Michael Lentz

Traktat

vielmehr habe ich mein erstaunen darüber zum ausdruck gebracht, daß der mensch noch lebt, das ungeziefer, daß er noch eine hoffnung trägt, denken zu können und sterben zu dürfen.
der mensch ist nämlich glatt, ohne widerspruch. nicht vater, nicht mutter. der vater zeugt nicht, die mutter zeugt nicht. ist aber nicht das liegen die dem menschen angemessene form der existenz: eine in sich selbst ruhende unwissende gleichgültigkeit. ein die wissenschaft widerlegendes liegen!
der kopf des menschen, hört man sagen, sei eine klägliche pflanze. sein kopf spiegelt nicht die welt, keine welt spiegelt seinen kopf. es geht das gerücht, sein kopf sei unmöglich, die milch der mutter abzulehnen. da können wir nur lachen!
er soll noch immer fühlen können. das sanfte gleiten seiner genitalien hat er nicht verlernt! er soll sich seiner orgasmen schämen. er soll sich schämen! wir müssen die wörter ja so installieren, daß sie unser nicht mehr bedürfen. ein ziel soll der mensch vor augen haben.
das ziel des menschen in der geschichte aber ist der kollektive selbstmord. er genießt die welt als selbstmordvorrichtungsspaß.
er soll daran eine gewisse freude haben. soll er haben! er soll klug genug sein, die perspektive sinn in einen großen vater zu verleugnen. der alte herr muß doch immerhin mit der möglichkeit rechnen, daß wir nicht auf ihn, sondern auf uns selber warten.
womit beschäftigt sich der mensch? mit der mond- und sonnenfinsternis. mit einem neuen sonnensystem. er rechnet sein ende aus. und das ist gut so. einsame jahre verbringt er aufrecht in schamloser sehnsucht. er hat sehnsucht nach dem tier. er möchte wieder gebückt durch die jahre ziehen. betrachten wir heimlich sein kriechen auf vorder- und hinterpfote! auch der alte herr will wieder wort werden. er wartet schon. der mensch sagt, herr, komm dir zuhilfe! zuweilen ist er schwach. zuweilen glaubt er, mensch zu sein. zuweilen glaubt er, schwach zu sein. hier haben wir ein bündel hoffnung, einen kalten waisen, der inmitten seiner geilheit friert.
große abschiedsvorbereitung in der welt. die niedliche menschenwelt! ihre traurige sehnsucht nach diesem endlich ruhigen nichts. nach ruhe jedenfalls. und dennoch letzte woche ein kind gezeugt, das eines tages vergeblich auf das reich der mitte warten wird. ein sogenanntes menschlein, wenn alles gut gegangen ist. ein zungenloses nickerchen.
hinter verschlossenen türen wird das menschlein reglos auf dem boden sitzen. es wird nichts zu lachen haben. es wird kalt sein. kalt in seinem kopf und kalt in der welt.
auf allen vieren erscheint der mensch am horizont.

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