mürbe, vor allem, wenn

nicht eintrifft, was man sich erhofft. Insbesondere Feuchtwanger

tut sich durch wilde Spekulationen hervor. Brecht interessiert

sich schon mehr für die Gestaltung Nachkriegsdeutschlands.

Heinrich ist der ganzen Sache überdrüssig. Er

habe zu dem Thema genug gesagt und geschrieben, allein die

Wirklichkeit komme nicht nach. Was für ein Luxus, sagt er,

was für ein Luxus, dass wir uns hier ungefährdet streiten,

während alles ohne uns ausgemacht wird. Und doch, so Lion,

können wir nichts anderes tun, als unser Ritual aufrechtzuerhalten,

uns jeden Mittwochabend hier zu treffen, eine Art

Schattenkrisenstab.

Brecht holt eine Zigarre heraus, Heinrich schlägt vor, im

Garten der Villa zu rauchen. So ist das also,wenn man die Kollegen

zu einem Gespräch außerhalb der sonst üblichen Tagesgeschäftigkeit

einlädt, denkt Lion. Immerhin ist die Villa

geräumig genug, dass man sich für ein paar Minuten aus dem

Weg gehen kann. Thomas Mann war anfangs auch eingeladen.

Als Brecht davon erfuhr, drohte er Lion, die Freundschaft aufzukündigen.

Lion hätte es ahnen können. Thomas Mann war

souverän genug zurückzutreten. Brecht verlor über die Angelegenheit

kein Wort mehr.Wo ich bin, ist kein Thomas Mann,

hatte er Lion einmal gesagt. Zwischen Heinrich und Brecht ist

Thomas kein Thema.Heinrich hatte da mal schlichten wollen,

worauf Brecht nur mit dem Hinweis auf die früheren elenden

Zwistigkeiten zwischen den Brüdern konterte. Brecht und

Heinrich gehen im Garten auf und ab, in entgegengesetzter

Richtung. Ihr Gehen hat etwas Marschierartiges. Brecht die

Hände in den Hosentaschen, die Zigarre im Mund, Heinrich

die Hände hinterm Rücken verschränkt, den Kopf gesenkt. Da

ist etwas in der Luft, sagt Heinrich, nachdem sie so eine Weile

auf und ab gegangen sind.Brecht hebt ruckartig den Kopf und

sucht den Himmel ab. Es ist da vorne in Richtung Blumenbeet,

sagt Heinrich.

Ich sehe nichts, und hören tu ich auch nichts.

So etwas Sirenenartiges, aber leise, wie ein kleiner Feuerwerkskörper,

der erst in die Luft schießt und dann wieder zu

Boden pfeift.

Und was ist es?

Ich weiß es nicht. Ich sehe es nicht.

Die beiden nähern sich vorsichtig dem Blumenbeet. Hier

muss es sein. Heinrich putzt seine Brille, was Brecht ermuntert,

seine aufzusetzen. Stille.Nichts rührt sich.Vielleicht sind

wir zu nahe dran, meint Heinrich und schlägt vor, in den vor

dem Beet stehenden Gartenstühlen Platz zu nehmen. Sie beschließen,

nichts mehr zu sagen und nur noch flach zu atmen.

Heinrich hat es als Erster und deutet mit der rechten Hand auf

die Geräuschquelle und ihr Treiben. Ungefähr so groß nur,

deutet die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger an: Kolibris.

Ein Rothals inmitten von roten Lippenblütlern. Ohne

Unterlass umkreist er sein Reich und verteidigt es gegen seinesgleichen.

Der grüne Kollege soll sich um die grünen Blumen

kümmern! Schraubt sich meterhoch in die Luft und

stürzt, ganz Wurfpfeil, prompt zurück. Das Pfeifen der durchschnittenen

Luft. Das meiste sehen wir nicht, das meiste dringt

nur ans Ohr, sagt Heinrich.

