|
|
Der Neue
(Leseprobe aus: Solaris, Roman,
2003, dtv)
Um neunzehn Uhr Bordzeit stieg ich,
vorbei an den Leuten, die den Schacht umstanden, über die Metallsprossen ins
Innere der Kapsel hinab. Drinnen war gerade genug Platz, um die EIIbogen
wegzuspreizen. Sobald ich das Ende in die Leitung geschraubt hatte, die aus der
Wand hervorstand, blähte sich der Raumanzug auf, und von nun an konnte ich
nicht die kleinste Bewegung mehr ausführen. Ich stand - oder hing vielmehr - im
Luftbett, mit der Metallhülle in eins verfugt.
Als ich den Blick hob, sah ich durch die vorgewölbte Scheibe die Wände des
Schachtes und weiter oben Moddards darübergeneigtes Gesicht. Es verschwand
sofort, und Finsternis brach herein, denn von oben wurde der schwere Schutzkegel
aufgesetzt. Ich hörte den achtmal wiederholten Pfiff der Elektromotoren, die
die Schrauben festzogen. Dann das Zischen der Luft, die in die Amortisatoren
eingelassen wurde. Das Auge gewöhnte sich an die Finsternis. Schon sah ich den
blaßgrünen Umriß des einzigen Kontrollanzeigers.
»Fertig, Kelvin?« ertönte es in den Kopfhörern. »Fertig, Moddard«
antwortete ich.
»Sorg dich um nichts. Die Station empfängt dich dann«, sagte er. »Glückliche
Reise!«
Ehe ich zum Antworten kam, knirschte etwas über mir, und die Kapsel erbebte.
Instinktiv spannte ich die Muskeln an, aber es geschah weiter nichts.
»Wann geht es los?« fragte ich und hörte etwas rascheln, so, als rieselten Körnchen
von feinstem Sand auf eine Membran. »Du fliegst schon, Kelvin. Alles Gute!«
antwortete Moddards nahe Stimme. Bevor ich noch daran glaubte, tat sich gerade
vor meinem Gesicht ein breiter Spalt auf, durch den ich die Sterne erblickte.
Vergebens bemühte ich mich, Alpha des Wassermanns aufzufinden, zu dem der
Prometheus entflog. Der Himmel in dieser Gegend der Galaxis sagte mir nichts,
ich kannte auch nicht eine Konstellation, im schmalen Fenster war andauernd
funkenblitzender Staub. Ich wartete, wann sich der erste Stern eintrüben
sollte. Ich gewahrte es nicht. Sie wurden nur schwächer und schwanden,
verschwammen im immer röteren Grund. Ich begriff, daß ich schon in den äußersten
Schichten der Lufthülle war. Steif, in die pneumatischen Polster eingemummt,
konnte ich nur geradeaus schauen. Noch immer war kein Horizont da. Ich flog und
flog und spürte es gar nicht, nur daß meinen Körper langsam, schleichend,
Gluthitze überflutete. Draußen regte sich leises, durchdringendes Zwitschern
wie von Metall über nasses Glas. Ohne die Ziffern, die im Fensterchen des
Kontrollanzeigers sprangen hätte ich mir gar nicht klargemacht, wie jäh ich
fiel. Sterne waren nicht mehr da. Rostrote Helle füllte das Sichtfenster aus.
Ich hörte den eigenen Puls schwer gehen, das Gesicht brannte, im Nacken spürte
ich den kalten Luftzug von der Klimaanlage; ich bedauerte, daß es mir nicht
geglückt war, den Prometheus noch zu sehen - er muß schon außer Sichtweite
gewesen sein, als die automatische Vorrichtung das Sichtfenster öffnete.
Die Kapsel zuckte einmal und noch einmal, vibrierte unerträglich, dieses
Zittern ging durch alle Isolierhüllen, durch die Luftpolster; und drang tief in
meinen Körper - der blaßgrüne Umriß des Kontrollanzeigers verwischte sich.
