Liebeserklärung von Michael Lentz, 2003, S.FischerMichael Lentz

Liebeserklärung'
(Leseprobe aus: Liebeserklärung, Roman, 2003, S. Fischer)

Diese deutsche Regenlandschaft. Eine heruntergekommene, eine Deutsche Bahn. Grenzenlose Verspätung. Zwei Stunden Sinnlosigkeit an Frankfurter Gleisen. Erfurt enthauptet, Weimar wie nie gewesen. »Gibst du mir noch einen Kuss?«, und warum der Kuss plötzlich so feucht ist, warum deine Zunge so zügellos in meinen Mund drängt, du reckst mir deinen Schoß entgegen, deinen warmen, geliebten Schoß. Und warum die Küsse plötzlich so ununterbrochen sind, dein Schoß so fordernd. Und du mir in die Hose langst, undsoweiter. Unsere Schöße, die füreinander gemacht sind. Ganz einfach. Gab es eine Zeit, da wir nicht zusammen waren, fragst du. Und unsere Schöße klüger sind als unser wildgewordener, fassungsloser Mund, der eine Dummheit an die andere reiht, der sich erbricht, entbindet. Unser Mund liegt zwischen uns, und wir schauen ihm zu. Fragend. Dass du seit längerem nicht mehr von Liebe sprichst, fiel mir auf, sagte ich dir. Eine fast diskrete Zurückhaltung ist deine Hinwendung. Ich habe dich also so erschreckt, drohte, zu packen und abzuhauen hier, wo ich doch nicht mal alles ausgepackt habe, seit Monaten steht das Zeugs im Keller rum, geschichtet, gestapelt, anfallsartig kündigte ich meine Flucht an, das passt nicht, sagte ich, deine Freunde passen auch nicht, nichts passt, ich passe hier nicht hin, habe ich gesagt, so erschrocken, dass du selbst schmale Abwandlungen, Andeutungen nicht über die Lippen bringst. Großheringen. Stell man sich mal vor. Güldengossa, Großpösna. Stell man sich auch mal vor. Liebe ist doch nicht das Zusammenklappen von Faltplänen. Was aber eine Posse ist, sagt der alte Däne, und die Liebe ist auch eine Posse. »Gute Nacht, und erhole dich gut«, sagst du schroff, »du stehst eine Stunde früher auf, terrorisiere mich nicht«, fügst du an. Was ist denn da passiert? Meinst du, morgen früh bumsen wir mal nicht, wolltest du das sagen? Wer bist du? Irgendwann fängt halt alles wieder von vorne an. »Da habe ich gedacht, es geht nicht mit uns«, fängst du an. »Warum hast du das gedacht?« »Als du sagtest, du wollest mal mit ihm reden, ob er uns nicht seinen Stellplatz im Hof geben könne, schließlich habe er eine Erlaubnis und könne auch auf der Straße parken.« »Und da hast du gedacht, es geht doch nicht mit uns.« »Ich dachte, es steht dir nicht zu, ihn zu fragen. Ihn so zu fragen, dachte ich, steht dir nicht zu.« »Weil du die Hausherrin bist.« »Weil er schon viel länger hier ist.« »Und wo ist das Problem?« »Das ist eine mentale Differenz, zwischen dir und mir.« »Da gibt es aber noch viel gewichtigere, fundamentalere.« »Und dann das mit dem Telefon.« »Was war denn mit dem Telefon?« »Dass du sagtest, du wüsstest eigentlich nicht, wofür du das zahlen solltest.« »Ich sagte, ich zahle das, auch wenn ich doch erstaunt bin, das Ding mit dem bloßen Betätigen einer Taste von heute auf morgen außer Gefecht gesetzt zu haben.« »All die Jahre funktionierte es tadellos.« »Und du willst sagen, dann komme ich, und nichts geht mehr.« »Plötzlich fallen die Geräte aus.« »Aha.« »Ob wir zusammenpassen ...« »Wird sich noch zeigen.« »Ja.« »Und diese beiden Nichtvorkommnisse stürzen dich in tiefe Zweifel.