Lion, der in der Balkontür der Küche gestanden ist, bittet

Marta, einen Kaffee zu kochen, möglichst stark, dass die Herren

wieder zur Besinnung kommen. Da ist eine Nervosität im

Spiel, sagt er, das geht mir langsam, aber sicher auf die Nerven.

Und wenn der Brecht sich nicht langsam mal am Riemen reißt,

werde ich ihn nicht mehr einladen.Nach einer Weile sitzen die

drei wieder vereint am runden Tisch in Lions großem Bibliotheksraum.

Das muss man Ihnen lassen,Feuchtwanger, Sie haben

so viele Bücher, das ist auch schon eine Form von Widerstand.

Es fragt sich nur, ob ausschließlich gegen die Nazis oder

nicht auch gegen Amerika, das beim Anblick so geballter europäischer

Kulturgeschichte zusammenbrechen muss.

Marta bringt den Kaffee. Du bist heute so indianisch, so indianischer

als sonst, stellt Lion fest.Heinrich mit seinem Herzen

solle den Kaffee vielleicht doch nicht trinken, rät Marta.

Er soll den Herren mal ruhig den Kopf frei machen, da muss

das Herz eben mal ordentlich pumpen. Heinrich gibt Lion

vollkommen recht.

Heinrich Manns Zeitdiagnose sei völlig schiefgewickelt,

sagt Brecht, da ist kein Standpunkt drin, nur Selbstbespiegelung

– im Gewande des neunzehnten Jahrhunderts.

Womit wir also beim Thema wären, poltert Lion los,wissen

Sie, Brecht, Ihr V-Effekt-Gequatsche, Ihre endlosen Indoktrinierungen

übers epische Theater im Allgemeinen und das epi-

sche Prinzip im Besonderen, damit bringen Sie nicht nur die

Amerikaner auf die Palme, von deren Theater Sie so gar nichts

halten wollen, damit können Sie auch mich mal am Arsch

lecken. Ich kann dem Zeug schon nicht mehr zuhören. Gehen

Sie weiter!

Heinrich rückt die Brille zurecht. Meine Herren, es darf

doch wohl nicht wahr sein, dass wir hier anfangen, uns gegenseitig

anzufallen. Genügt es denn nicht, dass wir überhaupt

hier sind, anstatt daheim? Das wäre dem Schnurrbart doch die

größte Freude, wenn er wüsste, wie wir hier miteinander umgehen.

Ganz meiner Meinung, erwidert Lion. Und Brecht?

Brecht räkelt sich.

Sogenannterweise artrein ist die braune Suppe jedenfalls

nicht, greift Lion den Faden wieder auf. Der Führer habe einen

jüdischen Großvater, sagt man.Weiß da jemand was? Das Hakenkreuz

wird ihr Untergang sein. Die haben sich da ein Symbol

ausgesucht, das sich an ihnen rächen wird.

Wie bitte? Wer behauptet denn so was? Das ist doch die

Höhe, wer so einen Scheiß in die Welt setzt, ist für den Widerstand

verloren, so was verliert sich im Sektierertum.

Eins ist klar: Die Halunken haben da so eine ArtDeutungsverbot

verhängt, das ist doch aufschlussreich, die wollen sichergehen,

dass die Deutungshoheit ganz bei ihnen liegt. Das

ist ihr einziges Argument.Weil die das Zeichen gestohlen haben.

Ursprünglich bedeutet es etwas ganz anderes, und die Nazis

machen ein Mordzeichen daraus. Die verdrehen es ein bisschen

und schon wird aus dem Lebenszeichen ein Zeichen des

Todes.Wenn das rauskäme, wenn alle das wüssten, die hätten

doch an Glaubwürdigkeit verloren. Jetzt tun sie so, als hätten

sie’s erfunden.

Haben sie’s nicht?, fragt Heinrich.

Nicht die Bohne, sagt Brecht, die haben doch gar nichts erfunden,

die haben alles geklaut, selbst ihr Antisemitismus

kommt aus dem Pfandhaus.

(...)

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