Ich betrachtete das ohne Angst. Nicht um am Ziel zugrundezugehen kam ich von so
weit hergeflogen.
»Station Solaris« sagte ich. »Station Solaris, Station Solaris! Tut
irgendwas. Mir scheint, ich verliere die Stabilität. Station Solaris, hier ein
Anflieger. Empfang.«
Und wieder verpaßte ich einen wichtigen Moment, das Auftauchen des Planeten.
Riesig, flach breitete er sich aus, den Ausmaßen der Streifen auf seiner Oberfläche
konnte ich entnehmen, daß ich noch weit war. Oder eigentlich hoch, denn ich
hatte schon diese nicht festsetzbare Grenze hinter mir, wo aus dem Abstand von
einem Himmelskörper Höhe wird: Ich fiel. Fortwährend fiel ich. Jetzt spürte
ich das, sogar als ich äle Augen schloß. Ich öffnete sie gleich wieder, denn
ich wollte soviel wie möglich sehen.
Ich wartete einigemal zehn Sekunden Stille ab, dann rief ich neuerlich. Auch
diesmal erhielt ich keine Antwort. In den Kopfhörern wiederholte sich
salvenweise das Geknatter atmosphärischer Entladungen. Seinen Hintergrund
bildete ein Rauschen, so dumpf und tief, als wäre das die eigene Stimme des
Planeten. Den orangefarbenen Himmel im Sichtfenster überzog eine Trübung. Sein
Glas wurde dunkel; instinktiv krampfte ich mich zusammen, so gut es meine
pneumatischen Bandagen zuließen, bis ich in der nächsten Sekunde begriff: das
waren Wolken. Wie hochgeblasen, sauste die Wolkenbank nach oben davon. Ich sank
weiter, bald in der Sonne, bald im Schatten, die Kapsel drehte sich um eine
senkrechte Achse, und die riesige, wie aufgeschwollene Sonnenscheibe trieb
rhythmisch vor meinem Gesicht vorbei, von links erscheinend und rechts
untergehend. Auf einmal, durch all das Rauschen und Geknatter, begann mir direkt
ins Ohr eine ferne Stimme zu plappern:
»Station Solaris an Anflieger, Station Solaris an Anflieger. Alles in Ordnung.
Anflieger unter Kontrolle der Station. Station Solaris an Anflieger, vorbereiten
zur Landung zum Zeitpunkt null, ich wiederhole, vorbereiten zur Landung zum
Zeitpunkt null, Achtung, Anfang. Zweihundertfünfzig, zweihundertneunundvierzig,
zweihundertachtundvierzig...«
Die einzelnen Wörter waren getrennt durch Bruchteile von Miau-Tönen,
Anzeichen, daß es kein Mensch war, der sprach. Das war zumindest seltsam.
Normalerweise rennt alles, was lebt, auf den Flughafen, wenn jemand Neuer
ankommt, noch dazu direkt von der Erde. Ich konnte jedoch nicht länger darüber
nachdenken, denn der gewaltige Kreis, den die Sonne rund um mich zog, bäumte
sich hoch mitsamt der Ebene, auf die ich zuflog; dieser Neigung folgte eine
zweite, in die Gegenrichtung; ich schwankte wie das Gewicht eines riesigen
Pendels, und gegen den Schwindel ankämpfend, erblickte ich auf dem wie eine
Wand hochstehenden, von schmutziglila und schwärzlichen Streifen gebänderten
Planetengefilde ein winziges Schachbrett aus weißen und grünen Pünktchen -
die Markierung der Station. Zugleich riß sich etwas mit Geknatter von der Außenseite
der Kapsel los: das lange Geschirr des Ringfallschirms, der heftig knisterte; in
diesem Geräusch lag etwas unaussprechlich Irdisches - erstmals, nach so vielen
Monaten, das Rauschen von wirklichem Wind.
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © dtv