« Neigetechnik. Kurz vor Leipzig mit jahrelanger Verspätung. Deutschland ist zu spät. Ein sich selbst überlebt habender Kasten. Tarifrunde. Helfershelfer. Reformmotor abgewürgt. Die Deutsche Bahn ist das endgültige Ende des deutschen Wirtschaftswunders. Seit Monaten haben wir die Seuche, sagt der Herr Schaffner. Kein Ankommen. Fahre ich weg von dir, fahre ich oft auf dich zu. Du bist die Ferne, so nah du auch sein magst. In der Nähe die Ferne, die Fremde. Zu leben ist nur eine komplexere Art, tot zu sein, heißt es in der Kunst. Ist das das »Prinzip Grausamkeit«? Ein resistentes Misstrauen habe ich gepflanzt. Und du bist fern, und fern bist du, wenn ich in dir bin. Und Nähe ist nur in der Ferne. Ist das so? Ist da nicht auch eine umhüllende Vertrautheit, ein Aufgehobensein, ein Schulteranlehnen, Ausheulen, Loswerden? Ausstellungsgelände Natur. Fleckenlandschaft, erstarrte Farbe. Häuserfronten. Tauchen auf. Tauchen ab. Ist hier kein Krieg gewesen? Ein Stillhalten, daran der Blick sich heftet, ein Ablenken, Kinderspaziergang an Vaters Hand, der Himmel ist ein Farbenmeer, ein Baum. Alle Bäume ein einziger, ein Kuppelbaum, der umhüllt. Der einfasst. Und soll man seine Zunge hüten? Die manchmal so lose ist, so stolpernd. Die blindlings hinausfällt. Wie oft sage ich mir: Zurückhaltung, Mundhalten, das Maß aller Dinge. Dass man sich aber traut, zu sagen, was man eh schon denkt. Und während man das ausspricht, fühlt man sich denken, das alle dies denken, was man soeben ausspricht. Und trotzdem Betretenheit. Es fehlt die Sprache. Ein akut erkrankter Familienfall, zum Beispiel. Eine verengte Halsschlagader. Prozentuale Hoffnung. Das Schlimmste, was man haben kann. Der von jedem gedacht Schlaganfall, der droht, der aber auch bei einer operativen Entfernung der Ablagerungen droht, der von einem Einzigen ausgesprochen wird, ein Einziger spricht aus, was alle denken, »Schlaganfall«, noch nie gehört, dieses Wort, was soll das sein?, so schaut man drein, aussprechen überflüssig. Dabei ist diesem verlöschenden Leben vielleicht gerade das Leben geschenkt worden, indem man da hinzeigen kann, und das Übel benennen, man kann »Schlaganfall« aussprechen als eine abzuwendende Drohung, später hätte man »Schlaganfall« nur aussprechen können als ein Fazit, ein Zuendegegangen. Da hat einer also sein Leben lang auf diesen Moment hingeraucht, hat also sein Leben lang rauchend an der Möglichkeit der Selbstauflösung gearbeitet, droht also von einem Tag auf den anderen in die Luft zu stieben wie Rauch, steht also kurz davor, selbst Zigarette zu werden, Zigarre, und das Innere dieses Menschen ist mittlerweile eine einzige fortschreitende Ablagerung, und ein einziger sagt »Schlaganfall«, während alle anderen dies denken, aber nicht sagen, und dann so ungläubig davor stehen, vor diesem Wort, das ja eine Unerhörtheit ist, eine Blamage, eine Zumutung, Unverschämtheit demjenigen gegenüber, dem jetzt, aber auch nach der angestrebten, schließlich erfolgreich verlaufenen Reinigung der Halsschlagader, die zu diesem Zweck geöffnet werden muss, ein Schlaganfall droht. Aber niemand sagt es. Aber nur einer sagt es. Und der ist schuld. Und das ist eine Aufgewühltheit, die du mitteilst, ich höre dich schwimmen, du schwimmst durch die Familiengeschichte, durchs trübe Wasser der Familiengeschichte schwimmst du, und du kannst dir nicht sicher sein, ob du das Wasser schwimmend erst aufwühlst, ob du vielleicht gar nicht schwimmen solltest, aber ich kann doch nicht untergehen wollen, sagst du, fernmündlich. Die Familie scheint im eigenen Gewässer still zu stehen, und nirgends ist Grund zu sehen, niemand sieht den Boden, auf dem er nicht steht, das Spiegelbild ist der Boden, und dann kommst du, und wühlst das Familienwasser auf, indem du einfach nur das sagst, was eh alle denken, indem du einfach nur »Schlaganfall« sagst. Kaum scheint man das Familiengewässer durchschwommen zu haben, hat es an Ausdehnung schon zugenommen, ist doppelt so breit, doppelt so tief geworden, und dir geht langsam die Puste aus, da hat es sich einfach verdoppelt, dieses an Gestank, so scheint es, nicht zu überbietende, diese auslaufende Fruchtblase. Die Deutsche Bahn, erzähle ich, während ich mit dir durch deine Familiengeschichte schwimme, ist eine raubtierartige Diebin im Stillstand, sie raubt dir am Bahnsteig weggestandene Lebenszeit, sie verkürzt dein Leben, indem sie durch abbröckelnde Fundamente, allerorten stattfindende Schlaganfälle deine Zeit verliert, macht sie dich kleiner, indem ihre Verspätung kein Ende nimmt, kein Ufer in Sicht, sage ich, kein Grund, kein Boden. Habe ich gestern so viel Alkohol getrunken, dass der Abstand zwischen mir und einer Gedächtnislücke die Dimension des Bodensees annahm, lässt mich der heutige Kaffeekonsum am Bahnsteig Züge einfahren sehen, von denen noch niemand gehört hat. Deutschland ist eine Betriebsstörung. Ein Bröckelzustand. Eine Pleite. Es ist kein Fortkommen aus Deutschland, weil jede Teilstrecke dein Leben verkürzt, jeder Aufenthalt bedeutet Verspätung, wo der Zug auch immer hält, bleibt er liegen, du sitzt in einem Zug der sogenannten Deutschen Bahn, diesem Sinnbild deutscher Betriebsstörung, und flehst Zauberkräfte herbei, dass er nicht hält, wenn er fährt, flehst du herbei, dass er gar nicht mehr hält, flehst du herbei, bis du an Ort und Stelle bist, wenn er doch bloß einmal fahren würde, er kommt aber gar nicht erst in Sicht. Hält aber dieser bald schon auseinanderbrechende Zug tatsächlich an, und sei es auch planmäßig, wenn auch selbstverständlich nicht pünktlich und schon gar nicht zeitgemäß, beginnt für kühle Rechner das Aufaddieren verspäteter, nicht mehr einzuholender Zeit als Verkürzung von Lebenszeit, und die Deutsche Bahn, sage ich in Mannheim laut und deutlich, sollte jemanden einstellen, gut bezahlt, dem man dafür in die Fresse hauen darf, sage ich. Lese ich in Leipzig in einer Telefonzelle das schmucke Wort »Akkordglück«, so klingt die bloße Andeutung des Wortes »Anschlusszug« schon wie Körperverletzung, und in Berlin geht dann gar nichts mehr. Seit Jahren nirgends aufzufindender, nirgends statthabender, stets aber lautstark angekündigter Ersatz des Schienenersatzverkehres. Vom ICE sanftes Herabstufen auf den Bus, der nicht fährt, fehlt also die unmerklich, aber dringend notwendige Wiedereinführung der Droschke. »Abgangsverspätung« hinwiederum ist keine hohldeutsche Umschreibung einer spezifischen Spritztechnik, sondern dänische Höflichkeit. Für dasselbe immerwährende Phänomen: Alles ist später und »überhaupt«, wie der alte Däne sagt; alles ist später, nur der Tod ist nicht später. Der Tod ist das einzige Zeitlose dieser Erdenveranstaltung. »Ist da noch frei?« »Nein!«

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